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Die ersten Pay-Versuche auf dem iPad

Apples iPad, und in der Folge weitere Tablets anderer Hersteller, gelten bei vielen Verlagen als Hoffnungsträger in Sachen bezahlte Medieninhalte. Einige Verlage haben bereits seit dem Start des iPad mit Bezahl-Apps experimentiert. MEEDIA analysiert und vergleicht die unterschiedlichen Bezahl-Strategien von einigen Vorreitern: vom US-Magazin Wired, vom Spiegel und Axel Springer auf dem iPad. Dabei zeigt sich: Die Verlage wollen (noch) zu viel Geld vom Nutzer.

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Wired

Das US-Magazin für digitale Kultur hat viel Lob für die erste iPad-Ausgabe bekommen. In der Tat hat Wired mit Chefredakteur und Web-Vordenker Chris Anderson (“Free!”) von allen Print-Magazinen bisher die wahrscheinlich technisch ausgefeilteste und inhaltlich überzeugendste Adaption auf Apples Tablet hinbekommen. So haben die Macher viel Hirnschmalz in die Navigation und Präsentation der Geschichten investiert. Dass man Stories auf einer Leiste hin und her bewegen kann und die einzelnen Seiten der Geschichte darunter aufgehängt sind wie auf einer Wäscheleine, ist eine tolle Idee, die Übersichtlichkeit schafft. Mittlerweile ist mit dem Juli-Heft die zweite iPad-Ausgabe von Wired erschienen und es tritt ein gewisser Ernüchterungseffekt ein, der vor allem mit einem zu tun hat: dem Preis. Hat man die erste Ausgabe in der Anfangs-Euphorie noch begeistert für 3,99 Euro (in den USA: 4,99 Dollar) runtergeladen, zuckt der Download-Finger beim zweiten Heft schon ein wenig zurück. Immerhin gibt es exakt dieselben Inhalte gleich nebenan im Web-Browser bei wired.com gratis. Die App hat zwar unbestrittene Vorteile – die Navigation ist bequemer, die Geschichten werden ansprechender präsentiert, man kann offline lesen – aber ist das knappe vier Euro wert im Vergleich zur kostenlosen Web-Version? Die Frage stellen sich viele Nutzer und beantworten sie mit einem “Nein”. Bei Facebook wird eifrig über die Preise der digitalen Wired-Ausgaben diskutiert. Nutzer aus den USA sind noch zurückhaltender beim Kauf, denn bei den traditionell stark subventionierten US-Abopreisen bekommt man Wired das ganze Jahr für 20 Dollar als Print-Magazin frei Haus geliefert. Aber Wired hat zugehört und fix reagiert. Die Preise für einzelne Ausgaben auf dem iPad wurden kurzfristig bereits auf 2,99 Euro gesenkt.

Axel Springer

Kein anderer deutscher Verlag ist so emsig zum Start des iPad mit diversen Apps dabei gewesen, wie Springer. Der Verlag hat eine eigene Welt-Online-App, ein iKiosk, mit dem man digitale Ausgaben von verschiedenen Springer-Zeitungen kaufen und lesen kann, sowie das digitale Lifestyle-Magazin The Iconist im Rennen. Alle drei Apps verfolgen komplett unterschiedliche Strategien. Viel Schelte bekam Springer für sein iKiosk. Hier werden im Prinzip nur die Seiten von Bild, BamS, Abendblatt und Co. gescannt und auf dem iPad angezeigt. Das ist natürlich nicht sehr sophisticated – aber es funktioniert und im Alltag stellt man fest, dass es gar nicht so unpraktisch ist. Einfach mal schnell eine Bild am Sonntag lesen, ohne dafür zum Kiosk zu müssen – das hat was. Würde die App jetzt noch ein ganz kleines bisschen cleverer programmiert, so dass sie beispielsweise auch Doppelseiten darstellen könnte, wäre schon viel gewonnen. Man kann bei Springer sogar wählen, ob man Abos abschließt oder einzelne Ausgaben kauft. Der Preis entspricht dann dem der Print-Produkte. Hier würde man sich wünschen, dass der Produktionsvorteil des günstigeren digitalen Vertriebswegs an den Nutzer weitergegeben wird. Weder Fisch noch Fleisch ist die Welt-Online-App, die ausgewählte Artikel des Web-Angebots mehrmals pro Tag aktualisiert in Zeitungsoptik neu zusammensetzt. Hier tut die Website so als sei sie eine Zeitung. Aber warum? Das iPad hat eine eigene Ästhetik für Textpräsentationen. Sehr schön wird das beispielsweise mit dem RSS-Reader Reeder umgesetzt, der Texte aus dem Google Reader optisch so ansprechend präsentiert, dass man die Zeitung fast gar nicht mehr vermisst. Der dritte Weg, den Springer beschreitet, ist The Iconist. Hier wurde die Luxus-Beilage der Welt am Sonntag vom Multimedia-Lifestyle-Magazin aufgebohrt. The Iconist soll zeigen, was alles möglich ist, mit dem neuen Wunderbrett und genau das ist auch ein bisschen das Problem. Es brummt und blinkt an allen Ecken und hier noch ein Video obendrauf – aber am Ende bleibt ein schales Gefühl. Die Präsentation ist toll, doch der Inhalt bleibt blutarm. Man merkt halt, dass die Vorlage eine Anzeigen-fixierte Gratis-Luxusbeilage ist. Dafür werden wahrscheinlich nicht viele noch einmal 4,99 Euro ausgeben wollen.

