„Wie ein politischer Konfirmand“

Die Kritiken für Seiberts ersten Auftritt als Regierungssprecher fallen sehr zurückhaltend aus: Vor den versammelten Ex-Kollegen wirkte der Amtsneuling auf Hans-Jürgen Jakobs von der SZ wie ein "politischer Konfirmand", während die Frankfurter Rundschau die Note "fast fehlerfrei" vergab. Die Welt rät Seibert, für seinen neuen Job das "wortreiche Ausweichen" auf Fragen noch zu üben und das Blog der Tagesschau ist überzeugt, dass sich der Ex-ZDF-Mann "das nicht nochmal leisten kann".

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Hans-Jürgen Jakobs, Sueddeutsche.de:
Für Jakobs von der Süddeutschen hat sich Steffen Seibert durch den Amtsantritt verändert, statt des "angenehmen Presenters" wirke der 50-Jährige nun "wie ein Schlaks, wie ein politischer Konfirmand":
"Wie schnell das geht, das Umschalten von Presse-Neutralo auf Regierungsschmeichler! (…) Lieber redet Seibert jetzt von der ‚Begeisterung‘, die er sofort im großen Bundespresse- und Informationsamt gespürt habe, ja sogar vom ‚intellektuellen Vergnügen‘ und vom ‚Privileg‘, dort arbeiten zu können. Alles eine Schleimspur zu dick. Vorgänger Wilhelm habe ihn dankenswerterweise in einem ‚Extra-Crashkurs‘ in die Feinheiten des Postens eingeführt, und nun wird er bei allen wichtigen Runden dabei sein, so wie Ulrich Wilhelm vor ihm. (…)
Schon am Morgen, bei der ersten Runde vor Hauptstadtjournalisten, war Seibert erkennbar nervös gewesen. Er hatte in einem Wust von Papieren gewühlt und auf die Frage aller Fragen, die nach seiner Zukunft, eine amtstypische Antwort gefunden: ‚Schauen wir mal, wie das ausgeht‘. Damit liegt man nie falsch. Dieser Satz geht immer, übrigens auch als Abschluss eines Artikels."

Günter Bannas, FAZ:
"Die Autorität des Regierungssprechers gründet sich auf das Vertrauen, das die professionell Neugierigen zwischen der Bundeskanzlerin und ihrem Sprecher ausmachen oder auch nur vermuten. Frau Merkel war also freundlich. Sie wünsche Seibert, auch wenn die Leute sagten, sie tue dies vor allem aus Eigeninteresse, viel Erfolg und auch persönlich alles Gute. Er sei neugierig, sagte sie, was sie also zu schätzen scheint, und man sehe ihm rasch an, wenn er eine politische Angelegenheit nicht gleich zu hundert Prozent durchschaue. Viel spricht dafür, dass Frau Merkel sich auch deswegen den ZDF-Journalisten Seibert entschied, weil sie ihn nicht als eitel oder besserwisserisch, selbstverliebt oder hochmütig wahrgenommen habe – weder bei seinen Fernsehauftritten noch sonstwo."
Ralph Bollmann, Taz.de:
"Er weiß nicht viel, wie sollte er auch. Die Kanzlerin hatte ihren ersten Arbeitstag nach dem Urlaub, früh um sieben hatte er kurz mit ihr gesprochen. Aber Seibert gibt sich auch wenig Mühe, Detailkenntnis vorzutäuschen. (…)
Es ist nicht leicht mit den Fragen von ein paar Dutzend Journalisten, selbst wenn man vorher vor Millionenpublikum im Fernsehen moderiert hat. ‚Ich bin neu in jeder Art von Behörde, neu in der Politik, neu in Berlin‘, wird Seibert zwei Stunden später sagen, als ihn die Kanzlerin vor den Mitarbeitern des Presseamts ins Amt einführt. Und zumindest das mit der Behörde werden ihm manche beim nicht eben unterbürokratisierten ZDF nicht glauben."
Karl Doemens, Fr-online.de:
"Als die Bundespressekonferenz (…) zu Ende geht, ist Seibert mit sich nicht ganz zufrieden: ‚Da war noch Luft nach oben‘, findet er. Die meisten Augenzeugen finden hingegen, der ehemalige ZDF-Moderator habe seine Feuertaufe als Regierungssprecher ordentlich bestanden. Eine pralle Ladung von Fragen ist über ihn heruntergeprasselt: Wehrpflicht, Steuern, Atom, Gesundheit – alles, was sich während der Sommerpause so aufgestaut hat. Der 50-Jährige hat ein bisschen oft in seine Unterlagen geschielt (‚ich muss noch lernen, hier ohne dreieinhalb Kilo Papier auszukommen‘), aber keinen kapitalen Bock geschossen."
Stephan Haselberger, Tagesspiegel.de:
"Tatsächlich hat Seibert bei seiner ersten Regierungspressekonferenz vor den Hauptstadt-Korrespondenten erst gar nicht versucht, den Eindruck zu erwecken, er überschaue die Dinge in Gänze. Statt dessen spricht er gleich zu Beginn von seiner Nervosität: ‚Es ist wie Abitur und Führerscheinprüfung zusammen.‘ Das wirkt sympathisch und entschuldigt den einen oder anderen Lapsus, der dem Nachrichten-Profi während der 90-minütigen Befragung unterläuft. Einmal kommentiert er die Steuersenkungsvorschläge der FDP in ungewöhnlicher Deutlichkeit als irrelevant für das Regierungshandeln. Ein andermal verweigert er die Antwort auf die Frage nach den Themen bei der bevorstehenden Begegnung von Merkel mit dem neuen tschechischen Premier Petr Necas. Auch das entspricht nicht den Gepflogenheiten. (…) Tragisch ist das alles nicht. Steffen Seibert übt noch, so ist das am Anfang. Es kann nur nicht lange so bleiben."
Corinna Emundts, Blog.tagesschau.de:
"Was bleibt nach dem ersten Auftritt von Merkels neuem Regierungssprecher? Der Eindruck, dass er sich das nicht nochmal leisten kann. Sonst nimmt den EX-ZDF Mann Seibert in seiner neuen Rolle keiner unter den Berliner Journalisten ernst. (…) Für Politiker gilt die gute alte 100-Tage-Regel, für Seibert soll sie als frischgebackenem Staatssekretär, Chef des Bundespresseamtes und eben neuem ersten Regierungssprecher, auch gelten. Er soll erst mal loslegen. Und das erste Mal ist immer das schwierigste. Andererseits: Hätte er sich nicht wenigstens mal ein paar Videos vom Frage-und-Antwort-Spiel der Bundespressekonferenz zu Gemüte führen können? Er wirkte reichlich unbedarft angesichts dessen, was ihn da im Zusammenspiel mit dem politischen Journalismus erwartet. Angeblich hat er sich Protokolle durchgelesen, wie sowas abläuft. Vielleicht muss man es aber mindestens öfter mal gesehen und gehört haben."
Claudia Ehrenstein, Welt.de:
Ehrenstein rät dem neuen Regierungssprecher für zukünftige Auftritte, "bohrende Fragen der Journalisten wortreich zu beantworten, auch wenn er einmal nichts weiß":
"Nur eine halbe Stunde nach Beginn seiner ersten Pressekonferenz musste er zum ersten Mal passen: ‚Keine Ahnung.‘ Als zum selben Sachverhalt in verschiedenen Varianten nachgefragt wurde, stellte er fest: ‚Ich merke, Sie versuchen es mit verteilten Rollen immer wieder.‘ Da tönte es aus dem Saal: ‚Willkommen in der Bundespressekonferenz!‘ Das war für die Journalisten der Startschuss, nun erst richtig loszufragen."
Dirk Benninghoff, Stern.de:
Selbst einen wie Seibert, der nicht nur Nachrichtensendungen, sondern auch Shows moderiert hat, lässt der erste Aufritt auf der Berliner Bühne nicht kalt. (…) Der TV-Smartie versucht bei den Berliner Kollegen mit Demut zu punkten. Wenn er so gut sei wie Vorgänger Ulrich Wilhelm, sei schon viel gewonnen, gibt sich Seibert bescheiden. Und er verkündet, dass der neue Job eine Herzensangelegenheit sei. Er habe der Kanzlerin nach deren Anfrage ‚mit heißem Herzen zugesagt‘.
Heikel wird es für Seibert, als die Kollegen fragen dürfen. Die erste Frage im neuen Amt gilt der Regierungspolitik. Ob er die denn immer verstanden habe, wird der neue Merkel-Erklärer gefragt. Seibert weicht aus, meint die einfach formulierte Frage nicht richtig verstanden zu haben, redet dann über seine vorherige Tätigkeit."

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