Verschlossene Auster für katholische Kirche

Der Verein Netzwerk Recherche hat die katholische Kirche mit dem diesjährigen Negativpreis "Verschlossene Auster" ausgezeichnet. Begründung der Jury: Die Kirche habe nur selten die Bereitschaft zur Aufklärung des Missbrauchsskandals gezeigt, die Recherche sei teilweise sogar mit rechtlichen Mitteln verhindert worden. Heribert Prantl griff dies in seiner Laudatio auf: "Mehr als jede Kirchenkritik der Kirche schaden kann, schadet sie sich selbst, wenn sie sich der Diskussion verschließt und versperrt."

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Der SZ-Innenpolitikchef leitete seine Rede, die sich vornehmlich an den Empfänger des Preises, die Deutsche Bischofskonferenz als Stellvertreter der Kirche, richtete, mit dem Schutzpatron der Journalisten, Franz von Sales, ein. Er habe zu seiner Zeit, als er seine Predigten auf Flugblättern unter das Volk brachte, genau das gekonnt, was die katholische Kirche heute nicht mehr kann: "Er war glaubwürdig, kannte die richtigen Worte, er hatte die Sprache um Gehör und Glauben zu finden", so Prantl. Diese große Gabe sei der katholischen Kirche nicht mehr gegeben. "Eine Gemeinschaft, die vom Wort lebt wie keine andere, hat die Sprache verloren. Sie ist sprach- und sprechunfähig geworden, nicht nur, aber vor allem, wenn es um ihr Verhältnis zur Sexualität geht. Die Diskussion über den Zölibat samt der Sexualität der Priester ist ein Tabu, die Diskussion über die katholische Sexuallehre ist ein Tabu, das Reden über Verhütung ist tabu. Wenn es so viele Tabus gibt, gibt es keine Wahrhaftigkeit mehr." Gerade die Kirche als Fachinstitution für das Benennen und Eingestehen von Verfehlungen sowie Schuldbekenntnis, Buße, Reue und Vergebung müsse von Opfern und Medien gezwungen werden, Stellung zu beziehen.
Dennoch sagte Prantl in seiner Laudatio, dass es "die" katholische Kirche nicht mehr als einen kompakten Block des Wegschauens gebe. Es würde auch Personen geben, die sich dem Skandal gestellt hätten, wie beispielsweise Pater Klaus Mertes, den Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin, der mit seinem Mut zu Aufdeckung und Aufklärung den Schritt hin zu einer kirchlichen Verantwortungskultur getan habe. Er hielt jedoch fest: "Es gibt eine Kirche, deren Selbstmitleid größer ist als das Mitleid mit den Opfern. Es gibt eine Kirche, die glaubt, sie habe lediglich ein Problem mit angeblich missliebigen Medien. Dieser Kirche widme ich diesen Negativ-Preis." Und weiter: "Ich widme ihn, pars pro toto, dem Bischof meiner Heimatdiözese Regensburg, dem Bischof Gerhard Ludwig Müller. In diesem Bistum Regensburg liegt Wackersorf, der Ort, an dem einst eine Wiederaufbereitungsanlage gebaut und mit aller Macht und Staatsgewalt gegen den Willen der Bevölkerung durchgesetzt werden sollte. Was Wackersdorf für die CSU war, ist Bischof Müller für die katholische Kirche: ein Fiasko."
Stellvertretend für die Kirche nahm Matthias Kopp, Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, die Auszeichnung in Hamburg entgegen. In seiner Replik gestand er  Fehler in der rechtzeitigen Aufklärung durch die Bischofskonferenz ein: "Wir stellen uns der Preisbegründung, aber nicht alles was Herr Prantl gesagt hat, werden wir mit nach Rom nehmen." Eine Kirche, die den Menschen nahe sein will, müsse sich der Öffentlichkeit auch stellen. Dennoch habe er auch negative Beispiele mit der Presse erlebt. Teilweise sei auf unseriöse Art und Weise recherchiert worden. Seine Rede schloss er mit den Worten: "Sie dürfen sicher sein, dass wir uns in Zukunft um das Gegenteil bemühen, was dieser Preis bedeutet."
Die "Verschlossene Auster" ist in diesem Jahr zum neunten Mal von der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche verliehen worden. Der Preis steht als mahnendes Symbol für mangelnde Offenheit und Behinderung der Pressefreiheit von Personen oder Organisationen gegenüber den Medien. Preisträger der vergangenen Jahre waren der ehemalige Bundesinnenminister Otto Schily, der Lebensmittelkonzern Aldi, die Hypo-Vereinsbank (stellvertretend für die DAX-Unternehmen), der damalige DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder, der damalige Chef der Deutschen Bahn AG, Hartmut Mehdorn, der damalige russische Präsident Wladimir Putin sowie das Internationale Olympische Komitee. 2009 wurde der Bundesverband deutscher Banken mit der Negativpreis ausgezeichnet.

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