Zeit Magazin redigiert seine Leser

Das Zeit Magazin macht auf Oberlehrer: Die Redaktion hatte ihre Leser dazu aufgerufen, Texte einzureichen und diese in der Öffentlichkeit redigieren zu lassen. Neun von 120 Einsendungen sind im aktuellen Heft abgedruckt, von einem Liebesbrief über eine Haushaltsrede eines Stadtrats bis hin zu einem Erpresserschreiben. Die Redaktion sparte nicht an roter Tinte, in der von Harald Martenstein überarbeiteten Kurzgeschichte blieben nur wenige Passagen schwarz. Bleibt die Frage: Wer will so etwas lesen?

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Man kann die Idee der Magazin-Macher zunächst einmal als Service am Leser auffassen. Die Edelfedern zeigen den Schülern, Stadträten oder Senioren, wie man Texte verschönert, "Abstraktes konkreter" macht, "Unpersönliches persönlich" und "Verschwurbeltes klar". Ganze 15 Seiten Text nehmen Redakteure, Berater, Textchefs und Literaturkritiker unter die Lupe. Das Originaldokument wurde dabei mit allen Korrekturen abgedruckt. Unter jedem Stück erklärt der Lektor kurz, warum er wie verbesserte. Für den Autor ist es sicherlich rühmlich, einmal im Zeit Magazin zu stehen und von den Profis in Sachen Schönschreibe belehrt zu werden.

Linke Spalte das Original mit Korrektur von Martenstein
Beim Durchschnittsleser kann die ungewöhnliche Redaktionsidee aber auch Unverständnis auslösen. Die Texte bieten weder Relevanz noch Mehrwert – auch nach der Verbesserung nicht. Ist das Sommerloch wirklich so tief, dass man keine anderen Themen auf die Agenda hätte heben können? Die Ausgabe der vergangenen Woche bot mit den Ölbildern von der Katastrophe im Golf von Mexiko zwar eine erschreckende Ästhetik, die aber durch und durch berichtenswert war.
Davon aber mal abgesehen zeugt die Ausgabe, die den Titel "Ein Heft, wo wir Ihnen alles verschönern tun" trägt, auch etwas von Arroganz und Prätention. Bestimmt hätten die Journalisten auch etwas an einem geschriebenen Einkaufszettel auszusetzen gehabt. "Wenn ein unfertiger Text ein Kind ist, das sich noch entwickeln muss, dann sind gute Redakteure ein wenig wie Eltern, die das Manuskript das werden lassen, was es eigentlich ist", heißt es in der Einleitung. Dass die Zeit gerne Erziehungsthemen zum Schwerpunkt macht und damit auch recht erfolgreich ist, ist bekannt. Passend dazu titelt die aktuelle Zeit "Jungs sind so! Sie versagen in der Schule und treiben ihre Eltern in den Wahnsinn."
In Zeiten von Web 2.0 und der Weisheit der Vielen wäre es mutiger und interessanter gewesen, wenn die Redaktion ihre Leser gebeten hätte, die Texte der Journalisten zu verbessern. Denn manchmal müssen auch Eltern noch erzogen werden.

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