Neuer Focus reibt sich an altem Spiegel

Der zweite Focus unter der Regie von Wolfram Weimer ist erschienen. Und schon stürzt er sich, wie in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau angekündigt, in den “lustvollen Wettbewerb um die Deutungsmacht in wesentlichen gesellschaftlichen und politischen Fragen” mit dem Spiegel. Die aktuelle Focus-Titelgeschichte “Angriff aufs Gymnasium” wirkt wie eine Replik auf den Spiegel-Titel von vergangener Woche (“Schluss mit dem Schul-Chaos”). Dabei hat der neue Focus sogar zwei Titel...

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Der zweite Focus unter der Regie von Wolfram Weimer ist erschienen. Und schon stürzt er sich, wie in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau angekündigt, in den “lustvollen Wettbewerb um die Deutungsmacht in wesentlichen gesellschaftlichen und politischen Fragen” mit dem Spiegel. Die Focus-Geschichte “Angriff aufs Gymnasium” wirkt wie eine Replik auf den Spiegel-Titel von vergangener Woche (“Schluss mit dem Schul-Chaos”). Dabei hat der neue Focus sogar zwei Titel…

In den Gesamtauflagen der Gebiete Nielsen 1 und 2 (im wesentlichen Norddeutschland) sowie im Saarland hat Focus den Niedergang des Gymnasiums auf dem Cover. Grund für diese Titelwahl sei u.a. die Volksabstimmung in Hamburg um die umstrittene Erweiterung der Grundschulen zu sechsjährigen, so genannten Primarschulen, sagte eine Focus-Sprecherin zu MEEDIA. Im restlichen Deutschland prangt Karl Theodor zu Guttenberg als "Kanzler der Reserve" auf dem Titel.

Dass der Focus ausgerechnet in der Spiegel-Stadt Hamburg mit demselben Thema aufmacht wie der Platzhirsch in der vergangenen Woche, kann man mutig nennen. Es ist zumindest bemerkenswert. Zunächst muss man anerkennen: Wolfram Weimer meint es offenbar ernst damit, dem Focus wieder Relevanz einzuhauchen. Die aktuelle Geschichte über die bundesdeutsche Bildungsmisere und das föderale Schulsystem-Kuddelmuddel hat deutlich mehr Substanz als viele frühere Focus-Titel. Die Story ist mit elf Seiten Umfang in einem sattelfesten, konservativen Sound aufgeschrieben. Die Geschichte hat nur ein Problem: eben den Spiegel-Titel von vergangener Woche.
Die alte Spiegel-Titelstory “Ein Abgrund von Föderalismus” von Thomas Darnstädt, war ein exzellentes Stück Erklär-Journalismus. Nach der Lektüre hatte man als Leser zumindest das Gefühl, das bundesdeutsche Bildungs-Dilemma zu durchblicken. Und das ohne eine übergestülpte Links-Rechts-Polemik. Die Focus-Geschichte “Kampf ums Gymnasium” von dieser Woche ist handwerklich auch gut gemacht. Sie legt den Schwerpunkt ein bisschen mehr auf die anstehende Volksabstimmung in Hamburg und darauf, Bildungsbürger mit dem Niedergang des oberprimanischen Leistungsmythos zu erschrecken (“Am Fundament presslufthämmern die Egalitätsromantiker.”) Sonst aber ist das Focus-Stück aber im wesentlichen eine Art Nacherzählung der Spiegel-Story. Dafür kommt es schlicht eine Woche zu spät, zumal auf dem Titel.

Er wolle sich in einen “lustvollen Wettbewerb um die Deutungsmacht in wesentlichen gesellschaftlichen und politischen Fragen” mit dem Spiegel stürzen, sagte Weimer der Frankfurter Rundschau vor seinem Antritt. Er wolle gegen die “links-liberalen Stimme aus Hamburg” die “bürgerliche Stimme” stärken. Die FR fragte zu Recht verdutzt nach: “Der Spiegel ist für Sie links-liberal”? Ist er eben schon lange nicht mehr. Der Spiegel ist im Zweifel immer dagegen und das ist auch ganz gut so. Der Focus aber muss erst noch herausfinden, wofür oder wogegen er ist, was er für eine neue Rolle in der publizistischen Landschaft spielen will. Das zeigt nicht zuletzt das Experimentieren mit zwei Titelgeschichten. 

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