Die Klassen-Gesellschaft im Journalismus

Im Journalismus-Gewerbe gibt es, wie in der übrigen Gesellschaft auch, eine Klassengesellschaft. Die mediale Klasse lässt sich ungefähr so einteilen wie die Buchungsklassen bei einer Luftreise: Es gibt die schrumpfende First Class mit unlimitiertem Spesenkonto, die gut situierte Business Class, das Fußvolk der Economy-Klasse und eine wachsende Schar an Billigfliegern. MEEDIA präsentiert eine nicht ganz ernst gemeinte Analyse der medialen Klassengesellschaft.

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First Class

Zahlenmäßig naturgemäß die kleinste Klasse. Die journalistischen Top-Jobs sind rar gesät und werden eher weniger als mehr. Gründe sind zum einen der anhaltende Trend, dass Titel eher eingestellt werden. Neu gegründete Zeitschriften entstehen meist aus einer bereits bestehenden Redaktion heraus. Außerdem gibt es den anhaltenden Trend zur Zusammenlegung von Redaktionen. Will heißen: In Zukunft gibt es immer weniger Chefredaktionen zu vergeben. Und die paar neuen Chefredakteure sind wegen des Spar-Drucks finanziell meist schlechter gestellt als ihre Alpha-Kollegen mit üppig dotierten Alt-Verträgen. Ein echter Vertreter der journalistischen First Class schert sich nicht ums Spesenkonto. Da wird gerne mal Business oder echte First-Class nach New York geflogen. Zum Hintergrundgespräch. Übernachtet wird grundsätzlich in Fünf-Sterne-Hotels und der Night-Cap in Davos wird von einer der Sekretärinnen als regelmäßiger Termin gepflegt. Fahrkarten-Automaten kennt man in diesen Kreisen nur vom Hörensagen.

Business Class

Während die echte First Class langsam ausstirbt, ist die Business Class ist die neue Top-Ebene im Journalismus. Neue Chef-Verträge werden in dieser Klasse abgeschlossen. Will heißen: Es gibt bei der Wahl des Dienstfahrzeugs gewisse Einschränkungen (keine SUVs, keine Sportwagen) und es darf für die Dienstreise auch mal ein Vier-Sterne-Schuppen ohne ausgedehnten Wellness-Bereich sein. In der besseren Business-Class wird aber trotzdem noch geflogen statt Bahn gefahren – selbst auf solchen Strecken wie München – Frankfurt. In der unteren Business Class (Kategorie: Ressortleiter) muss es dann auch mal die Erste Klasse der Bundesbahn tun und als Dienstauto gibt es, wenn überhaupt, nur noch die Wahl zwischen Dreier-BMW, C-Klasse Mercedes oder VW-Passat – gemeinhin der Vertreter-Standard. Trotzdem verfügt die Business Class immer noch über ein ansehnliches Spesen-Konto. Man muss schon gehörig überziehen, bis die Buchhaltung mal meckert. Und selbst dann lässt sich die Schlemmerei mit dem journalistischen Wert des hochklassigen Hintergrund-Gesprächs rechtfertigen. Aber es zahlt ja eh meistens der andere.

Economy Class

Die Massenklasse  – im Flieger wie im Journalismus. Hier wird fleißig Bahn gefahren und es werden Mittelklassehotels mit konkreten Preisvorgaben angesteuert. Maximal bis 100 bis 120 Euro pro Übernachtung sind so die übliche Hausnummer. Dienstwagen-Träume kann man sich in dieser Klasse abschminken. Vorherrschend ist oft noch das Angestelltenverhältnis mit Vollkasko-Vertrag alten bundesrepublikanischen Zuschnitts (Presseversorgung, Urlaubsgeld). Bei Neu-Verträgen tendieren die Bedingungen tendenziell nach unten. Ausgedehnte Mittagspausen mit exzessivem Chefredaktions-Bashing, gekrümmte Körperhaltung und misanthropische Weltsicht sind weitere Zugehörigkeitsmerkmale der journalistischen Economy Class.

Billigflieger

Hierzu gehören per Definition zunächst einmal alle freien Mitarbeiter bei Lokal- und Regionalzeitungen sowie 90 Prozent der Onliner und alle Praktikanten. Die schärfsten Waffen der Billigheimer sind ihre selbst gekaufte Digitalkamera, das Aufnahmegerät und das Telefon. Dienstfahrten werden wegen dem so genannten journalistischen Ethos meistens selber gezahlt. Die reibungslose Fahrplan-Taktungen zwischen ÖPNV und DB-Fernverkehr beherrscht das journalistische Prekariat auf dem Effeff. Mit dem zuständigen, fest angestellten Redakteur (Economy) pflegt man eine leidenschaftliche Hassliebe, die vor allem fernmündlich und auf elektronischem Postwege ausgelebt wird. Journalistische Billigkräfte sind oft gewerkschaftlich organisiert und/oder tummeln sich in ihrer knappen Freizeit gerne bei so genannten Kollegen-Stammtischen. In dieser Klasse wird in Cent-Beträgen gerechnet – meist pro Zeile.

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