Bild: 2,3 Millionen Euro für Leserreporter

Bei aller Kritik ein großer Erfolg: Die Leser der Bild-Zeitung haben der Redaktion in vier Jahren eine beeindruckende Menge von knapp 686.000 Fotos geliefert. Bild hat wiederum fast zwei aus 100 in die eigenen Ausgaben gehoben. Und weil das Boulevardblatt seinen Lesern dafür 100 bis 500 Euro verspricht, hat das Team um Chefredakteur Kai Diekmann den Leserreportern viel Geld überweisen müssen: mehr als zwei Millionen Euro. MEEDIA zieht eine vorläufige Bilanz der umstrittenen Foto-Aktion.

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Was für eine Häme sich im Jahr 2006 noch über Deutschlands mächtigste Boulevardzeitung ergoss. Damals begann Bild damit, Leser aufzurufen, der Redaktion Schnappschüsse zu liefern – und lockte im Gegenzug mit Geld. Millionen Bild-Konsumenten sollten so zugleich Leserreporter werden, der Redaktion damit kein Augenzucken in der Republik mehr entgehen. Der Spiegel sprach abfällig von "Hobby-Knipsern, Pseudo-Journalisten, Unfall-Gaffern und Feierabend-Spannern". Die FAZ warnte gar vor einer "flächendeckenden Paparazzisierung der Gesellschaft". Sogar der dpa-Betriebsrat muckte auf. Ihr damaliger Chefredakteur Wilm Herlyn schickte der Bild selbst ein Foto – und sorgte so dafür, dass Ex-RTL-Moderator Heiner Bremer sich im Blatt nur in Badehose gekleidet wiederfand.

Das Projekt, das meist kurz und knapp bloß nach der Handy-Kurzwahlnummer der Bild "1414" genannt wird, musste viel Spott ertragen. Es ist aber auch ein großer Erfolg – für Bild, aber auch für die Leserreporter. Wie ein Sprecher des Axel-Springer-Verlages MEEDIA auf Anfrage mitteilte, liefen seit dem Start der Aktion im Jahr 2006 bis dato nämlich schier unfassbare 685.595 Fotos in der Redaktion der Bild ein, von denen 13.514 ins Blatt wanderten, also immerhin etwa zwei aus einhundert Bildern.

Wie sehr das die Berichte der Bild mitunter nach vorne bringen kann, zeigte sich erst vor wenigen Tagen. Nachdem in mehreren ICE-Zügen ausgerechnet bei brütender Hitze die Klimaanlagen ausfielen, titelte Bild "Bahn-Chaos: Alles noch viel schlimmer!" und notierte prominent auf der Seite eins: "BILD-Leserreporter berichten aus Hitze-Zügen". Zu sehen waren völlig ausgelaugte zwei- und dreijährige Bahnfahrer, markiert mit dem Dauerlogo "BILD-Leserreporter 1414". Ein Hingucker und Werbung für das Projekt zugleich.
Auch bei der aktuellen Ausgabe punktet Bild mit einem Foto eines Leserreporters. Im Regionalteil für Hamburg macht das Blatt die Titelseite mit einem Bilddokument von Symbolwert auf: Wenige Stunden bevor er seinen Rücktritt als Erster Bürgermeister der Hansestadt bekannt gab, spaziert Ole von Beust entspannt an der Alster, begleitet von dem designierten Nachfolger Christoph Ahlhaus und CDU-Chef Frank Schira. Schlagzeile: "Hier schlendert Ole zum Rücktritt".

Für die Veröffentlichungen der Leserreporter-Schnappschüsse zahlt Bild seit Beginn des Projekts ein Honorar. 100 Euro fallen für Aufnahmen an, die auf den Regionalseiten der Zeitung erscheinen – 500 Euro, wenn ein Foto bundesweit mitläuft. Die Summe der Überweisungen an die Bild-Leserreporter: Bis Mitte Juli dieses Jahres belief sie sich bereits auf 2.330.431 Euro. Nur der Einsatz auf bild.de ist für die Bild-Redaktion honorarfrei und damit keine Einnahmequelle für "1414"-Lieferanten.
Nach den bisherigen Erfahrungen mit dem Einsatz der Leserreporter geht Bild am Montag nochmal in die Offensive: Jetzt bietet die Zeitung den 1414-Fans an, Scout für Bild-Artikel zu werden. Pro Story gibt es 20 Euro Honorar, immerhin mehr als früher für einen Leser-Witz .

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