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Der Chefredakteur als Pädagoge

Handelsblatt-Chef Gabor Steingart versucht, seine Redakteure mit dem Versprechen auf Naturalien pädagogisch zu Exklusivleistungen anzutreiben. Der Stern gibt sich eigensinnig und macht statt der Loveparade den bereits bestens medial ausgeleuchteten Fall Kachelmann zum Titel-Aufmacher. Beate Wedekind entdeckt angesichts der Loveparade, dass sie in Duisburg geboren wurde und schreibt einen Betroffenheits-Brief und Verona Pooth wird von Burda-Blättern in ein Wechselbad geworfen.

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Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart hätte gerne mehr exklusive Geschichten im Blatt. Um das zu erreichen, greift er zu unkonventionellen Motivations-Methoden. Wer am Ende des Jahres die meisten Handelsblatt-Geschichten geliefert hat, die in anderen Medien zitiert wurden, bekommt 3.000 Euro. Wer es mit einem Handelsblatt-Zitat in die Tagesschau schafft, bekommt ein Galadiner für zwei Personen, das der Chef sogar aus eigener Tasche zahlen will. Ist das eine gute Idee? Die Aktion erinnert ein wenig daran, wenn Eltern ihrem Nachwuchs für ein Zeugnis mit lauter Einsen und Zweien einen Fünf-Euro-Schein in die Hand drücken. Erziehungs-Fachleute sprechen dabei von extrinsischer Motivation. D.h. die Kinder lernen irgendwann nur noch weil sie Kohle (extrinsische Motivation) sehen wollen und nicht mehr wegen dem Spaß an der Sache (intrinsische Motivation). Aus pädagogischer Sicht muss man also zur Zitate-Prämie sagen: keine gute Idee.

Was war nochmal das beherrschende Thema in dieser Woche? Ach ja, diese Katastrophe bei der Loveparade in Duisburg. Was hat der Stern am Donnerstag auf dem Titel? “Der Fall Kachelmann – die Suche nach der Wahrheit”. Eine Zeile, die man so auch schon vor vier bis sechs Wochen hätte machen können. Außerdem hatten bereits Spiegel, Zeit und Süddeutsche ihre jeweilige definitive Kachelmann-Story. Der Stern macht eine ausführliche, gut recherchierte Geschichte, kann zur Causa Kachelmann aber nichts wesentlich Neues beisteuern. Es gibt interessante neue Details über die Auswirkungen der Verhaftung auf Kachelmanns Geschäfte und vor allem sehr detaillierte Schilderungen von Kachelmanns Sex-Praktiken. Die Loveparade hat es immerhin noch als Kasten auf den Titel geschafft. Dabei war der Stern das einzige große General-Interest-Magazin, dessen Redaktionsschluss so lag, dass die Loveparade gut hätte mitgenommen werden können. Chance vertan.

Ein bisschen irritierend war es, wer sich nach dem Drama von Duisburg plötzlich sehr betroffen in den Medien äußerte. Die frühere Bunte-Chefin Beate Wedekind schrieb in Bild an die Opfer in “ihrer Heimatstadt” Duisburg: “Was über uns hereingebrochen ist, trifft uns Duisburger im Kern unserer Mentalität. Unsere Weltoffenheit, unsere Gastfreundlichkeit, unsere Neugier auf Fremde und Fremdes, unsere von Herzen kommende Menschenliebe ist mit Füßen getreten worden. Töten kann sie niemand.” Die “Uns Duisburgerin” Beate Wedekind, die nach eigenen Angaben mittlerweile in Berlin, auf Ibiza und in Addis Abeba lebt, hat mitten in der Katastrophe ihr Herz für die Heimat entdeckt. Ob das bei den Leuten, die tatsächlich noch in Duisburg wohnen, so gut ankommt?

Burdas neues Billig-Blatt Chatter lässt sich in der aktuellen Ausgabe routiniert spöttisch über “Veronas unmoralisches Doppelleben” aus. Gemeint ist Verona Pooth, geborene Feldbusch. “Veronas Glaubwürdigkeit leidet immer mehr. Wieder ist sie in Lügen verstrickt”, textet Chatter. Dem Chatter-Verlag Burda ist die “Werbe-Ikone” aber immerhin glaubwürdig genug, dass er sie die Bunte-Veranstaltung New Faces Award Fashion moderieren lässt. So läuft die moderne Arbeitsteilung in der medialen Verwertungskette: Von Chatter gibt’s Haue und von Bunte dann den Scheck für die Event-Moderation. Da muss Verona wohl durch.

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