„Ich bin Journalist und kein Hobbydetektiv“

Der Journalist Michalis Pantelouris startet am heutigen Mittwoch ein ungewöhnliches Experiment: Bei einer "Live-Reportage" im Auftrag des Magazins Neon will er Schritt für Schritt einen mysteriösen Fall beleuchten. 2007 war die 26-Jährige Berlinerin Susan Waade in Athen tot aufgefunden worden. Die Behörden legten die Sache als Selbstmord zu den Akten, die Familie glaubt, dass Susan einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist. Im MEEDIA-Interview erklärt Pantelouris sein Vorhaben, das Neon.de live dokumentiert.

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Was ist für Sie ausschlaggebend, eine Live-Reportage zu machen?

Ich will etwas Neues ausprobieren, und ich kenne keine Live-Reportage im Internet. Deshalb weiß ich auch nicht, ob ich die Reportage besonders gut umsetzen kann. Ich habe allerdings schon lange das Gefühl, dass wir im Journalismus nicht mehr deutlich machen können, was so toll an unserer Arbeit ist. Wir bekommen die Leute nicht mehr dazu, für Journalismus zu bezahlen, obwohl eine gute Berichterstattung wichtig für die Gesellschaft ist. Da muss man sich natürlich fragen: Woran liegt das?

Was meinen Sie?

Viele Leute würden wohl erst merken, was am Journalismus so wichtig ist, wenn es ihn nicht mehr gäbe. Sie haben den Eindruck, Journalisten arbeiteten nicht für den Leser, sondern gehörten zu den Mechanismen der Mächtigen. Mit meiner Live-Reportage will ich etwas machen, bei dem die Leute sehen können, was dahinter steckt. Denn wenn man Leser verliert, liegt das auch an mangelnder Authentizität. Also müssen wir dem Leser vermitteln, dass wir in seinem Auftrag unterwegs sind. Im Fall Waade kann ich nicht sagen, was die Wahrheit ist, und ich werde es mit großer Wahrscheinlichkeit auch nie können. Aber ich kann die Geschichte erzählen, auch ohne ein konkretes Ende zu haben. Deshalb auch live: Ich will Anweisungen und Hinweise der Neon-Nutzer entgegennehmen können, so lange ich noch unterwegs bin.

Sie werden also direkt vor Ort in Griechenland für die Leser erreichbar sein?

Ja, meine Email-Adresse steht auf der Neon-Seite, mein Twitter-Feed ist dort eingebunden und wer gut genug sucht, kann im Internet ohnehin meine Handynummer herausfinden. Ich denke, dass wir als Journalisten die Möglichkeiten des Internets gar nicht ausschöpfen. Dass das Internet multimedial ist, haben die meisten begriffen. Aber dass wir uns auch Feedback einholen und mit Nutzern in Kontakt treten können, nutzen nur die wenigsten. Die Interaktivität auf den meisten Nachrichten-Sites ist auf jeden Fall noch ausbaubar.

Warum wollen Sie all ihr Recherche-Material im Fall Waade online anbieten?

Wenn ich so viel wie möglich zur Verfügung stelle, ist meine Recherche für jeden transparent und überprüfbar. Von 1.000 Nutzern wird das wahrscheinlich nur einer lesen. Aber wenn dieser eine einen Fehler entdeckt, hilft das auch allen anderen. Es braucht immer Leute, die alles kontrollieren, uns auf Probleme hinweisen und Alarm schlagen. Im Journalismus sind die Leser im Moment meist auf die Unfehlbarkeit der Redakteure angewiesen – ansonsten müssten sie immer wissen, ob gegen einen Bericht geklagt worden ist oder nicht.

Dann brechen Sie also eine Lanze für den Journalismus, indem Sie alle Materialien online stellen?

Indem man begründet und offen legt, was man tut, kann man auf jeden Fall das Vertrauen der Leser zurückgewinnen, das in den vergangenen Jahren offenbar verloren gegangen ist. Ich bin aber natürlich nicht der Retter des Journalismus. Es gibt andere mit viel besseren Möglichkeiten, die auf dem Gebiet etwas bewegen könnten. Aber ich beobachte mit einigem Frust, dass fast alle Innovationen im Journalismus von freien Mitarbeitern wie mir kommen – und eben nicht von den großen Medienhäusern.

