„Wir haben im Verlag viele Fans“

Vor einer Woche lud Springer rund 20 Blogger zu einem einmaligen Experiment ein: Zusammen mit Welt kompakt-Mastermind Frank Schmiechen produzierten sie eine besondere Ausgabe der Tageszeitung. Seit dem steht Schmiechen im Zentrum der Web-Kritik. Im MEEDIA-Interview erklärt er, was ihm gefallen hat, was ihn an der Kritik nervt und was er beim nächsten anders machen würde. Diese Erkenntnisse sind wichtig, denn die Planungen für das nächste Experiment laufen schon.

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Fast eine Woche nach der Scroll-Edition diskutiert das Web noch immer über das Projekt? Hätten Sie damit gerechnet?
Ich hatte nicht erwartet, dass der Stein so groß ist, den wir mit unserer Scrolledition ins Wasser werfen. Unglaublich. Ich freue mich über das Interesse und über die vielen interessanten Diskussionen im Netz und anderen Zeitungen. Insgesamt war das Projekt ein toller Erfolg.
 
Wie stark haben Sie die zum Teil heftigen Reaktionen getroffen?
Ich wusste, dass unser Experiment ganz genau unter die Lupe genommen wird und dass es auch Kritik geben wird. Damit kann ich leben. Was mich jedoch ärgert sind diejenigen, die natürlich schon vorher alles viel besser gewusst haben, die uns unter allen Umständen schlechte Absichten unterstellen, die, ohne die Zeitung gelesen zu haben, einfach aus Prinzip alles ablehnen, was wir uns gemeinsam mit den Bloggern ausgedacht haben.
 
Was für Erwartungen hatten sie vor dem Projekt?
Wir wollten eine einzigartige Ausgabe von Welt kompakt machen, die ganz anders als die normale Tageszeitung sein sollte. Wir wollten sehen, was passiert, wenn man für einen Tag alle bewährten Print-Regeln über Bord wirft. Wir waren gespannt auf die Texte. Wir wollten mit Leuten ins Gespräch kommen, die wir sonst nicht so häufig treffen. Neue Ideen sammeln, auf andere Gedanken kommen. Wir wollten unseren Lesern zeigen, worüber Menschen im Netz schreiben. Wie das klingt und wie sich das anfühlt. Und wir wollten lernen und auch Spaß haben.
 
Womit hatten Sie dann Tag der Scroll Edition am wenigsten gerechnet?
Dass es drei Wahlgänge braucht, bis wir einen neuen Bundespräsidenten haben. Und dass unsere Gäste am Abend ziemlich früh ins Bett gefallen sind..
 
Hielten Sie das Experiment tatsächlich für einen Fehler. Oder wie war der oft zitierte Satz "Heute erscheint Welt kompakt wieder in bewährter Form. Die meisten von Ihnen werden erleichtert sein. Wir sind es auch" zu verstehen?
Das Experiment war kein Fehler. Im Gegenteil. Es war ein Erfolg. Diese Sätze sind von vielen missverstanden worden. Mein Team und ich waren nach drei Wochen Vorbereitungszeit, einem intensiven Produktionstag, Gesprächen, Interviews für Radio, Fernsehen, Agenturen, Mediendiensten einfach erschöpft. Und ein bisschen froh, dass es wieder an die Tagesarbeit geht, die ja aufreibend genug ist. Daher eine gewisse Erleichterung.

Wie wurde das Experiment von Lesern angenommen?
Es gab unterschiedliche Reaktionen. Viele waren begeistert und stolz, dass ihre Zeitung den Mut hat, auch einmal etwas zu wagen. Andere haben sich beschwert, weil sie für ein anderes Produkt bezahlt haben, als das, was in ihrem Briefkasten lag. Ich habe mit vielen gemailt, telefoniert und diskutiert.

Wie wurde das Experiment verlagsintern angenommen?
Welt Kompakt steht intern für neue Ideen. Für Mut und Innovationskraft. Sie ist die ideale Zeitung, um Dinge zu probieren, zu experimentieren. Und das wird von Axel Springer unterstützt. Viele Mitarbeiter und Kollegen haben mir Mails geschickt und uns für die Scrolledition gelobt. Die wissen, wie viel Arbeit hinter so einer Aktion steckt. Wir haben viele Fans im Verlag.

Würden Sie ein ähnliches Projekt wiederholen?

Ich bin schon in der Planung.

Wenn ja, was würden sie anders machen?
Alles. Allein schon, um mich nicht zu wiederholen.

Warum haben Sie jetzt ein Blog
gestartet?
Die Blogger haben mich auf den Geschmack gebracht. Es gibt einfach Dinge, die nicht in die Zeitung, auf Twitter oder Facebook passen. Ich liebe und umarme das Internet.

Was können Journalisten von Bloggern lernen?
Noch mehr Mut zur eigenen Meinung, noch mehr Leidenschaft für Themen und Geschichten, noch mehr Offenheit, die Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu sehen.

Wenn sie an die letzte Woche zurückdenken. Wie fällt Ihr Fazit bzw. Ihre Manöverkritik aus?
Ich bin stolz auf meine Zeitung und mein Team. Keine andere Zeitung ist in der Lage, ein solches Experiment in dieser Konsequenz zu wagen. Und ich bin stolz auf diese einmalige Ausgabe. Ein Sammlerstück zum Einrahmen! Ich fand es auch toll, dass die Blogger bereit waren, mit uns an ihren Texten, Überschriften und Beiträgen zu arbeiten. Ich bin dankbar für den Mut und Offenheit. Es ist unmöglich, allen Erwartungen gerecht zu werden. Das wussten wir vorher. Wir werden die Beteiligten beim nächsten Mal besser darüber informieren, was sie bei uns am Produktionstag erwartet. Dann gibt es weniger Missverständnisse. Aber ich denke, dass wir gezeigt haben, dass eine kleine, innovative Mannschaft mit Leidenschaft und Fantasie ganz viel bewegen kann. Es braucht nur eine gute Idee.  

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