Ehrlicher Knurrer: Steinbrück-Doku in ARD

"Er war mittendrin im Zentrum der Macht. Auch im Zentrum der Krise. Jetzt ist er draußen – und kann frei sprechen." Mit diesem Off-Text beginnt "Steinbrücks Blick in den Abgrund". Ein Mix aus Interview und Doku, den die ARD am heutigen Mittwoch um 22.45 Uhr zeigt. Die Sprecherstimme verspricht den Zuschauern vorab nicht zuviel. Noch ein letztes Mal die Brille putzen und Peer Steinbrück legt los: Kein politisches Blabla, kaum Ausweichversuche. Der Ex-Finanzminister spricht gerade heraus und ehrlich – eben "frei".

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Anders als in vielen anderen Politiker-Interviews vergehen die 30 Sendeminuten der NDR-Produktion wie im Flug. Das liegt in erster Linie an dem charismatischen Gast Peer Steinbrück, aber auch an der für einen öffentlich-rechtlichen Sender ungewöhnlichen Optik. Während des Gesprächs sitzen Steinbrück und Autor Stephan Lamby in einer alten Lagerhalle, umringt von Neonröhren. Man wartet darauf, dass jeden Moment Aiman Abdallah um die Ecke kommt und begrüßt: "Willkommen bei Galileo Mystery." Doch wir sind nicht bei ProSieben, sondern in der ARD und es geht nicht darum, ob es Zombies wirklich gibt, sondern um Tatsachen: die Finanzkrise.

Porträt-Spezialist Lamby, der bereits Einblicke in die Leben von Henry Kissinger bis Stefan Aust lieferte, gelingt es, dieses Thema spannender zu gestalten, als es jede Pseudo-Doku über wandelnde Tote sein könnte. Wenn die beiden Gesprächspartner die Lagerhallentristesse verlassen, schlendern sie durchs Berliner Regierungsviertel, fahren im Regional Express durch die deutsche Provinz und treffen Altkanzler Helmut Schmidt in seinen Hamburger Büro auf Zigarillo und Mentholzigarette.

Böse Zungen könnten behaupten, Lamby wirkt steifer als jeder Finanzminister. Der Journalist nimmt sich in der Tat sehr zurück, stellt seine Fragen sachlich und trocken. Doch hier ist es auch nicht nötig, sich à la Beckmann in den Vordergrund zu spielen. Der SPD-Mann redet offen, auch ohne ständiges Nachhaken, Drängen und Worte in den Mund legen.

Steinbrück gilt als Mann der klaren Worte, doch wie er sich hier gibt, überrascht trotzdem. So sieht man einen Politiker nur selten – zumindest wenn die Kameras laufen. Der Krisenmanager gibt politische Eingeständnisse und gibt persönliche Fehler zu: Die Staatshilfen für Opel bezeichnet er als "strategische Fehleinschätzung der SPD" und auf die Frage, ob die 2009 beschlossene Rentengarantie auch etwas mit dem Wahlkampf zu tun hatte, antwortet er: "Ja. Und das war einer meiner schwersten Fehler. Ich hätte nicht mitmachen dürfen. Das war ein Tabubruch." Das Steinbrücksche Knurren hat der Hamburger auch nach längerer Interviewpause nicht verlernt: "Inzwischen sind wir alle schlauer – ich auch," gibt der 63-Jährige zu, allerdings nicht ohne sein Gegenüber als neunmalklug zu bezeichnen.

In "Steinbrücks Blick in den Abgrund" zeigt sich, dass Ehrlichkeit und Ernst einen größeren Beitrag gegen die Politikverdrossenheit leisten können, als ein Strahlemann-Image. Und das Charisma auch durch Glaubwürdigkeit erzielt werden kann, ganz ohne ACDC-Shirt und Gel-Frisur. Auch bei Steinbrück dürfte es allerdings kein Zufall sein, dass er nach langer Interview-Auszeit ausgerechnet jetzt wieder vor eine Kamera tritt. Sein Abrechnungsbuch "Unterm Strich" erscheint am 16. September und die Werbetrommel darf schließlich nicht still stehen.
"Steinbrücks Blick in den Abgrund – Macht und Ohnmacht eines Krisenmanagers": ARD, Mittwoch, 4. August, 22.45 Uhr.

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