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„Auch Hörende haben eine Behinderung“

Wenn 2013 die Haushaltsabgabe die jetzige Rundfunkgebühr ersetzen wird, werden auch erstmals gehörlose Menschen zur Kasse gebeten. Julia Probst ist eine von ihnen: die 28-Jährige ist von Geburt an taub. Während der Fußball-WM machte sie auf sich aufmerksam, weil sie Jogi und Co. inmitten des Vuvuzela-Getrötes von den Lippen ablas und dies live twitterte. Im MEEDIA-Interview beschreibt die Bloggerin ihren Ärger mit der neuen Gebühr, die miserable deutsche Untertitelquote und ihren Kampf mit TV-Sendern.

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Frau Probst, sie haben während der Fußball-WM 2010 durch Ihren Ableseservice auf sich aufmerksam gemacht. Wie kam das zustande?
Ich habe schon bei Länderspielen ab und zu den Spielern auf den Mund geschaut und das Gesagte bei Twitter eingegeben. Twitter mit seinen 140 Zeichen ist ein kurzes und knackiges Echtzeitmedium, welches einfach optimal dafür geeignet ist. Zur Fußball-WM kam mir dann die Idee, dass ich das bei jedem Deutschland-Spiel anbiete, da großartiges Feedback zurückkam.
Wie sind Ihre Follower auf Sie aufmerksam geworden?
Das Ganze hat sich zu einem Selbstläufer entwickelt durch die Power von Social Media. Zuerst gab es mein Blog, es landete bei Yucca Tree Post in der Vorschlagsliste für 125 traumhafte deutsche Blogs und wurde dann auch vorgeschlagen für den Grimme Online Award, aber leider nicht nominiert. So hatte ich schon vor dem Ableseservice eine treue Fangruppe, die dann meinen neuen Twitteraccount @EinAugenschmaus für den Ableseservice schnell akzeptierte.
Wie viele Follower haben Sie mittlerweile?
Zum heutigen Zeitpunkt kann ich über 720 Follower mein eigen nennen, was natürlich nicht vergleichbar ist mit deutschen Twittergrößen wie z.B. @saschalobo, @sixtus oder @textzicke, aber eine gewisse Befriedigung und Anerkennung ist das schon.
Wie funktionierte der Ableseservice?
Ich saß da vor dem Fernseher mit meinem Laptop bewaffnet und hab den Spielern auf dem Mund geschaut und sofort live mit dem Hashtag #Ableseservice vertwittert, wenn ich etwas von den Lippen der Spieler, Trainer oder Zuschauern ablesen konnte.
Und wie funktioniert Lippenlesen?
Es hört sich einfach an, aber für ungeübte ist Lippenlesen nicht so einfach und erst recht nicht im Deutschen. Sprachforscher haben herausgefunden, dass im Deutschen nur etwa 15 Prozent der Sprache ablesbar sind für Lippenleser, was daran liegt, dass im Deutschen vielfach lautsprachlich ähnliche Wörter existieren, die aber eine unterschiedliche Bedeutung haben. Man denke nur mal an: "Butter-Mutter", "Tisch-Fisch.", "Greifen-Reifen.", "Achtzig – hat sich", "Eisbär –Eisberg" und noch so einige andere Wörter. Sprachforscher schätzen deshalb, dass geübte Lippenleser daher etwa nur 30 Prozent von den Lippen ablesen können, was ich aber nicht so bestätigen kann aufgrund der Tatsache, dass Laborbedingungen nicht vergleichbar sind mit den tausend verschiedenen Faktoren im wahren Leben.
RTL hat bereits während der EM 2008 eine Ableserin gesucht, die während des Fußballspiels im Halbfinale anhand der Lippenbewegung der deutschen Nationalspieler sagen sollte, ob die Hymne korrekt gesungen wird. Warum haben Sie sich nicht beworben?
Die Untertitelquote von RTL ist genau null und es hat mich geärgert, dass RTL zwar die Dienste eines gehörlosen Ableseprofis gesucht hat, aber sein Programm damals wie heute nicht an die Bedürfnisse schwerhöriger und gehörlosen Fernsehzuschauer angepasst hat. Und damals gab es meinen Ableseservice in der heutigen Form noch gar nicht.
