Kachelmann frei: Richter rügen Richter

"Kein dringender Tatverdacht mehr" - diese Einschätzung des OLG Karlsruhe bedeutet eine Wende im Fall Kachelmann und zugleich eine Rüge für das Landgericht Mannheim. Der Moderator ist auf freiem Fuß, und zwar offenbar ohne Kaution oder Verpflichtung. Denn nur bei dringendem Tatverdacht schreibt das Gesetz die U-Haft vor. Die Haftentlassung bedeutet keinen Freispruch, der Vergewaltigungs-Prozess wird wie geplant stattfinden. Neu entflammen dürfte nun die Diskussion um eine Vorverurteilung des Moderators.

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"Kein dringender Tatverdacht mehr" – diese Einschätzung des OLG Karlsruhe bedeutet eine Wende im Fall Kachelmann und zugleich eine Rüge für das Landgericht Mannheim. Der Moderator ist auf freiem Fuß, und zwar offenbar ohne Kaution oder Verpflichtung. Denn nur bei dringendem Tatverdacht schreibt das Gesetz die U-Haft vor. Die Haftentlassung bedeutet keinen Freispruch, der Vergewaltigungs-Prozess wird wie geplant stattfinden. Neu entflammen dürfte nun die Diskussion um eine Vorverurteilung des Moderators. 
Generell ist eine Untersuchungshaft nur dazu geeignet, das Gerichtsverfahren sicherzustellen. Für den Inhaftierten gilt bis zum Schuldspruch die Unschuldsvermutung. Im Fall eines TV-Prominenten verhält es sich anders: Einmal hinter Gittern ist der Ruf ruiniert, egal wie der Prozess später ausgeht. So muss man auch kein Hellseher sein, um vorherzusagen, dass Jörg Kachelmann, zumindest bei den öffentlich-rechtlichen Sendern, nicht mehr ins Studio zurückkehren wird. Er wäre – unabhängig von einem Urteil im Prozess – den Zuschauern nicht mehr vermittelbar. Schon aufgrund der vielen Details, die in den vergangenen Monaten hinsichtlich seines Privat- und Intimlebens verbreitet wurden.

Gerade deswegen hätte es sich die Justiz, vor allem das Landgericht Mannheim, nicht so einfach machen dürfen, nach oberflächlicher Sichtung der Akten und einer einzigen Anhörung des Angeklagten eine Entlassung aus der U-Haft abzulehnen und dies damit zu begründen, Kachelmann sei unglaubwürdig, die Belastungszeugin jedoch nicht. Diese Sichtweise, die ein junger, ehrgeiziger Staatsanwalt von Anfang an in den Köpfen der Richter zu verfestigen suchte, war mit Blick auf mehrere Gutachten so klar und eindeutig nicht. Ebendies rückt das Oberlandesgericht nun letztinstanzlich gerade und erklärt in der Begründung auch unverblümt, dass man Zweifel habe, ob die Aussagen der früheren Lebensgefährtin Kachelmanns glaubwürdig sind. Eher im Gegenteil: Der 3. Karlsruher Strafsenat stellt sogar ausdrücklich in den Raum, dass es durchaus die Möglichkeit gibt, dass sich das Opfer die Verletzungen selbst zugefügt hat und beruft sich dabei auf das Ergebnis der Gutachten, die auch dem Landgericht Mannheim und der anklagenden Staatsanwaltschaft vorliegen.

Am Ende wird es ab dem 6. September, wenn der Prozess beginnt, um dieselbe Frage gehen wie seit der Verhaftung des Moderators am 20. März. Aber unter anderen Vorzeichen: Ohne die Entscheidung des OLG wäre Jörg Kachelmann beim Prozess durch den Seiteneingang in Handschellen vorgeführt worden. So betritt er den Gerichtssaal mit seinem Anwalt als freier Mann. Die Wahrscheinlichkeit, dass er diesen nach Ende des Prozesses auch wieder als freier Mann verlässt, ist seit heute gestiegen. Wetten sollte man darauf aber nicht. Erkenntnis für Jörg Kachelmann nach 131 Tagen U-Haft: Selbst im Falle eines Freispruchs wird für ihn nichts mehr so sein wie zuvor. Man darf gespannt sein, wie der wortgewandte Moderator in den sechs Wochen bis zum Prozessbeginn damit umgehen wird.

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