Treten keine Probleme mit dem Pressekodex auf, wenn Sie alle Quellen live und ungefiltert veröffentlichen?

Es wird ja nicht alles live ins Internet übertragen. Ich nehme Videos und Audio-Kommentare auf, fotografiere und schreibe Texte. Dabei frage ich meine Interview-Partner natürlich, ob sie damit einverstanden sind, dass ich Beiträge online stelle. So werden alle Persönlichkeitsrechte gewahrt. Und auch was die Lebensverhältnisse von Susan Waade angeht, veröffentliche ich nur das, was für den Fall relevant ist. Ihre Intimsphäre achte ich sowieso, egal wie relevant die Information sein mag, denn es gibt natürlich Dinge, die gehen mich und Sie nichts an. Aber der große Unterschied ist doch: Wenn ich etwas schreibe, das ich nicht belegen kann, muss ich plötzlich meinem Leser gegenüber begründen, warum ich das nicht kann. Das ist bisher nicht so.

Können Sie in Griechenland überhaupt all die Arbeit leisten und multimediale Inhalte erstellen?

Ich weiß es nicht. Ich habe nicht viel Erfahrung damit, Video, Audio, Bild und Text gleichzeitig zu verarbeiten und sehr zeitnah online zu stellen. Wenn ich feststelle, dass alles zu lange dauert, kann der Aufenthalt auch einen Tag verlängert werden. Weder Neon noch ich wissen genau, was bei dem Experiment herauskommt.

Wenn es nicht live ist, können Sie den Nutzern doch genau so Inhalte vorenthalten wie bei einer klassischen Berichterstattung.

Wenn ich das täte, würde es sicherlich auffallen. Den Druck habe ich mir ja nun selbst gemacht, weil ich der Meinung bin, dass die Arbeit von Journalisten ebenso überprüfbar sein sollte wie die eines Handwerkers. Bei vielen Medien ist das nicht der Fall. Stattdessen beziehen sich Journalisten oft nur auf Pressetexte, was sie ihren Lesern nur ungern sagen.

Wie begegnen Sie dem kritischen Medien- und Nutzerecho vor Ihrem Aufbruch nach Griechenland? Sie werden in der Kommentarspalte bei Neon als "sensationsgeil" bezeichnet.

Meine Berichterstattung wird schon kritisiert, bevor sie überhaupt losgeht. Das nehme ich natürlich wahr, und Kritik ist ein wichtiger Beitrag, besonders, wenn man etwas ausprobiert. Aber letztlich relevant ist doch nur, dass die Familie Waade nicht unter meiner Berichterstattung leidet. Sollte sie das Gefühl haben, es ginge Neon oder mir um die Sensation, ist die Reportage beendet. So einfach ist das – und das weiß die Familie auch.

Sie haben selbst geschrieben, dass Sie als Chronist auftreten. Journalisten haben aber auch die Aufgabe, Themen zusammenzufassen und zu reflektieren.

Darüber bin ich mir bewusst und das werde ich auch tun. Aber seien wir ehrlich: Der Vorfall ist drei Jahre her und ich bin nur zehn Tage unterwegs. Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass ich wichtige Neuigkeiten herausfinde. Ich möchte nur die Geschichte von Susan Waade erzählen. Ich bin Journalist und kein Hobbydetektiv.

Hätte es dann nicht auch eine normale Reportage getan?

Vielleicht ja. Aber mit dem Experiment will ich auch zeigen, was im Internet möglich ist. Bei der Krise im Journalismus will ich auch ausprobieren, was man besser machen kann. Denn Journalismus ist wichtig. Und gute Arbeit wird von den Lesern auch wahrgenommen, da bin ich mir sicher. Ich bin den Leuten bei Neon.de jedenfalls unendlich dankbar für die Möglichkeit. Die haben sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, denn natürlich setzt man sich der Gefahr aus, sensationsgeil zu wirken. Aber ich habe es ja in der Hand, zu beweisen, dass man diese Geschichte ordentlich und gut erzählen kann. Ob das Experiment allerdings so funktioniert, wie wir uns das erhoffen, wissen wir erst in zehn Tagen.

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