In Ihrem Blog Meinaugenschmaus beklagen Sie sich auch über die mangelnde Barrierefreiheit der deutschen Fernsehlandschaft. Wie sieht es dort genau aus?
Im deutschen Fernsehen werden gerade mal 10,6 Prozent des gesamten Fernsehprogramms untertitelt, es gibt einfach keine wirklich spürbare Steigerung der Untertitelquote. Selbst die am 1. Juni 2009 in Kraft getretene Regelung, dass TV Sender „im Rahmen ihrer technischen und finanziellen Möglichkeiten barrierefreie Angebote vermehrt aufnehmen sollen“ hat lediglich zu einer Erhöhung von 2,9 Prozent geführt im Zeitraum von April 2009 bis März 2010. Damit liegt diese Anhebung weit unter einem wirklich barrierefreien Angebot.
Fühlen Sie sich von den deutschen Fernsehsendern benachteiligt?
Ja, in der Tat. Denn ein Blick in die Nachbarländer macht klar, dass die Untertitelquote hier wirklich miserabel ist. Die Niederlande, ein kleineres Land wie Deutschland, bringt es auf 80 Prozent Untertitelquote. Auch Österreich und die Schweiz liegen klar vor uns. So bringt die Schweiz beispielsweise nicht nur viel mehr Sendungen mit Untertiteln, sondern bringt es auch fertig, „Wetten, dass…“ mit Live-Untertiteln zu zeigen. Hierzulande bringt das ZDF dagegen lediglich die Wiederholungen mit Untertiteln. Der ORF zeigt praktisch alle Sendungen, die bei uns ohne Untertitel auf RTL oder Pro7 laufen, mit Untertiteln: „CSI:Miami“, „Desperate Housewives“, „Grey’s Anatomy“, „Private Practice“. Auch die BBC in Großbritannien untertitelt komplett, auch in Amerika und Kanada sind 100 Prozent an Untertiteln bereits eine Selbstverständlichkeit.
Gibt es hierzulande auch einen Unterschied zwischen den öffentlich-rechtlichen und den privaten Sendern, was die Barrierefreiheit betrifft?
Ja, eine höhere Untertitelquote findet man bei den öffentlich-rechtlichen Sendern, aber das ist auch schon der einzige Unterschied.
Die Ministerpräsidenten der Länder haben gemeinsam mit der GEZ beschlossen, dass Menschen mit Behinderung ab 2013 ein Drittel der Rundfunkgebühren zahlen sollen, d.h. 6 Euro pro Monat. Vorher mussten sie nichts zahlen. Was sagen Sie zu der Änderung?
Ich habe nichts gegen eine Rundfunkgebühr, sofern ich dazu beitragen kann, dass mit meinem Geld zu 100 Prozent Untertitel im Fernsehen finanziert werden. Und an der Stelle der Ministerpräsidenten würde ich mich schämen, dass ich ohne Hintergrundwissen über die  Logik der Rundfunkbefreiung für Gehörlose und Schwerhörige diese gekippt habe. Wenn das ZDF 30 Millionen Euro für ein neues Nachrichtenstudio übrig hat oder wie andere öffentlich-rechtliche und private Sender Geld in Spartensender pumpt, dann wirkt die Begründung, dass 100 Prozent Untertitel im Fernsehen zu kostenintensiv sind und daher nicht machbar, mit einem Schlag plötzlich lächerlich.
Stimmt es, dass Sie als Gehörlose jedes Jahr aufs Neue ihre GEZ-Befreiung beantragen und quasi beweisen müssen, dass Sie noch unter die Befreiung fallen?
Zum Teil ja! Die GEZ-Befreiung hängt mit dem Schwerbehindertenausweis zusammen, wo das Merkmal „RF“ aufgedruckt ist, welches man für die Rundfunkgebührbefreiung braucht. Einige meiner hörgeschädigten Freunde haben bereits „unbegrenzt gültig“  auf dem Ausweis vermerkt; bei mir und anderen hörgeschädigten Freunden ist es – warum auch immer – so,  dass wir den Ausweis immer wieder für ein paar Jahre verlängern müssen mit einem ärztlichen Gutachten und auch der GEZ Bescheid geben müssen, dass wir immer noch unter die Rundfunkbefreiung fallen.
Was unternehmen Sie gegen die neue Forderung?
Bisher bleibe ich ganz entspannt, denn es sieht ganz so danach aus, dass die Pläne der GEZ ganz schnell ins Wasser fallen werden, denn die Fernsehsender werden voraussichtlich einwenden, dass die Umsetzung eines barrierefreien Fernsehangebot zu kostenintensiv ist.
Warum?
Hörgeschädigtenverbände haben bereits in einer Erklärung verlauten lassen, dass nur dann gezahlt wird, wenn bis 2013 im Fernsehen diese Forderung erfüllt werden: a) 100 Prozent an Untertitel im öffentlich-rechtlichen Programm von 6 Uhr morgens bis 23h abends, b) 5 Prozent Gebärdensprachdolmetschereinblendung, c) eine von Hintergrundgeräuschen befreite Tonqualität bei Fernseh- und Rundfunksendungen zur besseren Sprachverständlichkeit von schwerhörigen Menschen und d) auch eine Verpflichtung der privaten Fernsehsender zur Durchführung von Maßnahmen zur Barrierefreiheit. Durch meine Korrespondenz mit den Fernsehanstalten weiß ich, dass sie diese Forderungen nicht erfüllen wollen.
Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Ein gutes Beispiel dafür ist das ZDF: Im Schweizer Fernsehen wird „Wetten, dass..“ mit Live-Untertiteln ausgestrahlt. In einer E-Mail an das ZDF brachte ich meine Verwunderung zum Ausdruck, warum das ZDF „Wetten, dass..“ nicht auch live untertitelt und bat um eine Stellungsnahme. Man teilte mir daraufhin mit, dass es aus vielerlei Gründen nicht möglich sei die Livesendung am Samstagabend zu untertiteln, die Kollegen würden aber die Wiederholung dementsprechend untertiteln. Außerdem verwies man mich auf die Mediathek, wo ja auch zahlreiche Informationen zur Sendung finden sind – ich muss an dieser Stelle wohl nicht erwähnen, dass die Mediathek ohne Untertitel ist.
Nein.
Aber natürlich habe ich auch positive Erfahrungen gemacht mit den Fernsehsendern, denn sie leben ja grundsätzlich vom Feedback der Zuschauer. Die Frage ist halt, ob sie die auch umsetzen. Filmproduktionsfirmen sind in der Regel offener und dankbarer für Anregungen, dort ist die Reaktion immer wesentlich erfreuter. Die Antwort der Fernsehsender ist grundsätzlich auch eine höfliche, aber zwischen den Zeilen liest man auch ein leichtes Desinteresse heraus.
Fühlen Sie sich ernst genommen mit ihren Forderungen?
Ja, aber auch vertröstet, dass es derzeit technisch nicht möglich sei.
Sie kritisieren in Ihrem Blog auch, dass die Untertitel häufig nicht richtig übersetzt werden, beispielsweise wenn jemand flucht. Was denken Sie, woran das liegt?
An dem Vorurteil, dass Gehörlose und Schwerhörige ein vereinfachtes Deutsch benötigen, damit sie dem Gesagten folgen können. Es stimmt, dass viele Gehörlose und Schwerhörige ein Problem haben mit dem Schriftdeutsch, aber das soll nicht dazu führen, dass nur ein Bruchteil des Gesagten untertitelt wird oder gar vereinfacht untertitelt wird, weil das nämlich eine Bevormundung ist. Informationen gehen auf diese Art zu untertiteln immer verloren. Dieses Problem hängt auch mit der Schulpolitik in Deutschland zusammen. Man vereinfacht vieles im Deutschen für Gehörlosen und irgendwann haben die Fernsehsender das mal mitbekommen und sitzen nun diesem Irrtum auf, dass 1:1 – Untertitel für Gehörlose nicht zu bewältigen seien. Außerdem verbessert sich durch die höhere Informationsdichte auch automatisch das Schriftdeutsch, was man nachweisen konnte an der PISA-Studie. Finnland ging dort als Sieger heraus im Lese – und Schreibverständnis, da dort alle Filme untertitelt anstatt synchronisiert werden.
Welche Anlaufstellen bleiben Ihnen neben den Fernsehsender, um auf solche Probleme der Behinderten aufmerksam zu machen?
Man kann sich zwar beschweren laut dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG)  bei der zuständigen Beschwerdestelle, aber es gibt eben keine Beschwerdestelle in der Medienlandschaft. Deutschland hat die UN-Konvention der Menschenrechte unterschrieben und dort heißt es in Artikel 21 und 30, dass Menschen mit Behinderungen ebenso das Recht der freien Meinungsäußerung, der Meinungsfreiheit und den Zugang zu Informationen besitzen wie nicht behinderte Menschen. Auch wird dort klargestellt, dass ein Recht darauf besteht, mit anderen am kulturellen Leben teilzunehmen und alle geeigneten Maßnamen zu treffen, um sicherzustellen, dass diese Zugang zu Fernsehprogrammen, Filmen und Theatervorstellungen haben.
Sehen Sie diesen Grundsatz in der Praxis verletzt?
Dieser Grundsatz wird in der Praxis zu häufig verletzt als in die Tat umgesetzt. Es gibt nur in größeren Städten Filme mit OMU (Original mit Untertiteln).  Auch dort gibt es kaum deutschsprachige Theaterangebote, wo ein Gebärdendolmetscher zum Einsatz kommt oder gar Übertitel angeboten werden. Fremdsprachige Produktionen haben immer Übertitel. Ich habe dank meiner ziemlich guten Ablese – und Kommunikationsfähigkeiten das Glück, dass ich nicht auf einen Gebärdensprachdolmetscher angewiesen bin. Ein glänzendes Beispiel für wirkliche Integration ist die  Inauguration von Präsident Obama  im November 2008 gewesen, dort gab es auf den Leinwänden direkt vor dem Washingtoner Kapitol ganz selbstverständlich Live-Untertitel und die Einblendung eines Gebärdensprachdolmetschers, was bei uns nicht selbstverständlich ist. 
Hier in Deutschland gibt es zwar Auftritte von Politikern, die mit einem Gebärdensprachdolmetscher begleitet werden, aber das findet so gut wie kaum statt.
Die Regelungen werden also in der Praxis wirklich verletzt.
Wenn Sie die Chance hätten, etwas an der momentanen Lage zu ändern – wo würden Sie ansetzen?
Oh, ich würde sehr vieles ändern. Viele Filme, in denen Deutsch gesprochen wird oder die aus deutscher Produktion stammen, sind ohne Untertitel auf der DVD.  Gute Beispiele dafür sind z.B. "Rosenstraße" oder "Das Leben der anderen." Interessanterweise wurden die Filme von den Filmförderungsanstalten der Bundesländer gefördert. Das Gesamtbudget dieser Filmförderungsanstalten liegt bei 228,5 Millionen Euro. Und da soll nicht genügend Geld für Untertitel vorhanden sein? In meinen Augen müssten die Filmförderungsanstalten damit beginnen, schärfere Zügeln anzulegen und eine Vorschrift in ihre Förderungsrichtlinien einbauen: "Wir fördern die Filmproduktion nur, wenn der Film später auf DVD mit deutschen Untertiteln und für Blinde mit einer Hörfilmfassung versehen wird." Außerdem würde ich den Fernsehanstalten vorschreiben, dass die Fernsehuntertitel die gleiche 1:1 –Qualität wie auf der DVD haben müssen.
Was würden Sie noch an der Medienlandschaft ändern wollen?
Was ich auch wichtig finde für Menschen mit Behinderungen: Die Medienlandschaft sollte anhand eigener Erfahrungen mit Menschen mit Behinderungen begreifen, dass Ausgrenzen auf Dauer überhaupt nichts bringt, weil wirklich jeder vom anderen lernen kann. Mir schrieben Leute, die meinen Ableseservice mitverfolgt haben, dass sie dadurch auch viel über sich selbst gelernt haben: Auch Hörende haben eine Behinderung – sie können nicht Lippenlesen.

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