Warum Dating-Portale Street View lieben

Leute holt die Kinder rein, Google hat 'nen Führerschein: Die Titelstorys der Bildzeitung zu Google Street View von vergangenen Freitag ("So ist Ihr Haus bald im Internet zu sehen!") trifft den Nagel leider auf den Kopf. Großbritannien ist seit 2009 von den virtuellen Kameras der US-Company geplagt. Mein Hund und ich sind auch darauf zu sehen. Der "Dienst" hat weltweit zu Rechtsstreits geführt und angesichts des limitierten Nutzens von Google Steet View, muss man sich fragen, was soll das Ganze?

Anzeige

Leute holt die Kinder rein, Google hat ’nen Führerschein: Die Bild Titelstory zu Google Street View vom gestrigen Freitag ("So ist Ihr Haus bald im Internet zu sehen!") trifft den Nagel leider auf den Kopf. Großbritannien ist seit 2009 von den virtuellen Kameras der US-Company geplagt. Mein Hund und ich sind auch darauf zu sehen. Der "Dienst" hat weltweit zu Rechtsstreits geführt und angesichts des limitierten Nutzens von Google Steet View, muss man sich fragen, was soll das Ganze?
Wenn man Google Street View im britischen Google öffnet, ist zuerst ein idyllisches Bild des Ausflugsziels Kew Garden in Südwest-London zu sehen. Keine Leute, blauer Himmel, englische Gartenanlage. Kein Grund zur Sorge. Aber dann suchen wir mal nach unserer eigenen Adresse: Ich wohne an einer Ecke, das heißt mein Haus wurde zweimal abgefilmt. Fährt man online beide Strassen runter, sieht man nichts auffälliges (außer dass die Hecke mal wieder geschnitten werden könnte), aber dreht man die Kameraperspektive um, steh ich da mit meinem Hund, und warte bis das Google-Auto vorbei fährt. Dabei war mir überhaupt nicht bewusst, dass es Google war, denn das Auto war nicht markiert. Mein Gesicht ist gepixelt, das meines Hundes aber nicht.
Mein Nachbar machte mich damals darauf aufmerksam, so als wäre ich jetzt berühmt. Ist Google Street View jetzt Big Brothers Casting Tape? Als der ‚Dienst‘ hier live ging, berichteten etliche Freunde stolz auf Facebook, wo sie von Google gefilmt wurden. Interessante Details kamen dabei zum Vorschein, z.B. wartete einer auf den Bus, jemand anderes kam vom Supermarkt wieder. Was war die Welt langweilig vor Street View!
An sich scheint der Dienst in erster Linie für soziales Stalking gut zu sein. Hatte man früher potentielle Dates erst einmal gegoogelt, kann man jetzt auch deren Wohnsituation ausloten. Sagt, er ist geschieden, wohnt aber noch im Reihenhaus mit (gepixelten) Kindern im Vorgarten? Gibt sich edel, wohnt aber im Hochhaus? Und krieg ich morgens da leicht ein Taxi? Dank Telefonbuchauskünften zu Geburtsdaten kann man gleich noch schauen, wo die zukünftigen Schwiegereltern wohnen. Eigentlich doch kein schlechter Service von Google. Vielleicht sollte Street View in Dating-Seiten eingebaut werden.
Aber ansonsten hat Bild leider recht: Google Street View ist ein Traum für Kriminelle. Abgesehen von unsicheren Gartenzugängen und potentiellen Fluchtwegen, ist es nun auch einfach zu sehen, wie ruhig und wie reich eine Gegend ist. Für den Terroristen im Training sind imposante Ziele wie Westminster Palace oder der Hauptsitz des Geheimdienstes digital abzuklappern.
Dann kommt dazu noch der Skandal im Mai, bei dem Google WiFi-Daten von zugänglichen Netzwerken ‚aus Versehen’ auf seinen Touren gesammelt hat (die Sammlung von SSID- und MAC-Daten wurde dabei von Google zugegeben). Während in Großbritannien die Google-Mobile in den letzten Tagen zur zweiten Filmrunde losgerollt sind, hat das Information Commissioner’s Office (ICO) am Mittwoch den Fall ‚Google Datensammlung‘ noch einmal angesprochen. War das amerikanische Unternehmen vor zwei Wochen noch von Anschuldigungen befreit worden, ‚bedeutende‘ Daten gesammelt zu haben, unterstrich das ICO nun, mit internationalen Partnern an dem Fall weiterhin zusammen zu arbeiten. Schließlich war Großbritannien das einzige Land, in dem Google freigesprochen wurde. Die Rechtslage hier macht es möglich.
Im Gegensatz dazu wird der Service in 37 US-Staaten untersucht, in Australien als gesetzeswidrig in Bezug auf das Recht zur Privatsphäre verurteilt, und in Südkorea wurde den Damen und Herren von Street View ein Überraschungsbesuch von Polizeibeamten abgestattet, die auch die Google-Autos inspizierten. Daher der Vorschlag für die nächste Bild-Kampagne: Mehr Südkorea braucht das Land.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige