Merkel-Sprecher: Stimmen zum Seibert-Antritt

Der gestrige Amtsantritt des bisherigen ZDF-Journalisten Steffen Seibert als Regierungssprecher wird von den Medien kritisch beobachtet. Die Welt erwartet, dass Seiberts TV-Renommee ihm bei der Vermittlung schwieriger Botschaften helfen wird, dagegen sieht die FTD für Seibert "angesichts vieler Zündstoffthemen eine Herkulesaufgabe" zukommen. Die Taz fragt, warum der Wechsel eines Journalisten zum Regierungssprecher kritisiert werde, nicht aber der umgekehrte Weg von Amtsvorgänger Wilhelm zum BR-Intendanten.

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Jörn Lauterbach, Die Welt:
"Schon häufig wurde Journalisten dieses Amt übertragen, aber nie war einer schon bei Amtsantritt in einer großen Öffentlichkeit so populär – und so beliebt – wie Seibert. (…) Ein Experiment wird es für beide Seiten dennoch sein, aber gerade die Regierungschefin hat in ihrer derzeitigen Lage ohnehin kaum noch etwas zu verlieren. Und Seibert ließ sich vorsichtshalber ein Rückkehrrecht vom ZDF zusichern, für den Fall der Fälle. Der Seitenwechsler – er war auch einst als Protestant zum Katholizismus konvertiert – würde dann zwar kaum noch als politischer Journalist auftreten können, denn Parteipräferenzen werden im öffentlich-rechtlichen Rundfunk bei aller internen Bedeutung im Postengeschacher nach außen gern verschwiegen. Ein Sprecherposten oder eine andere Leitungsfunktion wäre aber allemal denkbar."
Steffen Grimberg, Taz.de:
Grimberg hält es für bezeichnend, "dass in der Öffentlichkeit und in den Medien die Personalie Seibert für mehr Aufmerksamkeit sorgte und vor allem deutlich kritischer diskutiert wurde als der Jobwechsel des Mannes, den Seibert nun an Angela Merkels Seite ersetzt. Dass man für den Posten des Regierungssprechers einen Spitzenjournalisten holt, ist weder ein Skandal noch bedenklich. Dass der ehemalige Regierungssprecher Ulrich Wilhelm 2011 Intendant beim Bayerischen Rundfunk wird, schon."

FTD.de:
"Steffen Seibert kennt sich mit Krisen aus. 11. September, Tsunami, Haiti. Als ZDF-Moderator fand er oft die richtigen Worte, konnte Versagen von Behörden oder Politikern anprangern, weil er Weltereignisse von außen betrachtete. (…)
In der neuen Funktion wird es aber primär darauf ankommen, die Deutungshoheit zu gewinnen. Für einen Medienprofi wie Seibert einerseits eine gewohnte Übung, andererseits angesichts vieler Zündstoffthemen eine Herkulesaufgabe: Afghanistan-Einsatz, Bundeswehrreform, Atomlaufzeiten, Gesundheitsreform, Sparpaket, Hartz-IV-Umbau."
Hugo Müller-Vogg, Bild.de:

"Die relative Ruhe in Berlin ist für den Nachfolger Ulrich Wilhelms vorteilhaft. Er kann mit seinen beiden stellvertretenden Sprechern, Christoph Steegmans (FDP) und Sabine Heimbach (CSU) warm werden. Zudem stehen viele Kennenlern-Gespräche mit Politikern und Journalisten in seinem Kalender. (… ) Seinen Mitarbeitern im Presse- und Informationsamt wird Seibert am Montagnachmittag vorgestellt. Das macht die Chefin persönlich. Schließlich versteht Merkel als ehemalige stellvertretende Sprecherin der ersten demokratischen DDR-Regierung etwas von dem Geschäft."
Rp-online.de:
"Jetzt kommt Seibert als 25. Amtsinhaber. Zweifellos hat er den Vorteil, seine bundesweite Bekanntheit als Moderator von ZDF-‚heute‘ und ‚heute-journal‘ als Vertrauensvorschuss mitnehmen zu können. Für Wilhelm ist die Berufung des Fernsehmannes auch aus einem anderen Grund "eine sehr glückliche Wahl". Bundeskanzlerin Merkel kenne Seibert schon seit vielen Jahren und werde ihm ganz gewiss Zugang zu allen wichtigen Terminen gewähren. Ohne einen solchen Zugang zum "inneren Zirkel der Macht" kann kein Amtsinhaber die den Regierungssprechern oft nachgesagte Aufgabe erledigen, Haselnüsse als Kokosnüsse verkaufen oder Magermilch zu Schlagsahne machen zu können."

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