Zahlensalat: Zoff zwischen Zeit und Spiegel

Zwischen Zeit und Spiegel knirscht es seit zwei Wochen hinter den Kulissen, das vorläufige Ergebnis der Auseinandersetzung ging heute online: Mit einer förmlichen Richtigstellung nahm das Blatt eine Behauptung zurück, die in einem Artikel über den Neustart von Stefan Aust aufgestellt worden war. Dabei ging es um die Höhe der Ausschüttungen aus dem Verkauf des Senders XXP an die Spiegel-Mitarbeiter. Pikant: Die Zeit verstieß mit der Darstellung gegen eine bereits abgegebene Unterlassungserklärung.

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Denn bereits 2007 hatte die Zeit nach einem Artikel von Jahreszeiten-Manager Manfred Bissinger ein Gegendarstellung von der Brandstwiete erhalten. Der frühere Woche-Chefredakteur hatte behauptet, dass die Spiegel-Mitarbeiter die Hälfte des Verkaufspreises von rund 44 Millionen Euro erhalten hätten. Tatsächlich soll nicht einmal ein Zehntel der Gesamtsumme geflossen sein. In dem Rechtsstreit verpflichtete sich die Zeitung, diese Aussage nicht zu wiederholen.
Am 8. Juli publizierte die Zeit einen Artikel der Autorin Anna Marohn, der die neue Rolle des langjährigen Spiegel-Chefredakteurs als Medienunternehmer herausstrich. "Auf eigene Rechnung" ist ein flott, vielleicht zu flott geschriebenes Porträt. Denn darin findet sich erneut die Behauptung von der 50:50-Regelung. Über die wirtschaftliche Dimension des Senderverkaufs an den US-Konzern Discovery wird Aust so zitiert: "Wir haben unseren Einsatz von circa elf Millionen Euro in vier Jahren mehr als vervierfacht." Und, als redaktioneller Nachklapp: "Das Geld wurde zur Hälfte an die Mitarbeiter des Spiegels ausgeschüttet. Aust hätte es lieber zurückgelegt und später etwas anderes davon gekauft."
Die spannende Frage: Wie kam das redaktionelle Statement in den Artikel? In der Richtigstellung schreibt die Zeit-Redaktion im morgen erscheinenden Printmagazin wie auf der Website: "Stefan Aust sagte der Zeit, dass der Gewinn zur Hälfte an die Mitarbeiter des Spiegels ausgeschüttet worden sei." Auf MEEDIA-Anfrage erklärte der ehemalige Chefredakteur: "Die Autorin der Zeit hat da offenbar etwas missverstanden und eine falsche Bezugsgröße angewandt. Hätte man mir die entsprechenden Textpassagen vorgelegt, hätte ich das sofort angemerkt und korrigiert. Dies war aber nicht der Fall." Abgestimmt worden waren, wie in solchen Fällen üblich, die Zitate von Aust, die seine Sprecherin freigegeben hatte.
Aust weist auch darauf hin, dass generell bei einer Ausschüttung von Gewinnen an die Spiegelgesellschafter die Hälfte an die Mitarbeiter KG fließt, da diese 50 Prozent der Anteile halte. So gesehen wäre die Halbe-Halbe-Behauptung korrekt – allerdings nur, wenn das Gesamtwerk der Zahlen richtig wiedergegeben wird.
MEEDIA macht einen Versuch: Angenommen, die Vervierfachung des Investments im Laufe von vier Jahren wäre korrekt, dann ist dabei zu berücksichtigen, dass die Spiegel-Gruppe den Sender XXP nicht allein, sondern im Verbund mit Alexander Kluges DCTP kaufte. An diesen flossen, anteilig zum Investment, auch die Gewinne aus der Veräußerung im Jahr 2006. Dann bliebe vom Erlös in Höhe von 44 Millionen nach Abzug der Steuern "nur" ein Betrag um 22 Millionen Euro. Diese wurden aber keineswegs komplett ausgeschüttet.
Rund 6,5 Millionen Euro flossen als "Drohverlustrückstellung" in den Etat einer Unit für Online-Bewegtbild (übrigens ein Terminus, der sich als sehr hellseherisch erweisen sollte), um zwei Millionen Euro sollen die Spiegel TV-Geschäftsführer um Dealmaker Stefan Aust erhalten, der aufgrund einer Gewinnbeteiligungsklausel in seinem Vertrag als TV-Geschäftsführer ebenfalls Kasse machte (um eine Million Euro), zudem soll ein mittlerer einstelliger Millionenbetrag in Spiegel TV-Projekte bzw. -Töchter investiert worden sein. Überdies erhielten die Angestellten von Spiegel TV eine Tantieme, die in der Summe bei einer Million Euro gelegen haben soll. Für den Spiegel Verlag verbleiben nach dieser Rechnung acht bis neun Millionen, was unterm Strich für die Mitarbeiter KG vier bis viereinhalb Millionen bedeutet und pro Mitarbeiter eine Bonuszahlung um 6.000 Euro.
Im Spiegel-Umfeld wundert man sich, warum die Zeit zwar die in den Raum gestellte Zahl zurücknimmt, nicht aber gleichzeitig die mitschwingende Unterstellung, den Mitarbeitern gehe es ums Geld, nicht aber auch ums Investieren. Und Stefan Aust sagt: "Ich bin nach wie vor der Ansicht, dass man das Geld damals besser zurückgelegt hätte." Ob die Auseinandersetzung damit beigelegt ist, scheint fraglich. Denn der Spiegel, so ist zu hören, hatte ursprünglich sogar eine förmliche Gegendarstellung in der Zeit durchsetzen wollen. Am Ende bleibt ein wirklich lesenswertes Porträt mit einem inhaltlichen Manko am Rande. Ob dies letztlich rechtfertigt, unter Kollegen gleich den Anwalt einzuschalten, ist eine andere Frage.

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