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Wie Duisburgs OB der Schuldfrage ausweicht

Erster TV-Auftritt nach Medienrückzug: Am Sonntagabend stellte sich Adolf Sauerland im WDR den Fragen von Gabi Ludwig und Jörg Schönenborn – er sprach mit schwerer Stimme, lies jedoch vieles unbeantwortet. Sein Bedauern wirkte aufrichtig, vor einem persönlichen Schuldeingeständnis drückte er sich jedoch weiterhin. Auf die Frage nach seiner Mitschuld am Tod der 21 Menschen: „Wissen Sie, so was muss geklärt werden: Wer war der Verursacher dieses tragischen Ereignisses? So weit sind wir nicht.“

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In der WDR-Sendung "Kreuzverhör" äußerte sich Sauerland zum ersten Mal wieder in aller Öffentlichkeit. Bereits in der vergangenen Woche hatte der Duisburger OB gegenüber dem Spiegel eingestanden, dass er die Öffentlichkeit im Vorfeld des Events bewusst über die Besucherzahlen getäuscht habe. Dies war am Samstag in einer Vorabmeldung der Zeitschrift zu lesen. Demnach seien die "mehreren Millionen" erwarteter Besucher, von denen er selbst vor der Parade gesprochen hatte, "nur gepushte Zahlen" gewesen, "mit denen man Marketing und nichts anderes" gemacht habe. Zudem sagte der Oberbürgermeister dem Spiegel: "Es ist etwas falsch gelaufen, und zwar mit schlimmen Folgen." Nun folgte das erste Gespräch vor Kameras, nachdem sich die Wut – die von Rücktritts-Forderungen bis hin zu Morddrohungen (wie Bild am Montag titelte) reichte – vor allem auf seine Person konzentriert und der OB geschwiegen hatte.
Warum er sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen habe, wollte daher Moderatorin Gabi Ludwig auch als erstes wissen: „Ich habe zu Anfang Interviews gegeben und habe festgestellt, dass ich mich in einer Situation befinde, wo man sehr oft sehr schnell missverstanden wird," so der OB zu seinem Medienrückzug. Er habe sich zurückgenommen, um gemeinsam den Teil aufzuklären, für den die Verwaltung Duisburgs verantwortlich sei.
Der Oberbürgermeister wirkte von den Vorwürfen der letzen Wochen angeschlagen, seine Stimme klang mitgenommen. "Ich möchte heute hier darstellen was mich, was uns bewegt im Amt zu bleiben und zu sagen wir brauchen Antworten", sagt Sauerland zum Einstieg. Das "wir Antworten brauchen" erklärte Sauerland mehrfach, neue geben tat er allerdings wenig.
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Auffällig auch: An ihn persönliche gerichtete Fragen übertrug er häufig aufs Kollektiv. Immer wieder ein "Wir", wo es eigentlich "Ich" heißen müsste. So habe er sich die Frage, ob er zur Trauerfeier gehe oder nicht, "wirklich gestellt": "Aber nach reichlichen Überlegungen, auch weil wir gesehen haben, was dort an Emotionen, an Gefühlen im Raum stand, haben wir uns dann entschieden, und das war kein einfacher Schritt, das war wirklich eine ganz, ganz schwierige Entscheidung, zu sagen, ja, der Oberbürgermeister ist in Duisburg, aber er wird persönlich an der Trauerfeierlichkeit nicht teilnehmen.“
Auch darauf angesprochen, dass Sauerland gegenüber seiner Mitarbeiter gesagt haben soll, die Veranstaltung müsse auf jeden Fall stattfinden, übertrug Sauerland seine persönliche Aussage, auf das Allgemeine: "Dieser eine Vermerk aus der Verwaltung, wo drin steht "Der Oberbürgermeister wünscht die Veranstaltung" sei so zu verstehen, dass es einen politischen Willen gibt diese Veranstaltung in Duisburg zu machen."
WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn wollte wissen, ob die Wahl des Veranstaltungsortes ein Fehler gewesen sei. Diesen mochte der Oberbürgermeister jedoch nicht eingestehen: „Im Nachgang ist man immer schlauer. Im Nachgang weiß man von Dingen zu berichten, die man in der Planung sich nicht vorstellen kann.“ Man sei im Vorfeld sicher gewesen, dass die Veranstaltung auf dem Gelände stattfinden könne.
Vor einem persönlichen Schuldeingeständnis drückte sich Sauerland weiterhin. Direkt von Ludwig gefragt "Tragen Sie eine Mitschuld am Tod von 21 Menschen – Sie persönlich?" musste Sauerland tief einatmen und entgegnete dann: „Wissen Sie, so was muss geklärt werden: Wer war der Verursacher dieses tragischen Ereignisses? So weit sind wir nicht.“
Auch Schönenborn versuchte es direkt: "Wann treten sie zurück?", wollte der Journalist wissen. Sauerland erklärte, dass er nur als Oberbürgermeister im Amt Zugang zu Akten und Unterlagen habe, um offene Fragen aufzuklären: In dieser Situation bedrücken mich unheimlich viel Fragen, die ich möglichst schnell beantwortet haben möchte" Diese Fragen könne er jedoch nur beantworten, wenn er in dieser Position – "auch mit den ganzen Schwierigkeiten, die auf mich dann in so einer Situation einprasseln" – bleibe.
Er gestand jedoch ein, dass man sich die Frage stellen müsse, wie man nach so einem tragischen Unglück sein Amt als Oberbürgermeister weiter ausführen könne. Diese stelle er sich jedoch, wenn er Antworten habe. "Ich stelle mich dieser politischen Verantwortung. Ja, aber erst aufklären." Damit schloss er persönliche Konsequenzen zumindest nicht aus. Im Augenblick würde eine Neuwahl jedoch einen Zeitraum von mehreren Monate in Anspruch nehmen: "Wir brauchen aber jetzt die Antworten."
Auf Schönenborns Abschluss-Frage, ob er sich wünsche, die Loveparade nicht angenommen zu haben, antwortete der Oberbürgermeister: „Jeden Morgen, wenn ich wach werde, stelle ich mir vor oder wünsche ich mir, dass all das, was wir erlebt haben, nur ein böser Traum ist. Aber er ist Realität. Und wir müssen uns dieser Realität stellen und versuchen, aus dieser Realität zu lernen.“

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