Mark Twain – der erste Medienjournalist

Den US-Autoren Mark Twain kennen viele nur als Schöpfer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn oder Deutschland-Reisenden. Twain, der von 1835 bis 1910 gelebt hat, war aber auch so etwas wie der erste Medienjournalist. In den USA wurde jetzt von der Mark Twain Foundation ein bisher unbekanntes Essay Twains veröffentlicht, in dem dieser sich gewohnt sprachgewaltig der journalistischen Stilform des Interviews widmet. Eines ist nach der Lektüre sicher: Mark Twain mochte keine Interviews.

Anzeige

“Niemand mag es, interviewt zu werden, und doch sagt niemand nein; denn Interviewer sind höflich und haben feine Manieren, selbst wenn sie kommen, um zu zerstören.” So beginnt Mark Twain seinen Text “Concerning the Interview”, der aus dem Jahr 1889 oder 1890 stammt. Bezeichnenderweise wurde um diese Zeit auch die heute als Yellow Press bekannte Unterhaltungspresse etabliert. Das handschriftliche Essay wurde erst jetzt von der Mark Twain Foundation veröffentlicht.

Interviewer kämen nicht in der Absicht zu zerstören, sie seien sich auch hinterher nicht bewusst, dass die zerstört haben, so Twain weiter. “Ich denke, sie haben mehr die Einstellung eines Zyklons, der mit der gütigen Absicht erscheint, ein in der Hitze schmachtendes Dorf abzukühlen und sich hinterher nicht bewusst ist, dass er dem Dorf irgendetwas anderes angetan hat als einen Gefallen.” Leute, die einem Zyklon die Schuld an der Zerstörung geben, würden nicht erkennen, dass “kompakte Masse” nicht der Zyklonen-Vorstellung von Symmetrie entspräche, so Twain. Ganz ähnliche verhalte es sich mit Interviewern und aussagekräftigen Texten.

“Ein Interviewer ist das Gegenteil von Inspiration, weil man Angst vor ihm hat”, heißt es in dem Essay. Twain baut dann eine bemerkenswertes Satz-Konstruktion, in der er das Gefühl des sich im Kreise drehens von Pseudo-Aussagen und Verwirrtheit, die für ihn charakteristisch für Interviews sind, wunderbar in Worte fasst. Das liest man am besten im Original:

“You know by experience that there is no choice between these disasters. No matter which he puts in, you will see at a glance that it would have been better if he had put in the other: not that the other would have been better than this, but merely that it wouldn’t have been this; and any change must be, and would be, an improvement, though in reality you know very well it wouldn’t. I may not make myself clear: if that is so, then I have made myself clear–a thing which could not be done except by not making myself clear, since what I am trying to show is what you feel at such a time, not what you think–for you don’t think; it is not an intellectual operation; it is only a going around in a confused circle with your head off. You only wish in a dumb way that you hadn’t done it, though really you don’t know which it is you wish you hadn’t done, and moreover you don’t care: that is not the point; you simply wish you hadn’t done it, whichever it is; done what, is a matter of minor importance and hasn’t anything to do with the case. You get at what I mean? You have felt that way? Well, that is the way one feels over his interview in print.”

Wegen der Angst vor dem Interviewer und dem Unsinn, den man womöglich von sich gibt, ziehe man sich innerlich zurück. Twain: “Du versuchst farblos zu sein, du versuchst listig zu sein und um den heißen Brei herumzureden, ohne Irgendetwas zu sagen: Und wenn du es gedruckt siehst, dann wird dir schlecht, weil dir genau das sehr gut gelungen ist.”

Das Schlimmste an Interviews sei aber, wenn der Interviewer versucht, einem etwas Lustiges zu entlocken. Das sei eigentlich immer der Fall. Die plumpen und schamlosen Versuche, den Witz in Interviews rauszukitzeln, würden aber stets das Gegenteil erzeugen. “Ich glaube nicht, dass jemals etwas wirklich Lustiges in einem Interview gesagt wurde, seit der Erfindung dieses unheimlichen Gewerbes”, so Twain.

Und weil nie etwas Witziges gesagt wird, der Interviewer aber trotzdem auf der Jagd nach “Charakteristischem” sei, spicke er das Interview eben mit selbst erfundenen Humorismen. Twain schreibt: “This treatment has destroyed many a humorist. But that is no merit in the interviewer, because he didn’t intend to do it.”

Es gebe viele Gründe, warum Interviews generell ein Fehler sind, schreibt Twain. Ein Grund sei, dass Interviewer, selbst wenn sie ausnahmsweise eine gute Frage gestellt haben, und eine wirklich interessante Antwort erhalten, nicht bei der Sache bleiben. Der Fluss der Erkenntnis werde abgeschnitten von weiteren Fragen zu anderen, belanglosen Dingen. Die eine kleine Chance, etwas Wertvolles nach Hause zu tragen, sei dahin.

Aber es würde laut Twain auch nichts bringen, den Interviewer darauf hinzuweisen, denn: “He  can’t tell dirt from ducats.” Er kann Dreck nicht von Dukaten unterscheiden. “It’s all one to him, he puts in everything you say; then he sees, himself, that it is but green stuff and wasn’t worth saying, so he tries to mend it by putting in something of his own which he thinks is ripe, but in fact is rotten. True, he means well, but so does the cyclone.”

All die Unterbrechungen, die Marotte der Interviewer, abzulenken und von Thema zu Thema zu springen, habe einen ernsthaften Effekt: Man könne in Interviews gerade so viel von sich preisgeben, um sich zu beschädigen. Man bekomme aber niemals die Gelegenheit, sich zu erklären und seine Position zu rechtfertigen.

Der Essay ist selbstverständlich im Original viel geschliffener zu lesen. Aber eines dürfte klar sein: Marc Twain mochte keine Interviews, keine Interviewer und auch keine Wirbelstürme.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige