Das Mediengericht im Fall Kachelmann

Der Fall Kachelmann, bei dem der bekannte ARD-Wetterexperte Jörg Kachelmann von seiner ehemaligen Freundin der Vergewaltigung beschuldigt wird, lässt die Medien nicht los. Für die Süddeutsche Zeitung ist die Geschichte nur noch "Der Fall", für den sie am Donnerstag ihre gesamte Seite drei freiräumt. Wie vorher schon Spiegel und Zeit inszeniert auch die SZ eine Art Mediengericht vor der eigentlichen Verhandlung. Die Auswirkungen auf den realen Prozess lassen sich nicht abschätzen.

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Der Spiegel war das erste deutsche Leitmedium, das in sehr großer Ausführlichkeit und inhaltlicher Tiefe den Fall Kachelmann analysierte. Am 7. Juni erschien das Hamburger Nachrichtenmagazin mit der Geschichte "Er schläft mit ihr!", die auf dem Titel in bester Boulevard-Manier als "Die Akte Kachelmann – Täter oder Opfer? Die geheimen Gutachten der Justiz" angepriesen wurde. In dem langen Stück wurde erstmals ausführlich aus Vernehmungs- und Chat-Protokollen zwischen Kachelmann und seiner langjährigen Geliebten zitiert. Dem Spiegel lagen offenbar Gutachten vor, auch das damals neuste Gutachten, das die Bremer Aussagen-Spezialistin Luise Greuel im Auftrag der Staatsanwaltschaft angefertigt hatte.

Die Beweisaufnahme des Spiegel wirkte so umfassend, so in sich geschlossen – als Leser hatte man den Eindruck, bereits die Dokumentation einer Gerichtsverhandlung beizuwohnen. Dabei war der Spiegel auffällig bemüht, keine Partei zu ergreifen. Die drei Autoren Jürgen Dahlkamp, Simone Kaiser und Barbara Schmid zeichneten das Bild von zwei vernichteten Existenzen. Sie schrieben: "Das Fernsehvolk sitzt zu Gericht. Schuldig ist hier allerdings schon, wer sich verdächtig macht, unschuldig nur der, der seine Unschuld beweisen kann. Denn in diesem Fernsehvolk-Gericht gilt die Schuld-, nicht die Unschuldsvermutung, und das nun für beide, Jörg Kachelmann und die Frau." Da hat der Spiegel wohl Recht. Allerdings gilt diese Diagnose auch für die Qualitätsmedien der Presse, die genauso Mediengericht halten wie Fernsehvolk, Bild, Bunte und Co.

Die nächste mediale Vorverhandlung fand in der Zeit statt. Das Wochenblatt bot Henri-Nannen-Preisträgerin Sabine Rückert auf, die nach einer aufwändigen Recherche ebenfalls ein ultimatives Kachelmann-Stück ablieferte. Am 24. Juni erschien die Zeit mit der Geschichte "Schuldig auf Verdacht", die deutlich stärker als der Spiegel-Text Position für Kachelmann bezog. "Die Beweise zerrinnen den Staatsanwälten geradezu unter den Händen. Aber der Schaden, den Kachelmanns Ansehen erlitten hat, ist total", schrieb Sabine Rückert. Auch sie berichtete ausführlich aus den zur Verfügung stehenden Gutachten u.a. von Luise Greuel und vom rechtsmedizinischen Gutachter Bernd Brinkmann, der Zweifel daran hat, dass die Verletzungen des mutmaßlichen Opfern durch Fremdeinwirkung entstanden sind.

Kachelmanns Anwalt Reinhard Birkenstock wird in dem Zeit-Artikel ein Schmusekurs gegenüber der Anklage vorgeworfen. Das Urteil der Zeit ist relativ klar: Dass Kachelmann trotz der vielen Zweifel an seiner Schuld immer noch in Untersuchungshaft sitzt, ist ein Skandal.

Nun zum Auftritt Hans Leyendecker und Nicolas Richter von der Süddeutschen Zeitung. Auf der kompletten Seite Drei rollt die Tageszeitung am Donnerstag die ganze Causa Kachelmann, inklusive der bereits ausführlich besprochenen Gutachten erneut auf. Überschrift: "Der Fall". Ähnlich wie der Spiegel enthalten sich Leyendecker und Richter einer eindeutigen Wertung Pro oder Contra Kachelmann. In ihrem Text werden die möglichen Wahrheiten analytisch kühl gegenübergestellt. Szenario 1 ist so, Szenario 2 ist so. Der eine Psychologe sagt dies, der andere Rechtsmediziner sagt das. Genaues weiß man leider nicht.

Was man mittlerweile weiß, ist, dass das Mannheimer Landgericht nach wie vor einen dringenden Tatverdacht gegen Kachelmann für begründet hält und dieser wohl bis zum Prozessbeginn am 6. September in Haft bleiben muss. Die SZ gibt zu bedenken, dass sich die Justiz der existenziellen Bedeutung des Prozesses für mindestens zwei Biographien, der Kachelmanns und der des mutmaßlichen Opferns, bewusst ist: "Das Gericht weiß um diese Verantwortung. Für die von Kachelmanns Verteidigung öffentlich geäußerte Befürchtung, die Mannheimer Justiz schütze die ‚Täterin einer Falschbeschuldigung‘, finden sich jedenfalls keine Beweise." Das liest sich fast wie eine juristische Replik auf den Artikel in der Zeit. Anwälte im Gerichtssaal dürften ähnlich formulieren wie hier Top-Journalisten.

Ein Fall wie der Kachelmanns ist eine Geschichten so voller Drama, Tragik und Fallhöhe, dass sie wie geschaffen ist für Medien. Man kann den drei Qualitätsblättern Spiegel, Zeit und SZ nicht vorwerfen, dass sie leichtfertig mit dem Thema umgehen würden. Die Recherchetiefe und Qualität der Texte ist in allen Fällen beeindruckend. Aber es bleibt auch ein mulmiges Gefühl. Die Mühlen der Justiz und der Strafverfolgung mahlen langsam. Medien arbeiten schnell, haben schnell eine Meinung und bilden schnell auch die Meinung der Öffentlichkeit. Diese schnell geblideten Meinungen und Vor-Urteile lassen sich in den seltensten Fällen wieder zurücknehmen oder relativieren.

In diesem Fall haben Medien scheinbar so gut wie das gesamte Beweismaterial des anstehenden Prozesses zur Verfügung, lange bevor der Prozess beginnt. Welche Auswirkung die Analysen und Meinungen auf den echten Prozess haben werden, lässt sich schwer abschätzen. Dass es gar keine sein werden, ist unwahrscheinlich.

Die Süddeutsche dreht die Story sogar über die noch nicht begonnene Verhandlung hinaus. "Kenner" würden sagen, bei "Vorwürfen dieser Art" sei die Justiz in Mannheim "sehr hart". Die SZ weiß: "Nach Lage der Dinge sieht es also, trotz aller Ungewissheiten, nicht gut aus für Kachelmann, denn auch der 1. Strafsenat des Bundesgerichtshofs, der über eine Revision zu befinden hätte, gilt nicht als besonders milde." Nach den Plädoyers von Spiegel und Zeit nun also das vorerst abschließende Medien-Urteil der Süddeutschen. Sogar schon in nächster Instanz.

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