Anzeige

Anne Will und der Promi-Pranger

Wer die Spiegel-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen und die Vorzeige-Feministin Alice Schwarzer zusammen in eine Talkshow einlädt, der weiß, dass die Sendung nicht ohne Zank enden wird. Bei "Anne Will" sollten die beiden Antagonistinnen neben Medienanwalt Christian Schertz und dem Ex-Bild-Chef Hans-Hermann Tiedje die Frage diskutieren, ob Jörg Kachelmann an den Promi-Pranger gestellt werde. Doch die illustren Gäste taten sich mit einer Antwort schwer, weil sie bei der Schuldfrage ständig aneinander gerieten.

Anzeige

"Die Frage, ob Jörg Kachelmann schuldig oder unschuldig ist, wird der Prozess klären, nicht wir. Das haben wir auch gar nicht vor", so die Moderatorin, die frisch gebräunt aus der Sommerpause auf den Bildschirm zurückkehrte. Ein guter Vorsatz, der jedoch im Laufe der Sendung immer mehr verwässerte. Schließlich ist der Justizfall um den ARD-Wettermoderator zu einem Fall für die Öffentlichkeit geworden. Als Außenstehender erfährt man so viele Details wie nie zuvor, die Intimes und Persönliches eines Promis offenbarten.
Nur an einem Punkt wurde die Moderatorin dem selbst gesteckten Ziel gerecht, die Schuldfrage außen vor zu lassen – nämlich als sie die Rolle der Staatsanwaltschaft diskutieren ließ. Schließlich war die Mannheimer Behörde maßgeblich daran beteiligt, dass die Verhaftung von Jörg Kachelmann öffentlich bekannt wurde. Hier war es vor allem Promi-Anwalt Schertz, der das Vorgehen der Staatsanwälte als wiederholte Dienstvergehen kritisierte und mahnte, dass die Verantwortlichen sich auch im Sinne einer "Fürsorgepflicht" der Wirkung von Pressemitteilungen bewusst sein sollten.
Ganz am Rande erwähnt: Auch von der Staatsanwaltschaft war ein Gast zugegen, der ehemalige Berliner Generalstaatsanwalt Hansjürgen Karge, der das Thema jedoch hauptsächlich mehr oder weniger weglächelte. Seinen bemerkenswerten Auftritt hatte er als er kundtat, seiner Tochter davon abzuraten, eine  Vergewaltigung anzuzeigen. So ein Fall sei für Frauen eine Tortur: "Sie werden in einem solchen Prozess durch die Mangel gedreht". Punkt. Das saß. Bezeichnend für die Sendung von Anne Will ist, dass niemand an dieser Stelle nachhakte.
Einig war sich die Talkrunde, dass Kachelmanns Interview nach seiner Freilassung am vergangenen Mittwoch ungeschickt gewesen sei. Medienberater und Ex-Bild-Chef Tiedje sagte, dass dadurch gar der Eindruck entstehen könne, dass sich der Wetter-Experte einen Vorteil vor Gericht verschaffen wolle. Kachelmanns Drängen in die Öffentlichkeit stehe im Widerspruch dazu, dass er den Axel Springer Verlag wegen Verletzung seiner Persönlichkeitsrechte auf 2 Mio. Euro verklage.
Der eigentliche Hauptkriegsschauplatz wurde jedoch von Alice Schwarzer und Gisela Friedrichsen besetzt. Die Spiegel-Gerichtsreporterin hatte in einem Kommentar von vergangener Woche die Freilassung Kachelmanns als längst "überfällig" bewertet. Die Emma-Herausgeberin und um jegliche Provokation bemühte Alice Schwarzer versuchte aufgrund dessen, sie in die Ecke der Kachelmann-Verehrerin zu drängen. Und damit war die Vorlage geschaffen, um die unvermeidliche Ausgangsfrage der Sendung zu stellen: Ist Kachelmann schuldig oder nicht?
Schwarzer reizte die Kollegin damit, dass sie in ihren Artikeln zu milde mit dem Verdacht der Vergewaltigung umgegangen sei. Die Kachelmann-Synonyme "Luftikus" und "notorischer Fremdgänger" würden angesichts der Faktenlage "dem Ernst der Sache nicht gerecht". Der ARD-Moderator gehöre wegen seines gestörten Liebeslebens in Therapie, so die Feministin, die nicht müde wurde der Spiegel-Reporterin zu unterstellen, dass sie ein Kachelmann-Fan sei. Schließlich habe Friedrichsen im letzten Satz ihres Kommentars geschrieben, dass man auf ein "überfälliges Wunder" hoffe. Dieser Ausspruch klinge laut Schwarzer wie ein Plädoyer für einen Freispruch. Friedrichsen wehrte sich gegen die Interpretation vergeblich und kassierte den nächsten Schwarzer-Spruch: "Sie sind wirklich ein dreister Vogel". 
Es war die Spitze einer unterirdischen Ausgabe von "Anne Will". Die Moderatorin hatte sich augenscheinlich fest vorgenommen, ihren ARD-Kollegen Kachelmann nicht einem erneuten Mediengericht zuzuführen. Und doch scheiterte sie daran, die Diskussion auf sachlicher Ebene zu führen – zu emotional geladen war das Thema, zu emotional geladen ist das Verhältnis Schwarzer/Friedrichsen.

Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige