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Kurt Otto, Netzwerk Recherche, Bahn-Hass

Sommer, Sonne, ausgefallene Klimaanlagen im ICE: Medien-Deutschland muss der Bahn eigentlich dankbar sein, dass sie der schreibenden und sendenden Zunft über die Themenarmut des Sommers hilft. Während das Netzwerk Recherche vergangenes Wochenende wichtig tagte, machten sich Unbekannte lustig über die Alpha-Journalisten und brachten ein Fake-Programm des Kongresses in Umlauf. Und mit Kurt Otto verabschiedete sich der legendärste Pressesprecher der Branche in den Ruhestand.

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Vergangenes Wochenende hielt der Verein Netzwerk Recherche seine Jahrestagung in Hamburg ab. Ex-Spiegel-Chef Stefan Aust trat auf, es gab viele Diskussionsrunden und Vorträge, der Anti-Preis “verschlossene Auster” wurde an die katholische Kirche überreicht. Einigen Zeitgenossen roch die Präsentation der vereinten Recherche-Spezialisten aber offenbar ein wenig zu sehr nach selbst fabriziertem Weihrauch. Am Rande der Tagung tauchte jedenfalls ein alternatives Programm auf, das die Teilnehmer und Tagungspunkte ordentlich auf die Schippe nahm. Da wurde geladen zu “Die Klickstrecke – Das Genre der Zukunft” mit “Web-Pionier” Hans-Jürgen Jakobs oder zum “Perückenkurs von und mit Günther Wallraff”. Ob die Veranstalter darüber lachen können? Hoffentlich schon. Wer das ganze Fake-Programm lesen will, kann es sich hier als PDF runterladen.

Diesen Sommer ist von der WAZ noch in keinem Badesee ein Krokodil gesichtet worden. Dafür darf man sich wieder ungehemmt dem Volkssport Bahn-Bashing hingeben. Ausgefallene Klimaanlagen, kollabierte Schulklassen, sich verschanzendes Zugpersonal. Bahnfahren ist wieder ein echtes Abenteuer geworden. Das hat aber auch Vorteile. Medien haben mitten im Sommerloch ein super Thema, bei dem ausnahmsweise alle einer Meinung sind. Sogar im Forum von Spiegel Online heißt es ausnahmsweise relativ einmütig: Immer feste druff auf die Deutsche Bahn. Echte Bahn-Profis lässt die Hitze freilich kalt. Der routinierte Vielfahrer stellt sich auch bei 50 Grad plus ungerührt ins Bord-Bistro, bestellt eine Fertig-Pizza und öffnet die saunawarme Weizenbierflasche mit seiner Bahncard 100. Wer das nicht aushält – der soll zu Hause bleiben oder Auto fahren.

Jetzt wurde Gruner + Jahrs Pressesprecher Kurt Otto mit 63 Jahren nach 22 Berufsjahren in den Ruhestand verabschiedet. Viele sagten zu der Nachricht, dass eine Ära endet und das stimmt wohl so. Fast jeder in der überregionalen Medienszene kennt mindestens drei Kurt-Otto-Stories. Wenn das Telefon klingelte und KO am Apparat war, dann wurde meistens Tacheles geredet, es war manchmal anstrengend, hier und da auch laut, aber immer interessant und oft auch lustig. Er war ein Öffentlichkeitsarbeiter, der sich in die andere Seite wirklich hineinversetzen konnte. Eine absolute Seltenheit. Dass Kurt Otto abtritt, ist ein echter Verlust für Gruner + Jahr. Den großen Bossen war vielleicht gar nicht immer bewusst, was Kurt Otto an der Basis für das Image ihres Hauses so alles geleistet hat.

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