Anzeige

Ein Zeitschriften-Dino mit Bibel-Bonus

"90 Jahre kicker – immer seriös und immer fachlich": So möchte Herausgeber Rainer Holzschuh das Sportmagazin aus Nürnberg immer noch gesehen wissen. Die Jubiläumsfeiern fielen wegen des Todes des langjährigen Herausgebers Karl-Heinz Heimann aus. Das Heft erweist sich als erstaunlich zäh. Eine Zukunftsstrategie für die traditionsreiche Fußballer-Bibel ist aber schwer zu erkennen. Denn die saisonal gezackte Auflagenkurve des kicker zeigt langfristig nach unten.

Anzeige

Das Wort "Bibel" kommt nicht oft vor in den Grußbotschaften von Fußball-Größen, die man über das Jubiläumsheft vom Montag gestreut hat. Immerhin, Gerd Müller bekennt sich noch dazu, im kicker montags und donnerstags eherne Wahrheiten und Weisheiten zu finden. Wer damit aufgewachsen ist, denkt es automatisch mit: kicker, Bibel, zusammen Kicker-Bibel. Was das Magazin aber nicht davor bewahrt, das Schicksal der Branche zu teilen.

Die wichtigere Montags-Ausgabe hatte 1995 einmal fast 400.000 Exemplare, in der ersten Jahreshälfte 2010 lag sie im Schnitt nur noch knapp über 200.000 Exemplaren. Die Reichweite sank laut Media-Analyse unter die Grenze von drei Millionen Lesern, bei der aktuellen AWA notiert das Heft hingegen mit 3,18 Millionen Lesern, ein Plus von 2,3 Prozent gegenüber 2009. Eine Trendwende markiert diese Zahl nicht.

Das ist natürlich immer noch ein überwältigender Multiplikator: Der kicker wird wie eh und je in Kinderzimmer verschleppt, über Schreibtische geschoben und in der Kantine weitergereicht. Wer ihn zur Arbeit mitbringt und bereitwillig teilt, kann auf einen sicheren Beliebtheitsbonus setzen, auch wenn er womöglich dem falschen Verein anhängt oder die Leistung des Nachwuchsspielers auf der linken Außenbahn völlig falsch einschätzt.

Fachlich und seriös, "ohne jeden Boulevardtouch" (Michael Ballack), das ist das Mantra der Redaktion. So ganz ohne Touch aber doch nicht, sonst gäbe es den kicker vermutlich nicht mehr. Nicht zuletzt der in der Nacht zum Dienstag verstorbene Karl-Heinz Heimann hat in den 70er- und 80er-Jahren als Chefredakteur dafür gesorgt, dass seine Experten den Schritt von der Tribüne herunter und hin zu den Akteuren mitmachten. Im Getümmel dort graben auch die Fachkräfte für die 18 Bundesligaklubs nach exklusiven Zitaten und Insiderinformationen. Das geht nicht, ohne sich in die Vereinspolitik zu mischen, Emotionen zu schüren und gelegentlich Partei zu ergreifen.

Bei alledem den Nimbus eines quasi amtlichen Mitteilungsblatts zu wahren, ist nicht das geringste Verdienst des aktuellen Herausgebers Rainer Holzschuh. Mittel dazu sind sein staatstragend-gespreizter Stil, gedruckte Kompendien wie die jährlichen Saisonhefte und Almanache (letztere wirklich von biblischen Dimensionen), und schließlich eine gefühlt endlose Serie von Wahlen, Ranglisten und Auszeichnungen, die Holzschuh selbst und sein Fachblatt immer wieder in den Mittelpunkt rücken – in vielen Fällen sogar buchstäblich in den Mittelkreis.

Obwohl Springers Sport Bild nach der Gründung 1988 ziemlich aggressiv und zügig die Marktführerschaft im Segment übernahm, hat sich der kicker wacker gehalten – fußball-bildlich gesprochen, mit einem ergebnisorientierten Stil Rehhagelscher Prägung. Wenig Experimente, aus einer soliden Deckung, mannschaftlich geschlossen. Und vorne landet einer der Spür- und Wühlhunde, die das Magazin in München, Frankfurt oder Hamburg beschäftigt, ab und zu einen Treffer in Gestalt einer exklusiven Meldung oder eines Aufsehen erregenden Interviews. Die Webseite kicker.de setzt, wie das Mutterblatt, konsequent auf Fakten und seine großartige Datenbank, damit erfüllt sie ein Grundbedürfnis des Fach-Fans und hält sich an der Spitze der Sportseiten im Netz.

Doch auf Dauer wird das nicht reichen. Zur WM in Südafrika trat kicker.de, vermutlich nach jahrelangen internen Diskussionen, mit einem Blog hervor: Ein durchaus rührender Versuch, sich dem Leser auf einer persönlichen Ebene und womöglich sogar im Dialog zu nähern. Redakteur Uwe Röser schaut auf seinem Foto doch recht verzagt nach links – dahin, wo das restliche Internet lauert, gefährlich und unüberschaubar.

Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige