Eva Hermans wirre Thesen zur Loveparade

Dass sie in ihren Ansichten bisweilen radikal ist, wusste die Öffentlichkeit schon. Doch jetzt liefert Eva Herman einen weiteren Beweis, in welches intellektuelle Milieu die frühere "Tagesschau"-Sprecherin offenbar abgedriftet ist. In einem Kommentar zur Katastrophe in Duisburg geht die 52-Jährige mit den Ravern ins Gericht. Sie sei "erleichtert", dass der "Sex- und Drogenorgie" und dem "schamlosen Treiben endlich ein Ende" gesetzt wurde - möglicherweise hätten "andere Mächte" eingegriffen.

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Der Text der ehemaligen Tagesschau-Sprecherin war am Sonntag auf der Website des Kopp-Verlages publiziert worden. Dieser gilt als Sammelbecken für Verschwörungstheoretiker und hatte auch das letzte Buch Hermans, "Die Wahrheit und ihr Preis", herausgegeben. Zudem verliest die Moderatorin dort auch Video-Nachrichten. Der aktuelle Beitrag zur Duisburger Tragödie nimmt in seiner Anspielung auf externe Mächte Bezug auf Hermans Vorstellung der Schöpfungsgeschichte. Was hier krude anklingt, bringt Medienjournalist Stefan Niggemeier auf den Punkt: "Eva Herman vermutet Gott hinter Massenpanik". Die Moderatorin selbst betitelt ihren Kommentar mit der Überschrift "Sex- und Drogenorgie Loveparade: Zahlreiche Tote bei Sodom und Gomorrha in Duisburg."
Die Argumentation Hermans am Tag nach der der Katastrophe: "Wer die Loveparade kennt und wer der Berichterstattung am Samstagabend über mehrere Stunden im Fernsehen gefolgt ist", käme zu einem "völlig anderen Ergebnis" als dem, dass die Veranstaltung "ein friedliches Fest fröhlicher junger Menschen" gewesen sein muss, wie es Bundespräsident Christian Wulff in seiner Stellungnahme nach Bekanntwerden der Tragödie bekannt gab. Herman verurteilt von vornherein, dass die Stadt Duisburg und das Land Nordrhein-Westfalen das Event genehmigt und finanziell mitgetragen haben. Zudem kritisiert sie, dass sich die Loveparade als Kulturveranstaltung bezeichnen ließe: "Wer sich die Bilder der Loveparades aus den zurückliegenden Jahren ansieht, glaubt, in der Verfilmung der letzten Tage gelandet zu sein, wie sie in der Bibel beschrieben werden. Viele der Partygäste wirken auch in diesem Jahr bereits lange vor dem Unglück wie ferngesteuert. Betrunken oder vollgekifft, mit glasigen Blicken, wiegen sich die dünn bekleideten Körper in rhythmischem Zucken wie in Trance." Dazu wurde der Artikel in seiner Ursprungsfassung mit altem Loveparade-Fotomaterial aus Wikipedia bebildert, später wurden diese dann durch dpa-Fotos von dem Duisburger Event inklusive einer Aufnahme vom Unglücksort ausgetauscht. 
Das Sittengemälde, das Herman zeichnet, sieht so aus: "Liebe? Oder Triebe? Man muss nicht ausgesprochen prüde sein, um sich hier nach kurzer Zeit mit Grausen abzuwenden. Riesige dunkle Wolken der Enthemmung und Entfesselung treiben über dem Geschehen, die jungen Menschen wirken, als hätten sie jegliche Selbstkontrolle abgegeben, ekstatisch und wie im Sog folgen sie dem finsteren Meister der sichtbaren Verführung." Mit etwas Abstraktion würde eine solche Beschreibung durchaus geeignet sein, das Treiben bei einem Faschingsumzug zu beschreiben. Man fragt sich,warum Herman sich ausgerechnet an der Loveparade abarbeitet, der sie geradezu einen sektenhaften Charakter unterstellt. 
Symbolisch würde die Loveparade für einen "kulturellen und geistigen Absturz einer ganzen Gesellschaft" stehen, bei der Begriff Liebe durch den Dreck gezogen werde. Und wieder, wie bereits in ihren vorherigen Ausführungen zur Rolle der Mutter geschehen, haben laut Eva Herman die Achtundsechziger Schuld an den "unheilvollen Auswüchsen": "Wer sich betrunken und mit Drogen vollgedröhnt die Kleider vom Leib reißt, wer die letzten Anstandsnormen feiernd und tanzend einstürzen lässt, und wer dafür auch noch von den Trägern der Gesellschaft unterstützt wird, der ist nicht weit vom Abgrund entfernt. Die Achtundsechziger haben ganze Arbeit geleistet!"
Was bis dahin angesichts der bedrückenden Bilanz von 19 Toten und 340 Verletzen bereits schwer erträgliche Agitation war, gleitet zum Ende in eine merkwürdige Verschwörungstheorie ab: "Denn das amtliche Ende der ‚geilsten Party der Welt‘, der Loveparade, dürfte mit dem gestrigen Tag besiegelt worden sein! Eventuell haben hier ja auch ganz andere Mächte mit eingegriffen, um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen." Eine Katastrophe als Bestrafungsakt aus dem Jenseits – darauf muss man erstmal kommen.
Der Artikel zog schnell eine Nachberichterstattung auf zahlreichen Nachrichtenportalen über die wirren Thesen von Herman nach sich. Auch Blogs beschäftigten sich mit dem Kommentar, der zeitweise aufgrund der Serverüberlastung nicht angesteuert werden konnte, wie Eva Hermann am heutigen Montag in einem nächsten Statement äußert. Darin nimmt sie auch Bezug auf die Reaktionen, die sich am gestrigen Sonntag per E-Mail an sie richteten und versucht, den Folgewirkungen ihrer gedanklichen Konstruktionen entgegenzuwirken: "Selbstverständlich ist mir auch klar, dass bei 1,4 Millionen Besuchern in Duisburg nicht alle betrunken oder zugedröhnt waren. Aber leider sind es eben auch nicht wenige gewesen. Diese Kritik müssten sich die jungen Leute eigentlich ebenso gefallen lassen, wie sie derzeit ihrerseits alle möglichen Institutionen, ob Polizei, Sicherheitskräfte, Veranstalter etc. angreifen, um die Schuldigen für das Unglück finden."
Schuldig gemacht hat sich in dieser Sache vor allem Eva Herman, die ein Unglück missbraucht, um PR für ihr mitunter abstruses Weltbild zu machen.  

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