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Bundeswehr will YouTube erobern

Per Pressemitteilung gibt das Bundesverteidigungsministerium heute bekannt: "Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat grünes Licht für den Start des neuen Bundeswehr-Premiumkanals auf YouTube gegeben". Die Armee will den Bürger so "aus erster Hand" ein "umfassendes, realistisches und vor allem transparentes Bild über den Alltag der Bundeswehr" ermöglichen. Diese Beschreibung liest sich so, als ob die Presseberichte, z. B. aus Afghanistan, nicht realistisch oder umfassend wären.

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Das Angebot ist in die sechs Rubriken Einsätze, Bundeswehr, Aktuelles, Ausbildung, Familie & Dienst und Classix unterteilt. Zum Start gibt es gleich 80 Videos. Einen besonderen Schwerpunkt soll dabei die "Einsatzwirklichkeit der Soldatinnen und Soldaten" bilden.
Wenn das Gezeigte allerdings der Einsatzwirklichkeit entspricht, dann gleicht die deutsche Armee in weiten Teilen einem Action-Film. Mit der Maschinenpistole im Anschlag bebildert die Bundeswehr den Seitenkopf seines Youtube-Kanals und genauso martialisch geht es weiter beim Einsatz an der digitalen Front: Düsenjäger starten, Hubschrauber heben ab, Panzer brettern durchs Gelände, ein junger Soldat sitzt am Sturmgewehr – es explodiert, knallt und kracht. Das sind allein die ersten zehn Sekunden des Willkommens-Videos auf der Startseite des Bundeswehr-Kanals. Anschließend folgen Bilder von dankbaren Afghanen und lächelnden Kindern. Zum Schluss darf ein Kampfjet noch eine Rakete abfeuern.
Die Bundeswehr-Clips sind sehr professionell, schwanken aber – vielleicht auch gerade deshalb – häufig zwischen Panzerreportage auf N24 und Rekrutierungsvideos der US-Army. Einen Film über die Ausbildung der Soldaten, die gegen den Waffenschmuggel vor der Küste des Libanon kämpfen, leitet die Sprecherstimme mit den Worten "Klar zum Entern" ein. Es wird gezeigt, wie die Truppe das sogenannte Boarding übt – das Unterkontrollebringen von Schiffen. Hinterlegt wird der Clip mit Heavy-Metal-Sounds, während sich die Kämpfer vom Helikopter auf das Boot abseilen. Äußerst zielgruppengerecht für eine Plattform, die "zeitgemäßes Informationsangebot" sein will, aber wie ein geschicktes Rekrutierungsprogramm wirkt, das auf die überwiegend jungen Youtube-Nutzer abzielt. Und bei diesen erzielen die Clips auch teilweise die gewünschte Wirkung: "Yeah, die Bundeswehr, ihr werdet bald einen neuen Rekruten bekommen", kommentiert der eine und "Der beste Beruf den es überhaupt gibt, bald bin ich auch dabei, hoffe ich doch mal", schreibt der andere.
Die Bundeswehr setzt bei ihrer Web-Offensive jedoch nicht auf eine Wagenburgtaktik, sondern zeigt sich tatsächlich offen und transparent. So lassen sich alle Videos bewerten und kommentieren – auch wenn diese erst nach Sichtung durch die Redaktion freigegeben werden. Kommentare wie "Schade, dass wie immer nur die schönen Seiten gezeigt werden, aber nicht die schlechten, naja typische Propaganda eben" dürfen stehen bleiben. Die Verantwortlichen gehen offen mit der Kritik um.
Außerdem muss man der deutschen Truppe zugute halten, dass neben viel Päng, Puff und Knall auch sensible Themen wie posttraumatische Belastungsstörungen nach dem Kriegseinsatz angesprochen werden. Zudem liefern einige Videos interessante und so nicht gesehene Einblicke in die Trainingsstätten der Bundeswehr. Beispielsweise wird die U-Boot Rettungsausbildung in einem 42 Meter hohen Tieftauchtopf gezeigt – was schon beim Zuschauen klaustrophobisch macht.
Knapp eine Woche nach den Wikileaks-Veröffentlichungen von über 92.000 Afghanistan-Dokumenten steht der neue Web-Kanal logischerweise unter dem Verdacht, dass das Verteidigungsministerium die Informationshoheit im Internet nicht gänzlich Organisationen wie Wikileaks überlassen will.

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