„Solitary“: Auslaufmodell Menschenwürde

Mit „Solitary“ ist es ProSieben gelungen, das Sommerloch des Samstagabends noch bodenloser zu gestalten. Folgt man der Beschreibung von Tucholsky, ist ein Loch, „da, wo etwas nicht ist“. So gesehen ist das als „Next-Level-Entertainment“ gelabelte "Experiment" (DWDL) jede Menge von Nichts. Experimentiert wird mit dem Artikel 1 des Grundgesetzes. Nicht erst seit „Solitary“ weiß man: Die Würde des Menschen ist antastbar. Die Quoten dagegen sind annehmbar.

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Auch, wenn die Zeiten irgendwie modern sind, wenn die Virtualisierung von Kontakt und Beziehung via Facebook und Co. neuen Werten unterliegen mag. Ein Mensch für sich alleine ist nichts: Identität existiert nur „sozial ausgehandelt“. Alles, was uns Wert und Sinn bedeuten mag, geschieht letztlich in Zusammenhang mit- und in Beziehung zu- anderen. Auf der „guten Seite“: Liebe, Freundschaft, Beziehung, Kooperation, Wettbewerb, usw. Selbst die Abwesenheit der „guten Seite“ (Enttäuschung, Einsamkeit, usw.) ist bestimmt durch den Mangel dessen, was Menschen lebensfähig macht: Beziehung, Identität. So bezieht auch der Mangel seine Orientierung letztlich von dem, was möglich wäre.
Der Kern des Konzeptes von „Solitary“ besteht in einer Mischung aus „Folter“ und Voyeurismus. Die Kandidaten sind Kreisklassen–Promis, die in Acht-Quadratmeter-Zellen („Kapseln“) Herausforderungen bewältigen müssen und auf dem Weg dahin zu tragischen Laborratten degenerieren. Sie haben sich –warum auch immer – irgendwann dafür entschieden teilzunehmen. Der Gewinner gewinnt nichts, außer gewonnen zu haben. Zumindest an medialer Präsenz.
Die Aufgaben selbst sind gebaut aus dem gesteuerten Entzug zentraler, überlebensnotwendiger Ressourcen: Schlaf, Orientierung, Beziehung und Kommunikation. Die Wettbewerber werden verschiedenen Belastungen ausgesetzt. Im erfolgreichen Start der Reihe etwa, wurde allen Kandidaten der Schlaf entzogen, indem nach 30 (dann 25, 15, usw.) Minuten unter Beschallung von David Hasselhoffs „I was looking for Freedom“ eine immer komplexer werdende Zahlenreihe als Code eingegeben werden musste, damit David schwieg und der Schlaf fortgesetzt werden konnte.
Als sei David Hasselhoff nicht Bestrafung genug, sang der Sportskamerad nur die Titelzeile des Songs, wieder und wieder. Passend zum Grundgesetz übrigens.
An Folge zwei von „Solitary“ hätten Klaustrophobiker ihre reine Freude gehabt: Die Protagonisten wurden in eine kleine Kiste ohne Licht und mit geringer Luftzufuhr gesperrt. Die kommunizierte Sachaufgabe bestand darin, so präzise wie möglich, das sekundengenaue Ende eines vorgegebenen Zeitraumes von neunzig Minuten zu bestimmen. Man musste also in enger, sauerstoffarmer Hitze und Dunkelheit nicht nur gekrümmt eben diese Situation ertragen, sondern darüber hinaus auch Mittel zur zeitlichen Orientierung erfinden. Nächste Übung in Folge zwei: Ertragen von Schmerz beim langen Stehen auf einem mit Dübeln bestückten Nagelbrett. Selbst für Heimwerker scheint also einiges geboten.
Zwischendrin erläutert die Moderatorinnen-Simulation Sonya Kraus in beziehungslosem, oberflächlich-humoristischen Singsang die Prozessschritte der Folterfabel. Diese Sequenzen fügen sich harmonisch in das Gesamtkunstwerk ein, denn Kraus wirkt dabei, wie ein Messer ohne Klinge, an welchem der Griff fehlt.
Einziger Gesprächspartner der Isolierten, die „sich selbst besiegen“ sollen, ist die weibliche Computerstimme Alice. Sie beschreibt Aufgaben und teilt die Ergebnisse der Wettbewerbe mit. Zwischenstände als Orientierung werden bewusst nicht kommuniziert. Die Insassen werden unter Auflösung Ihrer Identität nur mit festen Nummern angesprochen. Im Kontakt mit den Zuschauern nennt Alice sie sarkastisch „Gäste“. Und während mit sensiblem Humor die Kandidaten von Computer-Alice in die enge Kiste gesteckt werden, läuft auf anderen Kanälen die Berichterstattung über die Massenpanik bei der Love Parade in Duisburg.