Der Spiegel

Auch der Siegel war gleich zum Start mit einer eigenen App auf dem iPad vertreten und musste sich einiges an Kritik anhören. Wie langweilig es doch sei, einfach nur den gedruckten Spiegel eins zu eins auf das iPad zu übertragen etc. Dabei ist die Spiegel-App fürs iPad wirklich gut zu nutzen. Man kann das Magazin auf dem hochwertigen Bildschirm exzellent lesen, bekommt es sogar deutlich früher als der Print-Abonnent ins Haus. Außerdem sammelt die App die alten Ausgaben, so dass man mit der Zeit ein fein sortiertes Spiegel Archiv bekommt. Wenn da jetzt noch eine Volltextsuche dazukäme – das wäre eine feine Sache. Man müsste sich nicht mehr mit dem Usability-Monstrum “Spiegel Wissen” im Web herumärgern. Vielleicht aus Scham oder weil man die Kritik antizipierte haben die Spiegel-Leute ein paar Multimedia-Elemente dazugepackt. Hier und da weist ein Pfeil in einem Foto dezent darauf hin, dass es was zu sehen gibt. Klickt man drauf, erlebt der Nutzer aber häufig eine herbe Enttäuschung. Was kommt ist oft eine Art Dia-Schau mit Standbildern und Text, manchmal mit unsinnigen Hintergrundgeräuschen unterlegt (Windrauschen bei einer Diaschau zum Fall Kachelmann zum Beispiel). Da sieht man förmlich vor sich, wie die Redaktion hektisch noch “irgendwas multimediamäßiges fürs iPad” kurz vor Redaktionsschluss zusammenstoppeln musste. Außerdem packt der Verlag noch jeweils eine Spiegel-TV-Doku, meistens passend zum Titelthema dazu. Auch eine Verzahnung mit Spiegel Online wurde eingebaut. Wenn es zu einem Thema neue Infos im Web gibt, blinkt unten auf der Seite kurz und aufmerksamtkeitsheischend ein SpOn-Knopf. Wer da draufklickt, wird aber komplett aus dem Heft gerissen. Das wird kaum was bringen, aber es stört auch nicht weiter. Was sehr gut gelöst wurde, ist die Navigation mit einblendbarem Inhaltsverzeichnis und einem Extra-Verzeichnis der Heft-Inhalte. Im Prinzip hat der Spiegel mit seiner iPad-Version sehr viel richtig gemacht, doch auch hier heißt das Problem Nummer eins: der Preis. Mit 3,99 Euro ist ein Digital-Spiegel teurer als das gedruckte Heft (3,80 Euro). Das lässt sich beim besten Willen nicht nachvollziehen. Entsprechend hagelte es auch schon schlechte Bewertungen im iTunes Store. Die Nutzer haben ein sehr gutes Gespür dafür, dass sie bei dem gedruckten Heft mit dem Copy-Preis den Vertrieb und die Herstellung mitbezahlen. Der digitale Spiegel müsste also eigentlich deutlich günstiger zu haben sein, als der gedruckte.

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