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“Das ist strategische Leserverar…”

Bunte, Gala, InTouch und Co. haben seit einiger Zeit auch ein eigenes Watchblog im Internet bekommen. Bei “Klatschkritik” nimmt die gelernte Journalistin Antje Tiefenthal die Berichterstattung der deutschen People- und Frauenpresse unter die Lupe. Was dabei herauskommt, ist oft ernüchternd. Teilweise Jahre alte Fotos werden auf Titelseiten als aktuell verkauft und Schleichwerbung wird immer dreister. MEEDIA sprach mit der Watchbloggerin über ihre Hassliebe zur People-Presse.

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Wie kamen Sie auf die Idee, mit Klatschkritik ein Watchblog über People- und Frauenzeitschriften ins Leben zu rufen?

Ich war schon immer Leserin dieser Magazine, das hat mir einfach Spaß gemacht. Gleichzeitig bin ich aber auch Journalistin und da sind mir mit der Zeit Dinge aufgefallen, die meinen Grundsätzen nicht entsprechen. Diese handwerklichen Fehler haben mich mit der Zeit immer mehr gestört und irgendwann kam die Idee, das nicht länger für mich zu behalten, sondern zu veröffentlichen. Heutzutage geht das am besten und einfachsten im Internet. Die konkrete Idee für das Blog hatte ich schon vor über einem Jahr. Umgesetzt habe ich die Idee aber erst jetzt im Frühling.

Ist das Bildblog das große Vorbild?

Nein gar nicht. Ich habe lange gar nichts mitbekommen, was im Internet auf diesem Gebiet los war. Die Idee zum Klatschkritik-Blog hatte ich ganz unabhängig vom Bildblog. Allerdings haben mir das Bildblog und das Blog von Beate Wedekind den letzten Anstoß gegeben, selbst tatsächlich loszulegen.

Sie berichten über sehr viele Zeitschriften. Geben Sie ein Vermögen für People- und Frauenzeitschriften aus?

Im Prinzip schon. Ich habe kein Abo, aber gehe seit Jahren Woche für Woche zum Kiosk und entscheide dort, welche Zeitschriften mir gefallen und ich kaufe und welche nicht. Mit dem Blog landen jetzt ein paar mehr zuhause als früher. Ich kaufe jede Woche so fünf bis sieben Frauen- und People-Zeitschriften. Dann fange ich als normale Leserin an zu lesen. Wenn mir als Journalistin etwas auffällt, beginnt die Arbeit für das Blog.

Fällt immer etwas auf?

Jede Woche und in jedem Magazin. Nicht jede Sache ist aber so bedeutend, dass es einen größeren Beitrag rechtfertigt. Ich will auch nicht als pingelig gelten, deshalb lasse ich die Kleinigkeiten meistens weg.

Was sind typischerweise die schlimmsten Dinge, die ihnen bei der Lektüre auffallen und die Sie im Blog anprangern?

Die schlimmste Sache ist unverhohlene Schleichwerbung. Die Grenze zwischen Anzeigen und Redaktion bei diesen Magazinen verschwimmt immer mehr. Aber das wird manchmal derart penetrant gemacht, dass zum Beispiel der Hersteller Maybelline Jade ständig vorkommt. Und mit der Aktualität nehmen es viele auch nicht sehr genau. Da wird zwar in Claims gerne damit geworben, dass diese Zeitschriften Trends setzen und schneller sind als andere. In Wahrheit werden Monate alte Meldungen, die schon längst überall veröffentlicht wurden, als "neu" verkauft. Oder es werden Jahre alte Fotos für Modebeiträge und Titel verwendet. Die Kleidung auf diesen Fotos wird als hip und angesagt verkauft. Wenn die gutgläubige Leserin in eine Boutique läuft, bekommt sie diese Kleider aber gar nicht mehr, weil die seit zwei Jahren schon nicht mehr in den Läden hängen.

