Diekmanns skurrile Brieffreundschaft

Seit April sucht Kai Diekmann die Nähe zum NDR-Medienmagazin "Zapp" - einer Sendung, die sich kritisch mit seiner Boulevard-Zeitung auseinander setzt. Regelmäßig schickt der Bild-Chef ironische Themenvorschläge per E-Mail, die MEEDIA vorliegen, an Redaktionsleiterin Julia Stein. Darin weist er sie auf "schädliche Bild-Umtriebe" hin. Bei Zapp freut man sich über die Hilfe: "Wir wissen, was Zapp an Bild hat!", sagt Stein mehrdeutig. Mit den Mails setzt Diekmann seine Ego-Kampagne aus dem letzten Jahr fort.

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In den E-Mails gibt der Bild-Chef seine mittwöchliche "Inspirationshilfe" für die Mediensendung ab. Drei "Denkhilfen" sind es immer an der Zahl, die er in gewohnter "Zapp-Manier" für die NDR-Kollegen formuliert. Natürlich geht es dabei immer um die vermeintlichen Fehler seiner Boulevard-Zeitung. 
Zum Köhler-Rücktritt formulierte der 46-Jährige beispielsweise in gewohnter "Zapp"-Manier: "Horst weg: Warum Bild den Bundespräsidenten auf dem Gewissen hat?" Auch als das Springer-Blatt bekannt gab, dass es künftig Leserreporter als Gericht-Berichterstatter einsetzen werde, hielt Diekmann das für ein willkommenes "Zapp"-Thema und schrieb: "Voyeure reloaded: Wie Bild die Landplage Leserreporter jetzt auf deutsche Gerichtssäle loslässt." Zur Affäre um den ARD-Wetterexperten Jörg Kachelmann empfahl er: "Der Fall Kachelmann: Wie Bild trotz gerichtlichen Verbots schon wieder Informationen aus der Ermittlungsakte veröffentlicht." In fast jeder seiner E-Mails endet der Boulevard-Journalist mit der kessen Frage: "Na, was meinen Sie?"
Seine "Inspirationshilfe" wird bei "Zapp" zwar gewürdigt, jedoch nicht umgesetzt: "Die Schlagzeilen waren leider nicht so, dass sie es bis in die aktuelle Sendung geschafft hätten. Trotzdem schön, dass Kai Diekmann Zapp so schätzt und unterstützt!", so Stein. Insgesamt habe sie acht E-Mails aus der Bild-Chefredaktion bekommen, auf die sie auch einige Male antwortete. Dennoch ist sie etwas ratlos über das Engagement: "Will er wahrgenommen werden? Hat er zuviel Zeit? Wenn es jedenfalls darum geht, seine Sehnsucht nach Aufmerksamkeit zu stillen, scheint Kai Diekmanns Tatendrang nie zu versiegen." Die "Brieffreundschaft" machte das NDR-Medienmagazin aber bisher nicht zum Thema.
Der vermeintlich freundliche Ton des Herrn Diekmann gegenüber "Zapp" wird auch mal strenger: "Also ganz langsam zum Mitschreiben: Bild ist einfach schlimm (…) Wenn es dieses Mal auch nicht klappt, bin ich mit meinem Latein langsam am Ende, Können Sie mir nicht einen Tipp geben, was Sie sich von uns wünschen würden, damit wir es mal wieder in die Sendung schaffen?" In einem MEEDIA-Interview sagte Julia Stein, dass es ihre Aufgabe sei, "Woche für Woche Druck auf den Kessel zu bringen". Diekmann griff die Vorlage dankbar auf und fragte die Redaktionsleiterin per E-Mail: "Wie kriegen wir Druck auf den Kessel?"
Warum sich der 46-Jährige Woche für Woche so viel Mühe mit den Themenvorschlägen macht, begründet er damit, dass er als Gebührenzahler von einem öffentlich-rechtlichen Sender kritische Berichterstattung verlangen dürfe und fügt hinzu: "Außerdem hat Bild einen Ruf zu verteidigen."
Seinem Ruf als Chefredakteur mit einer großen Portion Selbstironie wird er jedenfalls durch solche Aktionen gerecht. In seinem 100 Tage-Blog hatte er Einblicke in seinen Redaktionsalltag gegeben und Kollegen anderer Medien auf die Schippe genommen. Zuletzt machte er durch ein skurriles Video auf YouTube von sich reden. In Form eines gefakten Spiegel-TV-Beitrags stellte sich Diekmann als anonymes Roaming-Opfer der Telekom dar – während seiner Zeit als Blogger hatte er von Marokko aus Videos hochgeladen und damit Kosten in Höhe von 40.000 Euro verursacht. Ein teurer Spaß – da sind ein paar E-Mails an die "Zapp"-Redaktion weitaus günstiger.

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