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Wired erklärt das Web für tot

Wenn ausgerechnet das US-Magazin Wired das World Wide Web für tot erklärt, ist ihm Aufmerksamkeit gewiss: Schließlich sind die kalifornischen Journalisten seit 1993 die Propheten und Vordenker alles Digitalen. Natürlich prophezeit Wired nicht das Ende des Internets, sondern den weiteren Siegeszug für spezialisierte Apps auf verschiedenen Plattformen. Andere Tech-Journalisten hielten sofort vehement dagegen: Auch die von Apple protegierte App-Ökonomie werde irgendwann ihren Höhepunkt überschreiten.

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Illustriert ist der Wired-Titel der September-Ausgabe mit einer eindrucksvollen Grafik: Danach ist der Traffic des "eigentlichen" Webs seit 2000 auf unter 25 Prozent des gesamten Datenverkehrs zurückgegangen. Den größeren Teil machen inzwischen Peer-to-Peer-Verbindungen (zum Beispiel mittels Skype) und Videos aus, die zum Beispiel mit Flash abgespielt werden.

Grafik oder Kunstwerk? Laut Wired hat das
Web (rot) gegenüber Video (rosa) verloren

Die These der Titelgeschichte lautet: Die Welt des WWW, der universellen Sprache HTML und von Browsern, die sie einigermaßen zuverlässig darstellen, ist unumkehrbar auf dem Rückzug. Sie wird abgelöst durch halb oder ganz geschlossene Plattformen, die mit speziellen Applikationen arbeiten – Apples erfolgreiches Modell für iPhone und iPad. Wired-Autor Chris Anderson trauert dem alten, "freien" World Wide Web ein wenig nach, sieht aber die Vorteile der App-Sphäre: "Es ist die Welt, die Verbraucher zunehmend wählen, nicht, weil sie die Idee des Webs ablehnen, sondern weil die Plattformen besser funktionieren und besser in ihr Leben passen."
Zu den prominenten Gegnern dieser These gehört zum Beispiel Erick Schonfeld von Techcrunch: Andersons Beobachtung möge im Moment richtig sein, aber die Sache entwickle sich in Wellen: "Die Browser werden die Vorteile der Apps bei der Handlichkeit aufholen". Auch im mobilen Internet würden die Nutzer eines Tages der Apps überdrüssig werden und sich wieder für Browser und offene Webseiten entscheiden.
Zudem hinterfragt Schonfeld die Zusammensetzung der ausgesprochen bunten Wired-Grafik: Die Trennung der Bereiche "Web" und "Video" sei wenig sinnvoll, zumal das Angebot von YouTube nicht dem Web zugerechnet wird, obwohl man die Videos auch in Browsern sehen kann. Entsprechend kommt er zu dem Ergebnis: "Das Web lebt!"
Ähnlich sehen das die Blogger von Boing Boing und stellen fest, dass die Grafik den immens gestiegenen Internet-Traffic der letzten Jahre nicht angemessen darstellt: "Man kann sich leicht ausrechnen, dass die Internet-Nutzung insgesamt so stark wächst, dass das Web keinesfalls schrumpfen kann."
Die New York Times erinnert daran, dass trotz der unzähligen Appls viele Bereiche des Web – wie beispielsweise Facebook – ebenfalls drastisch wachsen. Zudem seien viele Apps so stark mit dem Web verwoben, dass die beiden Bereiche kaum sinnvoll voneinander unterschieden werden könnten: Mit Ausnahme von Spielen greifen die meisten Apps auf bestehende Web-Angebote zurück.
Verlässliche Voraussagen kann in dieser Frage sicher niemand machen. Dabei ist sie gerade für Verlage entscheidend: Lohnt es sich, alle Ressourcen auf (Bezahl-)Applikationen zu verlegen? Kann man es riskieren, dafür bei Websites zu sparen?
Eine interessante Pointe der Story hat Valleywag entdeckt: "Wired sagt, das Web ist tot – auf seiner immer profitableren Webseite."

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