RTL II: gefangen in der Trash-Falle

Für die Verantwortlichen von RTL II war es vielleicht ein böses Erwachen, als neue Formate wie "Abenteuer Afrika", "Das Tier in mir", "Tattoo Attack" oder "Generation Ahnungslos" floppten. Der Sender hat versucht, die Lücke, die die scheinbar endlose Trash-Schleife “Big Brother” hinterlassen hat, mit noch mehr Trash zu füllen. Das hat nicht funktioniert und Unterhaltungschefin Julia Nicolas muss gehen. Der Sender will nun eine Art Qualitätsoffensive starten. Dabei sitzt RTL II längst in der Trash-Falle.

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Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s gänzlich ungeniert, lautet ein Sprichwort aus der Mottenkiste. Auf RTL II trifft der Spruch zu. Nur dass es sich mit dem ungenierten Ruf mittlerweile auch nicht mehr gut leben lässt. Ruiniert ist der Ruf von RTL II schon lange und wenn man wissen will, wer dafür verantwortlich ist, muss man nicht auf die Unterhaltungschefin Julia Nicolas schauen, sondern auf Josef Andorfer, der bis 2005 Geschäftsführer des Senders war und dessen geistiges Erbe RTL 2 bis heute prägt. Andorfer hat RTL II in seiner Ära das Trash-Gen eingepflanzt. Unter seiner Führung entstanden Sendungen wie “Big Brother” und die schrille Castingshow “Popstars”, die seit der dritten Staffel bei ProSieben läuft. Damals ging das alles noch als frische Ideen durch, als “TV-Experiment”. Im x-ten Aufguss zünden die Andorfer-Ideen mittlerweile aber nicht mehr.

Andorfer war es auch, der aus dem Vermarkterverbund der RTL Group, IP Deutschland, ausscherte und einen eigenen Vermarkter namens El Cartel Media gründete. 2005 musste Andorfer im Streit mit den Gesellschaftern seinen Hut nehmen. Der kaufmännische Geschäftsführer Jochen Starke übernahm die Senderführung als Übergangslösung. Eine Übergangslösung, die bis heute Bestand hat. Starke hat es nie verstanden, dem Sender ein eigenständiges Profil zu verpassen, stattdessen verwaltet er das Erbe des Josef Andorfer. Einer wie Andorfer hätte dem Sender womöglich schon längst wieder ein neues Profil verpasst. Die aktuelle Sender-Leitung von RTL II hat diese Chance verpasst.

Die Container-Show “Big Brother”, in der Verhaltensauffällige und tätowierte Amateur-Erotik-Darsteller duschen oder Psychospielchen absolvieren müssen, ist für den Sender zum Markenzeichen geworden. Daneben steht der Kanal nur noch abstruse, gescriptete Dokusoaps wie “Frauentausch”, die ein Zerrbild der Wirklichkeit vermitteln. Ein Parallel-Universum, das von tätowierten, adipösen, kettenrauchenden Hartz-IV-Empfängern bevölkert wird. Schaltet man beim Zappen aus Versehen bei RTL II vorbei und es läuft ausnahmsweise ein ordentlicher Spielfilm, erschrickt man regelrecht.

Das ist das Dilemma von RTL II. Als Zuschauer erwartet man von dem Sender nur noch billigsten Trash. Die Sender-Verantwortlichen dachten wohl: Okay, die Leute wollen Trash also geben wir ihnen Trash. Dabei heraus kamen die aktuellen Sendungen, in denen sich u.a. der schmerzfreie Transvestit Olivia Jones mit Dung einreibt und als Dromedar verkleidet unter Tiere mischt. Seltsamerweise funktioniert dieses immer weiter nach unten drehen der Trash-Spirale nun aber plötzlich nicht mehr. Nicht nur die Kritiken sind mies, auch die Quoten.

Die Folge: RTL II schmeißt die Unterhaltungschefin raus und es wird von einem “standardisierten Evaluationsprozess” gefaselt, der sicherstellen soll, dass die Programme künftig in “größerem Maße als bisher den qualitativen Ansprüchen gerecht werden”. Man bekommt eine Gänsehaut, wen man sich vorstellt, wie das ablaufen könnte. Bisher zeichnet sich der Sender eher durch hyperaktive Programm-Entscheidungen aus. Die Formate “Baustelle Liebe” und “Der Kreuzfahrtkönig” wurden jüngst nach nur zwei bzw. drei Folgen wieder aus dem Programm gekippt, als die Quote nicht stimmte. Jetzt musste eben die Unterhaltungschefin gehen. Hier wird hektisch an den Symptomen herumgedoktert ohne, dabei reichen die Ursachen der Misere tief in die Sender-DNA hinein.

RTL II ist so etwas wie der schmuddelige, ins üble Milieu abgerutschte entfernte Verwandte der RTL Group. Während die RTL Group von Gerhard Zeiler und RTL-Deutschland-Chefin Anke Schäferkordt mit harter Hand ultraeffizient auf Quote und Profit getrimmt wird, leistet sich das schwarze Schaf der Senderfamilie, RTL II, einen Ausrutscher nach dem nächsten. Zeiler und Schäferkordt können bei RTL II nicht konsequent durchregieren, weil neben der RTL Group (35,9 Prozent) auch noch die Bauer Media Group (31,2 Prozent), Tele München (31,5 Prozent) und mit einem Mini-Anteil von 1,1 Prozent Hubert Burda Media beteiligt sind.

Diese Unabhängigkeit von den beiden großen TV-Blöcken RTL Group und ProSiebenSat.1 hatte Josef Andorfer als Chance zu nutzen versucht und den Sender als eine Art enfant terrible zwischen den stromlinienförmigen Senderketten positioniert. Der Dauer-Konflikt mit den Gesellschaftern wurde Andorfer letztlich aber auch zum Verhängnis. Sein Kurs war ein Drahtseilakt. Andorfers Nachfolger drohen nun, die Balance zu verlieren.

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