No way out: Im Duisburger Bahntunnel mit 20 Toten und in der Dunkelschachtel für die gequälten Selbstbesieger. „Mein Hauptproblem ist, dass ich mich nicht strecken kann“, sagt einer der Kandidaten vor dem Einstieg in Alice´s Kiste und deutet Panik an. Während auf N-TV Reanimierungsbilder gezeigt werden, während Menschen an Tunnelwänden zerquetscht und voller Angst ihr Leben beenden und eine Nation bemüht ist, Grauen zu begreifen, kritisiert Alice hämisch: „Genau 1,5 Stunden sollten die Gäste in meiner Box bleiben, aber Nr. 7 ist nicht der einzige, der bereits seit 2,5 Stunden in der Box sitzt.“
Vergleiche mit Big Brother (RTLII) oder dem Dschungelcamp von RTL greifen nicht: Beide Formate stehen zwar immer wieder im Zentrum ethischer Kritik, gestatten ihren Protagonisten jedoch die lebenswichtige Ebene von Beziehung, Kontakt und Kommunikation. „Solitary“ dagegen isoliert die Kandidaten voneinander und nutzt so orthodoxe Instrumente, die in historisch hinlänglich bekannten Zusammenhängen der seelischen Folter gedient haben mögen. Dies unter der Überschrift einer „Besiege Dich selbst!“ – Vision, die ebenso danebenliegt, wie sie auch – in Teilen- zutrifft.
Bekanntermaßen ist Freiheit insgesamt nicht billig: Der Preis für diese Entscheidungsfreiheit bei „Solitary“ besteht darin, sich als öffentliches Weichei nicht „selbst besiegt haben“ zu können. Dass der Sender nicht mit den sogenannten Promis wirbt, mag unterschiedliche Gründe haben. Ein Grund mag sein, dass die sehr übersichtliche, mediale Präsenz der Einzelzelleninsassen in keinem Verhältnis zum theoretisch subjektiven Bedarf an Bekanntheit stehen dürfte, und so nicht zwingend Quote versprach.
Gleichwohl leitet sich scheinbar aus dem „Promi-Status“, der roten „Buzzer-Exit-Option“ und der selbstgewählten Entscheidung der Kandidaten die Berechtigung ab, ein Produkt zu gestalten, dessen ethische Haltung auch Nicht-Moralisten nachdenklich stimmen kann.
Mal ehrlich: Eigentlich geht das alles gar nicht. Das geht sowas von gar nicht, dass „gar nicht“ gar nicht reicht, um zu beschreiben, wie wenig das geht.
Und die Zuschauer? 14,6 Prozent Zielgruppenquote für den Start rund 13 Prozent für den zweiten Teil können als Quoten-Erfolg bezeichnet werden. Das Motiv fürs Hinsehen scheint gebaut aus jenem Impuls, den man von Autofahrten kennt: Man fährt auf einer Landstraße, sieht auf der Gegenfahrbahn einen Unfall: Menschentraube, Blutlachen, Tränen, Helfer im Stress. Und irgendwie muss man hinschauen. Die einen schauen hin, obwohl sie sich es verbieten und fühlen sich ebenso angezogen, wie schuldig.Andere wollen einfach Blut sehen, wollen sehen, wie es „hinter der Grenze“ aussieht.
Besiege Dich selbst? Wie langweilig, mag der Finanzbeamte aus Wuppertal denken, der sich täglich selbst besiegt, wenn er immer wieder in die leeren Augen der Frau schaut, mit welcher er seit zwanzig Jahren bis zur eigenen Unkenntlichkeit verheiratet ist. Jeder Angestellte, der wieder und wieder zur Arbeit geht, obwohl ihn dieser bescheuerte Chef bei jeder Kleinigkeit zusammenscheißt, besiegt sich selbst, wenn er Tag für Tag seinen Weg des Umgangs mit der Situation finden muss.
Die Liste möglicher Sieger ist lang: Mag sein, in absehbarer Zeit sind es Menschen, die trotz TV, trotz virtueller Netzwerke noch Realfreundschaften pflegen: Sie wissen schon – diese Beziehungsdinger mit richtigen Menschen und richtiger Begegnung.
Man kann darüber phantasieren, wie die Fortsetzung des Dramas aussehen mag: Werden die Protagonisten damit beginnen, die Zellenwände zu lecken, wie Labormäuse? Was kommt danach? Live-Exekutionen für die Zielgruppe?
Wie hoch, schätzten wir, sind eigentlich bei Youtube die Klickraten für Grenzüberschreitungsvideos? Ist es auch das, was Next-Level- Entertainment meint? Die Quote des Isolationsspektakels scheint ebenso interessant, wie der Titel „Experiment“, oder der Umstand, dass ein Dieter Bohlen – Spruch bei DSDS mehr moralische Aufmerksamkeit generiert, als die aktuelle Berichterstattung zu „Solitary“.
Und das Grundgesetz? Wie war das mit der Würde des Menschen? Unantastbar? Wie singt Konstantin Wecker zum Thema der Liebe: „Uns ging die Liebe, wie ein Taschentuch verloren“. Wie gesagt: Die Zeiten sind modern. Vielleicht ist das Grundgesetz einfach ein wenig aus der Mode gekommen und niemand hat es so richtig gemerkt. Für Manche übrigens mag der Titel des Wecker –Songs auch zu „Solitary“ passen: „Du bist so hässlich“

Christopher Lesko
www.lesko.ch

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