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Seibert-Wechsel mit doppeltem Boden

Am 11. August findet eine der wohl wichtigsten politischen Wechsel des Jahres statt. Für den erfahrenen und von der Hauptstadt-Presse hoch geachteten Polit-Profi Ulrich Wilhelm übernimmt der unerfahrene Steffen Seibert den Jobs des Regierungs-Sprechers. Von außen betrachtet scheint die Aufgabe für den Nachrichten-Moderator undankbar und schwierig. Das sieht Seibert offenbar auch selbst so und hat sich deshalb vom ZDF ein Rückkehrrecht schriftlich zusichern lassen.

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Über die schriftliche Vereinbarung des 50-Jährigen und des öffentlich-rechtlichen Senders berichtet der Focus in seiner aktuellen Ausgabe. Die Existenz einer solchen Comeback-Garantie überrascht, zeigt aber auch, dass Seibert selbst nicht unbedingt an einem Erfolg seiner Tätigkeit als 24. Regierungssprecher glaubt.
"Auf den sympathischen Mann aus Mainz wartet eine Herkulesaufgabe, die er kaum bewältigen kann", bloggt der ehemalige Stoiber-Berater Michael Spreng. "Nicht nur deshalb, weil die Regierung im Keller ist. Das wird schon schwer genug werden, die schwarz-gelbe Bruchbude als Traumappartment zu verkaufen. Seiberts fast noch größeres Problem: der anerkannte, aber in der Hauptstadt unerfahrene Journalist fängt in Berlin bei Null an. Er kennt das politische Berlin kaum. Er muss gleichzeitig eine 460-Mann-Behörde leiten, die verminten Wege zwischen Regierung, Parteizentralen, und Fraktionsführungen erkunden und mit einer ziemlich gnadenlosen Pressemeute zurecht kommen, die noch ihrem Robert Redford aus Bayern nachtrauert."
Für Seibert ist dies eine völlig neue Situation. Der Journalist diente sein gesamtes Berufsleben bislang nur einen Arbeitgeber: dem ZDF. Er hat keine praktische Erfahrung darin, wie Politik gemacht und kommunikativ begleitet wird und in welchen Berliner Hinterzimmern und Restaurants er welche Pressevertreter wie munitionieren soll, um die Berichterstattung im Sinne der Regierung zu steuern.
In der Süddeutschen analysiert Hans Leyendecker: "Ein ziemlich populärer Fernsehmann soll für eine (derzeit zumindest) ziemlich unpopuläre Regierung sprechen. Sein Vorgänger Ulrich Wilhelm galt als Lichtgestalt in der Hauptstadt, und dennoch ist das Erscheinungsbild von Schwarz-Gelb düster geblieben." Leyendecker fragt sich: "Kann Seibert überhaupt gewinnen? An Erfahrung ganz bestimmt."
Es besteht natürlich immer die Möglichkeit, dass die Mainzer Anstalt doch eine brauchbare Vorbereitung für den Regierungsjob gewesen ist. Das wäre dann der Fall, wenn das ZDF einer Schlangengrube gleichen würde, in der die parteipolitischen Interessen einzelner Redakteure und Mitarbeiter wichtiger sind, als der Sender-Auftrag. Kein ganz unrealistisches Szenario. In diesem Fall bräuchte Seibert jedoch keine schriftliche Rückversicherung.
Der zum Katholizismus konvertierte Journalist hält es offenbar für möglich, dass er in Berlin scheitert. Einer der Hauptgründe dafür könnten seine alten Kollegen sein. Spätestens seit dem Köhler-Rücktritt gelten die Berlin-Korrespondenten als so einflussreich, dass sie es sogar schafften, selbst ein Staatsoberhaupt zu entnerven und wegzumobben. Ein bekanntest TV-Gesicht könnte den Ehrgeiz einiger Hauptstadt-Reporter wecken, dem Neuen erst mal so richtig zu zeigen, wo es langgeht. Braucht Seibert länger als ein paar Wochen, um sich in Berlin zurechtzufinden, könnte es für ihn schon zu spät sein und das frische Gesicht auf der politische Bühne bereits ganz schön alt aussehen.
Sollte sich der Wechsel von der Seite Gundula Gauses an die Seite von Angela Merkel für den Moderator als Fehler erweisen, ist ein komplettes Comeback in die alten TV-Funktionen eigentlich undenkbar. Wie soll der 50-Jährige erst die Arbeit der schwarz-gelben Koalition auf Gedeih und Verderb loben, um dann zum ZDF zurückzukehren und die Regierungsarbeit wieder als – unabhängiger – Journalist bewerten? Das wird nicht gehen. 

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