RTL und die Problemzone Dokusoap

Am Donnerstagabend stellt RTL sein Programm für die nächste TV-Saison vor. Große Änderungen am Schema wird es wohl kaum geben: Im vergangenen Jahr lag der Marktanteil bei den 14- bis 49-jährigen Zuschauern bei sehr guten 16,9 %. Im ersten Halbjahr 2010 sorgte die siebte "DSDS"-Staffel für starke Quoten, auch von der Fußball-WM konnten die Kölner profitieren. Allerdings zeigen sich im Genre Dokusoap starke Abnutzungserscheinungen, auf die der Sender reagieren muss.

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Beim Screening im vergangenen Sommer lautete die Strategie von Antje Schäferkordt: Verlässlichkeit. Anstatt neue Shows auszuprobieren, konzentrierte sich RTL vor allem auf die Fortsetzung bisher erfolgreicher Programme – auch um im Krisenjahr die Kosten überschaubar zu halten. Als größte Errungenschaft kann RTL die Erneuerung des Nachmittags verbuchen, wo die geskriptete Dokusoaps wie "Verdachtsfälle", "Familien im Brennpunkt" und "Die Schulermittler" der Konkurrenz den Rang abgelaufen und damit eine der größten Baustellen im Programm geschlossen haben.

Zeit, um sich zufrieden zurückzulehnen, hat Schäferkordt in den kommenden Monaten trotzdem nicht: Zahlreiche Dokusoaps, mit denen wichtige Sendeplätze in der Primetime bespielt werden, haben zuletzt beim Publikum an Attraktivität eingebüßt.

Der Montag erweist sich dabei noch als stabilster Pfeiler im Programm, dank "Bauer sucht Frau" und "Rach der Restauranttester". Mit Wiederholungen von "Einsatz in 4 Wänden" rettet sich RTL derzeit über den Sommer, bis es Ende August einmal mehr Christian Rach mit der neuen Reihe "Rachs Restaurantschule" richten soll, in der der Sternekoch mit Gastronomie-Neulingen ein eigenes Restaurant aufbauen soll.

Vor allem fehlt montags aber erfolgreicher Nachschub vom Sonntagvorabend, der in den vergangenen Jahren ideal als Teststrecke funktionierte. Das von dort geholte "Vermisst" hat auf dem neuen Sendeplatz nach "Wer wird Millionär?" in diesem Jahr deutlich geschwächelt. Zuletzt wurden am Sonntag um 19.05 Uhr gleich mehrere neue Sendungen getestet: Das Coaching-Format "Endlich wieder Arbeit" erzielte im April Werte unter Senderschnitt. Auch die "Big Brother"-Variante "Die Farm" mit Inka Bause enttäuschte. Gut möglich, dass "Christopher Posch – Ich kämpfe für Ihr Recht" (mit akzeptablem Marktanteil) und "Helene Fürst – Anwältin der Armen" (als bisheriges One-Hit-Wonder) eine weitere Chance bekommen.

Die Versteigerungs-Dokusoap "Unterm Hammer", die nach Schummelvorwürfen gleich wieder abgesetzt wurde, fällt als Nachschub aus. Als sichere Bank darf wohl auch in der nächsten Staffel Vera Int-Veens "Schwiegertochter gesucht" gelten, das sich ebenfalls als Kandidat für eine Verschiebung auf den Montag eignen würde.

Am kniffeligsten wird vermutlich die Neugestaltung des Mittwochs – so wie bisher wird es dort nicht weitergehen können. Sowohl "Teenager außer Kontrolle" als auch "Die Ausreißer" haben RTL in den zurückliegenden Monaten wenig Anlass zur Freude gegeben, und Peter Zwegats "Raus aus den Schulden" ist weit entfernt von früheren Höchstwerten. Die Neuentwicklung "Süchtig", bei der ein Therapeut Alkoholabhängige auf den Entzug vorbereitet, war zwar verhältnismäßig seriös produziert, kam beim Publikum aber gar nicht an – gut möglich, dass RTL mit seinen Problem-Dokusoaps den Bogen überspannt hat. Ab kommender Woche muss sich mittwochs erst einmal das im vergangenen Jahr getestete "Einspruch – Die Show der Rechtsirrtümer" in Serie beweisen. Davor laufen – überraschenderweise – neue Folgen von "Nachbarschaftsstreit", das im vergangenen Jahr eher mittelmäßig funktionierte.

Es wird vermutlich nur eine Frage der Zeit sein, bis RTL den Erfolg der geskripteten Dokusoaps vom Nachmittag in den Abend auszudehnen versucht. Den ersten Schritt überlässt man beim Marktführer allerdings dem kleinen Bruder: Nach dem Ende der aktuellen "Big Brother"-Staffel zeigt RTL II ab 9. August auf dem Platz um 19 Uhr die Dokunovela "X-Diaries – love, sun & fun", bei der fiktive Geschichten deutscher Urlauber im Dokustil erzählt werden. Als Produzent zeichnet Filmpool ("Verdachtsfälle", "Familien im Brennpunkt") verantwortlich. Bei RTL wird sicher sehr genau hingesehen, ob das funktioniert.

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