Street View – die zehn wichtigsten Fragen

Bislang war Google Street View eher ein Thema für Datenschützer und Technik-Freaks. Seit kurzem hat der Dienst die Mainstream-Medien erobert, schaffte es gleich zweimal in Folge auf Seite 1 der Bild-Zeitung. Information, berechtigte Kritik, Panikmache und eine gewisse Ahnungslosigkeit sorgen dafür, dass Google Street View zum idealen Sommerloch-Füller geworden ist. Google sah sich sogar genötigt, mit einer Anzeigen-Kampagne zu reagieren. MEEDIA klärt die zehn wichtigsten Fragen zur Google-Angst.

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1. Warum gerade jetzt diese Aufregung über Google Streetview?

Das ist vielleicht die beste Frage überhaupt. Den Dienst Google Street View gibt es bereits seit mehreren Jahren. In Deutschland sind die Streetview-Autos von Google mit ihren weithin sichtbaren Kamera-Masten seit 2008 vorzugsweise in Großstädten unterwegs. Bisher hat sich die Diskussion um Streetview und eventuelle Verletzungen der Privatsphäre eher in technik-orientierten Kreisen und der Politik abgespielt. Seit einigen Tagen sind nun plötzlich Massenmedien wie Bild auf das Thema aufgesprungen. Grund für die plötzliche Medien-Hysterie inkl. der obligatorischen Interviews mit Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner und Promi-Umfragen ist offiziell, dass Google den Dienst bis Mitte September online stellen möchte. In Wahrheit ist die plötzlich geschürte Google-Angst wohl eher eine Mischung aus Sommerloch und medialem Herdentrieb.

2. Warum betreibt Google überhaupt diesen Aufwand mit Street View?

Es ist schon erstaunlich. Google rüstet weltweit Autos mit teuren 360-Grad Kameras aus, fotografiert akribisch Straßenzüge und nimmt langwierige juristische und politische Diskussionen in Kauf. Alles für ein Projekt, das derzeit noch kein Geld verdient und von dem nicht klar ist, ob es jemals Geld verdienen wird. In der Tat ist Street View aber ein wichtiger strategischer Baustein für Googles mobile Expansionsstrategie. Street View wird mit der Kartenanwendung Google Maps verbunden und stellt so etwas dar, wie die Zukunft der Navigationssysteme. Künftig werden alle mobile Geräte mit Googles Betriebssystem Android über Navigationssysteme verfügen, die nicht nur die Karten der Umgebung anzeigen, sondern die Umgebung selbst. Auf Googles eigenem Handy Nexus One ist das schon heute möglich. Gleichzeitig kann man in die Street-View-Bilder weitere Informationen einblenden, zum Beispiel Anzeigen für Sonderangebote eines bestimmten Shops. Für Nutzer kann das sehr nützlich sein. Google wittert hier das Geschäft der Zukunft. Für Hersteller von klassischen Navigationsgeräten ist Google Street View eher ein Alptraum.

3. Was nützt mir Google Street View?

Google Street View ist sehr nützlich, wenn man eine Urlaubsreise plant und sich die Umgebung des Hotels mal etwas genauer anschauen möchte. Da könnte sich beispielsweise herausstellen, dass das im Prospekt adrett fotografierte Hotel in Wahrheit direkt an einer großen Ausfallstraße liegt. Oder man schaut sich vor einem Umzug die neue Nachbarschaft an, prüft am Computer schon mal die Wege zum Supermarkt, zum Kindergarten etc. Wer Google Street View schon einmal benutzt hat, kann die Nützlichkeit dieser Anwendung kaum leugnen.

4. Kann mir Google Street View schaden?

Im Prinzip nein. Es werden keine Live-Bilder übertragen und die Fotos werden auch nicht ständig aktualisiert. Das würde nicht dem Verwendungszweck entsprechen und wäre auch viel zu teuer, selbst für Google. Street View macht auch keine Aufnahmen von Innenräumen oder Privatgrundstücken. Ausnahmen gibt es, wenn Firmen dies ausdrücklich wünschen. So hat Google auf Wunsch der Betreiber auch den Vergnügungspark Disneyland Paris von innen abfotografiert, weil sich die Betreiber davon Werbung versprochen haben. “Schaden” kann Street View nur in dem Sinne, dass man seine Privatsphäre dadurch verletzt sieht, dass ein Außenfoto der eigenen Behausung im Internet zu sehen ist. Dagegen kann allerdings recht unkompliziert Widerspruch eingelegt werden.

5. Wo gibt es Google Street View sonst noch und welche Erfahrungen wurden gemacht?

Google Street View ist für große Teile der USA verfügbar. Seit Mitte 2008 gibt es Streetview auch für Teile Frankreichs, Japans, Italiens, Spaniens, Neuseelands und Australiens. Seit Frühjahr 2009 ist Streetview in Großbritannien und Holland verfügbar. Später kamen u.a. Teile der Schweiz, Portugals, Mexikos, Dänemarks, Schwedens, Norwegens und Finnlands dazu. Ebenfalls bereits bei Street View einsehbar sind Hong Kong und Macao. Anlässlich der Fußball WM wurden Teile Südafrikas via Street View einsehbar gemacht.

Außer in Deutschland gibt es vor allem in Österreich Probleme mit dem Datenschutz. Die österreichische Datenschutzkommission hat durchgesetzt, dass das Abfotografieren durch Street-View-Fahrzeuge ausgesetzt wird. Bis zum Herbst soll ein Prüfungsverfahren abgeschlossen sein, in dem geklärt wird, welche datenschutzrechtlichen Auflagen Google erfüllen muss. Negative Auswirkungen von Street View sind nicht bekannt. Laut Einbruchstatistiken gab es keine Zunahme von Einbrüchen in Städten, in denen Street View eingeführt wurde.

6. Was unternimmt Google, um die Privatsphäre zu schützen?

Gesichter und Auto-Nummernschilder werden von Google von vorneherein unkenntlich gemacht. Sollte man trotzdem ein Foto bei Street View entdecken, das die eigene Privatsphäre betrifft, kann man bei Google Widerspruch gegen die Veröffentlichung einlegen. Widersprechen kann man mit einer E-Mail an streetview-deutschland@google.com oder mit einem Brief an Google Germany GmbH, betr.: Street View, ABC-Straße 19, 20354 Hamburg. Wenn Street View für Deutschland aktiv ist, kann man auch direkt aus der Anwendung heraus einen Widerspruch anmelden. Google hat die eigenen Bemühungen zum Datenschutz in einem putzigen Online-Video zusammengefasst.

7. Ab wann gibt es Google Street View in Deutschland?

Im Herbst will Google mit Street View in Deutschland starten. Ein fixes Startdatum wird nicht genannt. Nach dem bisherigen Verhalten von Google ist davon auszugehen, dass die Firma auch dann startet, wenn noch nicht alle Bedenken hundertprozentig ausgeräumt sind. Bei Google ist man offenbar der Auffassung, sich an bestehende Gesetze zu halten und das Vorhaben vorab ausreichend diskutiert zu haben.

8. Warum sind so viele Prominente gegen Google Street View?

Mit dem aktuellen Hype um Google Street View gibt es zahlreiche Promi-Umfragen in Zeitungen, Magazinen und TV-Sendungen. Viele Promis und Politiker äußern sich dabei kritisch zu Google Street View, haben aber offenbar wenig bis gar keine Ahnung, worum es eigentlich geht. So gab TV-Moderatorin Collien Fernandes zu Protokoll: “Ich würde mich ständig beobachtet fühlen mit dem Wissen, dass jeder, der meine Adresse kennt, mein Haus im Internet betrachten kann.” TV-Sternchen und Popsängerin Jeanette Biedermann sagte: “Ich glaube nicht, dass die Verantwortlichen von ,Street View‘ glücklich wären, dass man ihnen beim Nacktbaden im Garten zuschaut.” Solche Aussagen sind natürlich Unsinn, da Street View, wie beschrieben, lediglich einmalige Außenansichten von Behausungen fotografiert. Weder gibt es Live-Bilder, aktualisierte Bilder noch Bilder von privatem Gelände.

9. Warum schaltet Google auf einmal ganzseitige Anzeigen in Tageszeitungen für Street View?

Google sieht sich in Sachen Street View öffentlich in die Rolle des Bösewichts gedrängt. Medien, allen voran Bild, erzeugen den Eindruck, der Internet-Konzern wolle das Privatleben der Deutschen ausspionieren. Google reagiert darauf ganz klassisch mit einer Anzeigenkampagne, die die Problematik freilich auch nur an der Oberfläche berührt. Ganz leutselig wird Google Street View in den Anzeigen als eine Art bebilderter Reiseführer dargestellt. Zitat: “Gehen Sie auf eine virtuelle Sightseeing-Tour durch Rom, Paris, London und viele weitere Städte!” Dass dahinter in Wahrheit knallharte Geschäftsinteressen stecken (siehe Punkt 2) verschweigt Google naturgemäß lieber.

10. Haben deutsche Medien mit Google eine Rechnung offen?

Deutsche Verlage und Google sind zumindest nicht die besten Freunde. Deutsche Verlage kämpfen seit einiger Zeit für ein so genanntes Leistungsschutzrecht im Internet. Dabei geht es im Prinzip darum, dass man von Firmen wie Google gerne Geld hätte, wenn Ausschnitte aus eigenen Online-Inhalten zum Beispiel bei Google News genutzt werden. Die Verlage sehen Google mittlerweile zu Recht als den Konkurrenten Nummer eins, wenn es um die Verteilung von Online-Anzeigengeld geht. Die Themenarmut im Sommerloch mag der Hauptgrund für die aktuelle Anti-Google-Welle in den Medien sein. Dass man dabei seinen übermächtigen Online-Konkurrenten ein wenig an einer wunden Stelle piksen kann und ihn dazu bringt, Anzeigen in den eigenen Blättern zu schalten – das mag für Verlage ein ganz angenehmer Nebeneffekt sein.

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