„Die Zahl der seelenlosen Verleger wächst“

Am Wochenende trifft sich die Journalisten-Elite in Hamburg: Auf dem NDR-Gelände veranstaltet der Verein Netzwerk Recherche sein Jahrestreffen unter dem Motto "Fakten für Fiktionen. Wenn Experten die Wirklichkeit dran glauben lassen". Im MEEDIA-Interview spricht Vorstandsvorsitzender Thomas Leif über den "heiklen Einsatz" von Experten, die Auswirkungen von Twitter und Co. auf die Recherchequalität und den Hauptstadtjournalismus. Den deutschen Verlegern stellt er zudem ein schlechtes Zeugnis aus.

Anzeige

Die Netzwerk Recherche-Konferenz steht in diesem Jahr unter dem Motto "Fakten für Fiktionen. Wenn Experten die Wirklichkeit dran glauben lassen". Warum haben Sie das Schwerpunktthema gewählt?
Der Einsatz von Experten in den Medien ist heikel, die kritische Reflexion über die Auswahl wird in den Redaktionen meist tabuisiert. Denken Sie nur an die oft interessengeleiteten "Experten" rund um die Schweinegrippe oder die Finanzmarktkrise. Selbst in seriösen Nachrichtensendungen wie am Dienstag in der "heute"-Ausgabe kommt es zu Fehlgriffen. Den von EU-Parlamentariern mehrerer Fraktionen  kritisierte übermächtige Lobbyismus in Brüssel bewertete ausgerechnet ein inflationär eingesetzter Makler an der Frankfurter Börse. Das Muster wiederholt sich: Eloquenz und mediengerechte Kürze gehen zu oft vor Kompetenz und Sachkenntnis. In Brüssel gibt es genügend echte Experten, die etwas von der Sache verstehen.
 
Können Experten in manchen Situationen denn erlässlich sein?
Nein. Die Nutzung von erfahrungsgesättigten Sachverstand bringt meist Substanz. Nur die richtigen Experten sollten sorgfältig zum richtigen Thema ausgesucht und redaktionell auf ihr Fachwissen und ihre Reputation abgeklopft werden. Die Nachrichtenagentur AP hat dazu die richtigen Suchpfade und Auswahlkriterien in einem internen Papier zusammengefasst. Problematische "Mietmäuler" sind hier dokumentiert und werden von der Berichterstattung ausgeschlossen. Das ist leider noch die Ausnahme. Wer einmal in der Expertenkartei steht und "funktioniert" und dazu noch "gesichtsbekannt" ist, wird immer wieder angerufen.
 
Wie nehmen Sie den Journalismus derzeit angesichts der Sparpläne von Verlagen wahr? Gibt es einen Qualitätsverlust?
Es gibt zwei Tendenzen: einerseits rangiert Deutschland mit seinen Spitzentiteln in der europäischen Spitzenklasse. Andererseits wächst die Zahl der seelenlosen Verleger, die weiter rigide auf Kosten der Qualität sparen, obwohl sie respektable Renditen ausweisen.
 
Welche Auswirkungen haben Twitter, Facebook und Co. auf die Recherchequalität?
Nach meiner Beobachtung kann die Recherche in sozialen Medien bei bestimmten Themen hilfreich sein; wichtige Rechercheergebnisse stützen sich aber meistens auf Top-Informanten, gründlicher Quellenarbeit und sorgfältiger Auswertung von Dokumenten.
 
Wie nutzen Sie selber das Web2.0?
Ich nutze alle Möglichkeiten, die das Web2.0 bietet. Besonders ergiebig sind in der Alltagsarbeit Spezialsuchmaschinen, die wertvolles Material zu Tage fördern.
 
Wie ist es derzeit um den Hauptstadtjournalismus bestellt?
Ich kann nicht erkennen, dass der Hauptstadtjournalismus eine ungewöhnliche Sonderstellung einnimmt. Herdenjournalismus und Hysterisierung, Tempospirale und zu viel Mainstream werden von den meisten Kolleginnen und Kollegen ja selbstkritisch reflektiert. Von einem historischen Versagen muss man jedoch im Fall des Rücktritts von Bundespräsident Horst Köhler sprechen. Für die tatsächlichen Ursachen und die Akteure der "Respektlosigkeit" vor einem Verfassungsorgan haben sich nur ganz wenige interessiert. Aber – alles Verdrängte kommt wieder.
 
Was halten Sie davon, wenn Redaktionen eigenen Recherche-Ressorts gründen, wie zuletzt bei der Welt geschehen?
Wir erleben ja derzeit einen wahren Boom solcher Recherche-Pools. Das ist prinzipiell sehr positiv zu bewerten, weil es den empirischen Nachweis gibt, dass eine intensive Teamarbeit ausgezeichnete Resultate für die Redaktionen bringt. Nur dürfen diese Ressorts nicht mit Kosteneinsparungen in den anderen Ressorts führen. Spitze darf nicht gegen Breite ausgespielt werden.
 
Wie bewerten Sie den DuMont-Reporterpool?
Da kann ich mir noch kein abschließendes Urteil bilden. Das wäre zu früh. Aber als regelmäßiger Leser der Frankfurter Rundschau und Abonnent der Berliner Zeitung ist die Zahl der Textübernahmen doch beachtlich. Natürlich wird die Eigenständigkeit und Pluralität dadurch reduziert.
 
Zurück zur Konferenz. Überraschungsgast in diesem Jahr ist Stefan Aust. Wie kam es dazu?
Wichtige Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens haben zahlreiche Verpflichtungen und müssen viele Termine unter einen Hut bekommen. Wir freuen uns, dass Stefan Aust über seine Pläne, Konzeptionen und sein multimediales Erfahrungswissen aus erster Hand berichtet.
 
Welches sind die weiteren Highlights des Branchentreffens?
Das kann man nur subjektiv beantworten. Für mich persönlich die Laudatio von Heribert Prantl zur Vergabe der "Verschlossenen Auster". Er ist als Groß-Rhetoriker ein Unikum und ackert bis zur letzten Minute an seinem Manuskript. Aber auch Carolin Emcke wird eine fulminante Eröffnungsrede halten. Hamburg ist eine Mischung aus Wundertüte und Handwerksmesse. Der wahre Wert der Konferenz wird erst erkannt werden, wenn es sie nicht mehr gibt.
 
Die "Verschlossene Auster" ist ein Negativpreis, der jedes Jahr im Rahmen der Konferenz verliehen wird. Er zeichnet Unternehmen aus Politik und Wirtschaft aus, die durch ihre Auskunftsverweigerung gegenüber Journalisten geglänzt haben. Geben Sie uns einen kleinen Tipp: Wer wird  2010 den Preis entgegen nehmen? 
Da müssen Sie sich bis Samstagmittag gedulden. Aber – die diesjährige Auswahl ist alternativlos.
 
Zudem vergibt der Netzwerk Recherche-Verein jährlich den Preis für herausragende Rechercheleistungen, den "Leuchtturm-Preis". Wen zeichnen Sie in diesem Jahr damit aus?
Das steht noch nicht fest. Aber es gibt schon ein Dutzend Top-Kandidaten; im November fällt die Entscheidung.
 
Wie viele Journalisten haben sich aktuell für die Konferenz angemeldet?
Heute waren es mehr als 800.
 
Kann man sich noch akkreditieren?

Ja. Unter www.netzwerkrecherche.de finden Sie die links zur Anmeldung. Und für die, die etwas anderes vorhaben, den Reader mit den Antworten auf die Leitfragen mit mehr als 100 Seiten kompakte Information zum journalistischen Geist der Zeit.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige