„Rock statt Rente“: Ü70-Chor trifft Ton nicht

Wenn Rentner mit ihren Gesundheitsschuhen zum Takt von AC/DC-Gitarrenriffs wippen, kann das beim Zuschauer durchaus Respekt auslösen. Doch die Grenze zum Fremdschämen ist nicht weit entfernt. Sat.1 hat mit seiner am Mittwoch gestarteten Doku-Soap "Rock statt Rente" die Tonleiter der Emotionen rauf und runter gespielt und dabei kein Klischee ausgelassen: Senioren sind einsam und traurig, sprechen kein Englisch und können den Florian-Silbereisen-Rhytmus nur schwer ablegen.

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Carsten Gerlitz hat sich viel vorgenommen. Innerhalb von drei Monaten will der 43-jährige Musiker einen 25-köpfigen Senioren-Chor dazu bringen, auf großer Bühne Rockhits zum besten zu geben. Die Ü70er, die durch öffentliche Aushänge alle freiwillig bei dem Projekt mitmachen, steht laut Sat.1 das "letzte, große Abenteuer ihres Lebens" bevor. Als Höhepunkt der sechsteiligen Doku-Soap wird – neben professioneller Studio-Aufnahmen und einem Videodreh – der Auftritt mit der deutschen (Rock-)Band Pur angekündigt – und das vor einem Publikum mit 50.000 Menschen.
So werden bei den Gruppentreffen keine Volkslieder à la "Im Brunnen vor dem Tore" gesungen, sondern gleich volles Brett Songs wie die AC/DC-Hymne "Highway to Hell" geschmettert – das wäre zumindest das, was Gerlitz sich von seinen Bandmitgliedern erhofft. Doch der Chorleiter wird schnell von der Realität eingeholt: Die meisten der Senioren kommen nicht über den Musikantenstadl-Takt hinaus, kennen – wenn überhaupt – nur die englischen Vokabeln one two three und stecken die mediale Aufregung um sie nicht einfach so weg. So muss Gerlitz schon nach der ersten Probe das Ausscheiden einer potenziellen Rockerin verkraften.
Was bei einer Doku-Soap natürlich nicht fehlen darf, sind die Geschichten hinter den Protagonisten. Der 95-Jährige Wilhelm hielt mit seiner Frau in den 70ern ein Hotel auf Teneriffa und liebt noch heute das "Leben der Schönen und Reichen". Seit 1985 lebt er allein in seiner Berliner Wohnung, seine Frau ist verstorben, die Kinder wohnen weit weg. Er kommt damit klar, nimmt das Leben, wie es ist, und ist neuen Dinge gegenüber aufgeschlossen. Auch die 85-Jährige Doris ist für ihr Alter sehr agil. Die gelernte Schauspielerin und ausgebildete Sängerin will es sich noch einmal beweisen – schließlich hat sie seit ihrer Hochzeit mit dem Singen aufgehört. Vor diesen zwei rüstigen, lebensfrohen Rentnern, die man schon nach der ersten Folge als Sendungs-Lieblinge auserkoren könnte, und ihrem ernstgemeinten Entertainment-Faktor kann man schon den Hut ziehen.
Anders ist es jedoch bei Hans-Dieter. Der 72-Jährige hat schon bei der ersten Probe "Hummeln im Arsch", reißen ihn die Gitarrenriffs von "Highway to Hell" glatt vom Hocker und zwingen ihn förmlich zu einer befremdlichen Tanzeinlage, die mit dem Ausrutscher auf Doris Schoss endet. Auch mit seiner Stimme ist der Witwer alles andere als anpassungsfähig – über ein monotones Brummen kommt er nicht hinaus. Der Blick in seine Wohnung und damit in sein Seelenleben zeigt, welchen speziellen Charakter der Zuschauer hier vorgeführt bekommt: Hans-Dieter will nicht über seine unschöne Vergangenheit sprechen, hat alle Fotos verbrannt und ist nach der Morgengymnastik zu Elektro-Beats schon total gut drauf. Ein typischer Fall für die Psychoanalyse.
Sat.1 gelingt es mit der ersten Folge nicht vollkommen, die Wichtigkeit des Themas "Leben im Alter" darzustellen. Auch wenn manche Klischees durchaus zutreffen, wirken die Protagonisten in ihrer Art von den Redakteuren wie fremdgesteuert. Schade eigentlich, das Thema hätte durchaus Charme, wie der Kinofilm "Young @Heart" schon gezeigt hat.  

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