Foxconn: Chronik einer Schreckens-Fabrik

Schon wieder ein Vorfall beim Skandal-Konzern Foxconn: Es ist eine Symphonie des Industrie-Grauens, die der Apple-Zulieferer in den vergangenen Monaten komponierte. Nach prügelnden Sicherheitsleuten, Zwangspraktika und der Selbstmordserie folgte mit 250 vergifteten Mitarbeitern in Indien jetzt die neueste Schreckensnachricht. MEEDIA blickt zurück auf ein trauriges und obskures Imagedebakel, das der größte und derzeit wohl unbeliebteste Arbeitgeber der Welt seit Beginn des Jahres hingelegt hat.

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Die negativen Schlagzeilen um den taiwanesischen Großkonzern, der hierzulande vor allem als iPhone-Hersteller bekannt ist, nehmen kein Ende. Wie Spiegel Online berichtete, hat Foxconn in einer seiner Fabriken in Südindien durch Einsatz von Pflanzenschutzmitteln mehr als die Hälfte der Belegschaft vergiftet. 250 Mitarbeiter klagten über Übelkeit und Schwindelanfälle und mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden. Die Fertigungsanlage wurde erst einmal geschlossen, bis die Situation geklärt ist.
Foxconn produziert neben der iFamilie (iPhone, iPod, iPad) für Apple, Motherboards für Intel, Notebooks für Hewlett-Packard und Dell, Spielkonsolen für Sony Nintendo und Microsoft sowie den Kindle für Amazon. Gemessen an der Zahl der Mitarbeiter ist das taiwanesische Unternehmen das größte der Welt. Rund 420.000 Menschen beschäftigt der IT-Riese allein in der chinesischen Industriestadt Shenzen. Gemessen an der Zahl der Schlagzeilen ist Foxconn – neben dem Ölkonzern BP – aber auch der Konzern mit dem größten Imagedebakel der vergangenen Monate.
Schon als der Apple-Zulieferer im Sommer 2006 erstmals das Licht der breiten Medienöffentlichkeit erblickte, ging es um unmenschliche Arbeitsbedingungen. Damals erhob die britische Zeitung Mail on Sunday schwere Vorwürfe wegen der katastrophalen Zustände bei der iPod-Produktion. Danach wurde es erst einmal ruhig um das Unternehmen.
"Das Mädchen aus der iPhone-Fabrik", titelte Spiegel Online im September 2008. Eine chinesische Arbeiterin wurde für kurze Zeit zum weltweiten Star, weil Fotos von ihr auf einem nagelneuen iPhone aufgetaucht waren. Der erstaunte Käufer veröffentlichte die Bilder, die sie lächelnd an ihrer Foxconn-Montagestätte zeigen, im Netz und bescherte Apple damit eine vielbeachtete Gratis-Werbung. Das Mädchen wurde von der Zeitung Southern Metropolitan Daily zur schönsten Arbeiterin Chinas gekürt und der Elektronik-Konzern versprach, die Monteurin für ihren eigentlichen Fehler keinesfalls zu entlassen. Ein Foxconn-Text frei von Ausgebeuteten und Toten. Das scheint mittlerweile unvorstellbar.
Ab Februar 2010 nahm das Imagedebakel seinen Lauf. Zunächst wurden einem Reuters-Reporter von Foxconn-Sicherheitsleuten "nur" Prügel angedroht, als er ein Fabrikgebäude von außen fotografieren wollte. Doch einige Wochen später konnte man sich bestens vorstellen, warum der Elektro-Gigant es nicht so gerne hat, wenn Journalisten den Fabrikhallen zu nahe kommen.
Allein in den vergangenen vier Monaten stürzten sich elf Mitarbeiter direkt von ihrer Foxconn-Arbeitsstätte in den Tod. Ein zwölfter, diesmal ein Angestellter des Tochter-Unternehmens Chimei Innolux, sprang vor gut einer Woche aus dem sechsten Stock eines Wohngebäudes und ein weiterer starb vor Erschöpfung nach einer 34-Stunden-Schicht. In mindestens 30 Fällen konnte der Elektro-Multi den Suizid gerade noch verhindern.
Als die Selbstmorde begannen, sich zu einer Serie zu entwickeln, sorgte jeder neue Todesfall für ein entsprechendes Medienecho. Um die Selbstmordwelle in den Griff zu bekommen, reagierte Foxconn mit Lohnerhöhungen, stellte hunderte psychologische Berater ein und errichtete Telefonhotlines. Darüber hinaus wurden aber auch reichlich obskure Mittel eingesetzt, um den Lebensmüden Herr zu werden. Die Öffentlichkeit konnte nur staunen. Es wurden Netze um die höchsten Gebäude des Foxconn-Komplexes gespannt, um die Selbstmörder beim Sturz aufzufangen und wer einen suizidgefährdeten Kollegen meldet, erhält umgerechnet 60 Euro Belohnung. Zur Sicherheit sollten auch noch buddhistische Mönche auf dem Betriebsgelände böse Geister vertreiben. Zudem strich der Konzern die Hinterbliebenenrente, da die Zahlung von rund 12.260 Euro nach Angaben des Unternehmens dazu beigetragen haben soll, dass sich die Angestellten umbrachten. Aber damit nicht genug: Letztlich mussten die Mitarbeiter auch noch ein Papier unterschreiben mit der Bedingung: "Ich bringe mich nicht um." Man darf sich zurecht fragen, welche Strafe ihnen bei Vertragsbruch hätte blühen sollen.
Als wären die Selbstmorde nicht imageschädigend genug, brachte es der Skandal-Konzern fertig, auch noch in anderer Weise negativ aufzufallen. So veröffentlichte der Gadget-Blog Gizmodo ein Video, das heimlich auf dem Fabrikgelände aufgenommen wurde. Der kurze Clip zeigt, wie Sicherheitskräfte rabiat gegen Angestellte vorgingen. Mitunter sogar durch den Einsatz von Gummiknüppeln. Darüber hinaus wurde kürzlich bekannt, dass aufgrund einer Kooperation zwischen Parteifunktionären und dem Elektronik-Konzern, 100.000 Berufsschüler der chinesischen Provinz Henan zu einem Zwangspraktikum bei Foxconn verdonnert wurden. Wer sich weigerte, dem sollte der Schulabschluss verwehrt werden.

Der neueste Vorfall in Indien zeigt, dass Foxconn ein wenig aus all dem gelernt haben könnte. Das Stilllegen der Arbeit und sofortige Schließen der mit Pestiziden verseuchten Fabrik deutet zumindest darauf hin, dass es Foxconn hier eher um die Gesundheit seiner Mitarbeiter als um den Profit geht. Wohl auch aus geschäftlicher Sicht – Foxconn möchte künftig ganz sicher nicht aufs Image bedachte Großauftraggeber wie Apple verlieren.

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