Stichwort Schleichwerbung: Verlage könnten argumentieren, dass Produktnamen auch Informationen für die Leser sind…

In gewisser Weise stimmt das auch. Aber wenn in einem Beauty-Beitrag über fünf Seiten ausschließlich Produkte eines einzigen Herstellers vorkommen und eben dieser Hersteller schaltet exakt eine Seite vor und eine Seite nach dem Beitrag noch eine passende Anzeige, dann hat das nichts mehr mit Service für Leser zu tun.

Man fühlt sich als Leser veralbert.

Ich würde das sogar eine strategische Verarschung nennen. Man gibt viel Geld aus für diese Magazine, in der Hoffnung ein glaubwürdiges Produkt zu bekommen und wenn man ein bisschen genauer hinschaut entdeckt man, das ist alles nicht so.

Wenn alles so schrecklich ist, warum lesen Sie das Zeug dann noch?

Ach, dass man unterhalten wird, dass der Voyeurismus in gewisser Weise befriedigt wird – diese Erwartungen werden durchaus erfüllt. Das Problem dieser Magazine ist vielleicht, dass dieses Segment bisher weitgehend unbeobachtet war. Medienkritiker befassen sich eher mit Tageszeitungen oder TV-Formaten. Ich habe fast den Eindruck bei diesen Magazinen denken einige, man kann machen, was man will – es merkt ohnehin niemand.

Ist die Lage schlimmer geworden?

Diese besonders intensive Zusammenarbeit der Redaktion mit Anzeigenkunden hat sich erst in den vergangenen zwei bis drei Jahren so richtig herauskristallisiert. Dass die Grenzen ein bisschen verwischen, war eigentlich aber immer schon so.

Was mich als Mann bei Frauenzeitschriften stört, sind diese Produktfriedhöfe, bei denen man im hinteren Heftteil seitenweise Produkte mit PR-Fotos und einer knappen Bildunterschrift präsentiert bekommt. Wenn man mit zuständigen Chefredakteurinnen spricht, dann sagen die immer, die Leserinnen wollen das. Jetzt frage ich sie: Will die Leserin das wirklich?

Ja! Da muss ich Sie enttäuschen. Das ist wie ein Katalog. Das macht einfach Spaß da durchzublättern, was es im Moment für Handtaschen in den Läden gibt. Wobei einem klar sein sollte, dass die Auswahl in den Magazinen nicht unabhängig ist, sondern dass eher Handtaschen oder andere Produkte von solchen Herstellern gezeigt werden, die auch Anzeigen schalten.

Schauen sie auch Klatsch- und Tratschseiten online an?

Ich habe einmal etwas über Wunderweib.de geschrieben, die Frauen-Plattform von Bauer Media. Ich schaue mir schon auch das Internet an. Aber in erster Linie geht es mir in meinem Blog um Print-Produkte.

Haben Sie schon mal eine Reaktion aus einer der Redaktionen bekommen über die sie schreiben?

Ein paar mal habe ich Anfragen verschickt. Das eine Mal als die Elle in einer Ausgabe Monate alte Veranstaltungen als aktuell angepriesen hat. Da habe ich eine Mail an die Chefredaktion geschickt und von der Stellvertreterin auch eine Antwort bekommen. Die inaktuelle Berichterstattung  wurde mit der aufwändigen Produktion begründet. Dann habe ich mal eine Mail an die Chefredakteurin von InStyle, Annette Weber, geschickt. Die hat aber auf die Frage, warum sie ein zwei Jahre altes Foto aufs Cover genommen hat, nicht geantwortet.

Sehen Sie große Unterschiede in der Qualität bei den People-Magazinen?

Man kann schon unterscheiden. Gala, Bunte oder die neue Grazia recherchieren noch ernsthaft für Beiträge. Nicht immer, aber die haben einen gewissen Anspruch. Andere Magazine, wie etwa InTouch, zähle ich schon eher zur Yellow Press. Da werden vor allem Bilder gezeigt, bei denen irgendeine Bildunterschrift druntergeschrieben wird – ganz egal ob es stimmt oder nicht. Aber die Dinge, die ich anprangere, wie fehlende Aktualität, Schleichwerbung oder einfach unwahre Berichterstattung, das zieht sich durch alle Magazine.

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