Ausschalten: der Medien-Sommertrend

Immer mehr Magazine, Zeitungen und Journalisten geraten bei dem Gedanken ins Schwärmen, die vielen elektronischen Helferlein der heutigen Zeit einfach mal auszuschalten, dem Internet fernzubleiben und “runterzukommen”. Spiegel und WirtschaftsWoche haben dem Thema ihre Titelstories gewidmet, in der New York Times hat der Schriftsteller Gary Shteyngart ein Essay zum Off-Sein veröffentlicht. Abschalten, im Wort- wie im übertragenen Sinne, ist der Medientrend des Sommers.

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“Ich bin dann mal off” lautet die Titelzeile des aktuellen Spiegels in Anlehnung an den Buch-Bestseller “Ich bin dann mal weg” des TV-Entertainers Hape Kerkeling. Der beschrieb in seinem Buch, wie er sich eine Auszeit vom aufreibenden TV-Geschäft nahm und auf dem Jakobsweg pilgerte. Wie es scheint, war Kerkeling ein medialer Trendsetter.

"Schalt ab!" forderte die Wirtschaftswoche sogar mit Ausrufezeichen auf ihrem Cover und verknüpfte die Aufforderung zur Aus-Zeit aber gleich wieder mit guter alter Leistungsdenke: “Warum wir weniger leisten, wenn wir ständig erreichbar sind.” FAZ-Mann Frank Schirrmacher hatte mit seinem Warnung vor dem Multitasking in seinem jüngsten Buch “Payback” vielleicht doch nicht so unrecht.

Aber nicht nur auf Titelseiten großer Medien macht sich die neue Lust am nicht erreichbar sein breit. Auch in kleinen journalistischen Formen, in Kolumnen und Editorials schleicht sich immer mehr der Wunsch nach Ruhe, nach Muße, wie es der Spiegel nennt. Der Journalist Hajo Schumacher schreibt im Editorial der jüngsten Ausgabe seiner PDF-Medienzeitschrift ViSdP: “Heroisches Vorhaben: Sommerferiengefühl zurückholen. Handy aus, pro Tag eine Zeitung, aber die dann richtig. Erholung bedeutet auch Mut zur Leere.” Und lässt gleich mal den halben Platz seines Editorials frei. “Hier Platz für ihre Notizen”, könnte man hinzufügen.

Noch nicht ganz den Zen-Zustand innerer Medien-Muße erreicht hat der FAZ-Autor und Kino-Kritiker Michael Althen. In seiner Kolumne in der Wochenendbeilage “Bilder und Zeiten” schrieb er vergangenen Samstag, das “letzte große Abenteuer des modernen Menschen” sei im Urlaub aufs Internet zu verzichten. Dass er das hinbekommt, glaubt er zwar noch nicht – aber der Wille zur Netz-Abstinenz ist da und wird thematisiert.

Bleibt die Frage, warum sich so viele Medien und Journalisten auf das Thema Müßiggang und Abschalten stürzen. Zum einen ist der Berufsstand der Medien-Facharbeiter in ganz besonderem Maße dem Info-Sturm der neuen digitalen Medien ausgesetzt. So wie der Politik- und Wirtschaftsbetrieb mittlerweile auch samstags und sonntags auf Hochtouren läuft und ständig neue Nachrichten produziert, werden Websites heute auch am Wochenende kontinuierlich aktualisiert.

Ruhephasen wie das Wochenende, der Feierabend oder auch das berüchtigte Sommerloch werden heutzutage eher mit Panik als mit Beruhigung wahrgenommen. Wo man früher mal Fünfe gerade sein ließ und die Redaktion mit Notbesetzung auskam, wird heute manisch nach Themen gesucht, die die Klick- oder Auflagendelle der Sommer-Wochen ausbügeln könnte. Selbst im Schwimmbad werden Mails gecheckt und Klick-Statistiken abgerufen. Die Konkurrenz macht es schließlich auch! Die Produktions-Bedingungen des Internet gekoppelt mit dem Spar-Druck in vielen Medienhäusern sorgen dafür, dass immer weniger Menschen im Internet immer mehr Texte produzieren.

“Always on” wurde in der digitalen Aufbruchstimmung zum geflügelten Wort von Medienberatern und Redaktions-Managern. Die Freude von einfachen Redakteuren, die von ihrem Arbeitgebern mit Dienst-Blackberrys ausgestattet wurden, wich irgendwann der Ernüchterung. Das Dienst-Smartphone ist zwar immer noch ein Statussymbol. Aber eines für die digitale Arbeiterklasse. Ganz egal ob im Journalismus, in der Politik oder in der Wirtschaft.

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