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Erfolg oder Fiasko für die Times?

Die ersten Zahlen nach der Einführung einer umfassenden Pay-Wall bei der Londoner Times wurden mit Spannung erwartet – und lösen einen schwer durchschaubaren Deutungsstreit aus. Während zum Beispiel die deutsche Financial Times aus Zahlen der Firma Hitwise einen "Achtungserfolg" für Murdochs Strategie herausliest, sieht der Rivale Guardian ein Fiasko: Die Times habe glatt 90 Prozent ihrer Leser eingebüßt und wenig dafür gewonnen.

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Die Daten des Online-Marktforschers Hitwise beruhen auf Traffic-Beobachtungen und gelten als recht zuverlässig, allerdings ist eine komplette Bezahlschranke für ein vorher reichweitenstarkes Portal für die Analytiker ein neues Phänomen. Hitwise will festgestellt  haben, dass die meisten Times-Nutzer die Lust verloren, als sie sich Mitte Juni zur Vorbereitung der Pay-Wall erstmals registrieren (aber noch nicht zahlen) mussten: 58 Prozent minus bei den Zugriffen. Die Bezahlschwelle selbst – 1 Pfund pro Ausgabe, 2 Pfund für eine Woche ab Juli – habe nur noch geringen Einfluss gehabt. Insgesamt sieht Hitwise die Zugriffe um rund zwei Drittel gesunken – unklar ist aber, wie viele Nutzer auf der Registrierungsseite landen und dann abbrechen.
Auch über die bezahlten Zugriffe gibt es begründete Annahmen: 15.000 zahlende Nutzer im Internet und weitere 12.500 für das iPad. Quelle für diese Zahlen ist der frühere Times-Medienjournalist Dan Sabbagh, nach dessen Einschätzung die Online-Zahlen als Enttäuschung, die Zahlen für das Apple-Lesegerät aber als Erfolg gewertet würden. Rupert Murdochs Prestigeblatt selbst hält sich verständlicherweise bedeckt.
Der im Netz höchst aktive (und kostenlose) Guardian macht eine andere Rechnung auf: Nach den letzten offiziellen Zahlen aus dem Februar hatte die Times täglich 1,2 Millionen Nutzer, nun seien es nur noch 84.800, die tatsächlich zu den Inhalten vordringen. Eine solcher Vergleich mag etwas polemisch sein und lässt offenbar die Times-Abonennten außer Acht, die einen Schlüssel für die Pay-Wall haben – dennoch fragt man sich, ob die Zeitung ihren Strategiewechsel mit dem Verlust an Reichweite nicht zu teuer bezahlt.

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