Chatter: Tauchfahrt im People-Segment

Morgen erscheint Burdas Chatter. Das wöchentliche People-Magazin kommt auf Zeitungspapier daher und kostet sehr schmale 50 Cent. Ein Kampfpreis, der das Blatt zum Billigheimer im Segment macht. Burda lässt 1,3 Millionen Exemplare drucken, Anzeigenkunden werden 500.000 verkaufte Exemplare garantiert und mit einer Hochglanz-Beilage namens Star Style Weekly geködert. Solche Zahlen lassen die Branche aufhorchen. MEEDIA sagt, was vom Tiefpreis-Tabloid Chatter zu halten ist.

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Der erste Eindruck ist eine positive Überraschung: So billig wirkt das Papier von Chatter gar nicht. Das mag aber auch daran liegen, dass man noch das groteske Talk to go aus der WAZ-Gruppe im Hinterkopf hat – der erste Versuch, ein People-Heftchen auf Zeitungspapier zu drucken, der fulminant scheiterte. Allerdings scheint die Druckqualität des Erstlings noch verbesserungsfähig.

Und natürlich kann auch Chatter sich dem Ruch des Billigen nicht völlig entziehen. Wie auch, bei einem Copy-Kampfpreis von 50 Cent? Burdas Medien-Park-Chef Reinhold G. Hubert sagte schon im MEEDIA-Interview, dass man hier kein Hochglanz-Heft machen wolle. Stattdessen gibt es Trash pur, und das scheint durchaus Konzept zu sein. "Beach-Schocker" steht über einer Doppelseite, die unvorteilhafte Star-Bilder im Strand-Outfit zeigt. Inklusive der spätestens seit InTouch bekannten, in Fotos hineingemalten Pfeile, die auf die Problemzonen noch einmal extra hinweisen.

Eine weitere Rubrik heißt "Unzensiert" und die bietet neben der "prallen Po-Parade" von Jennifer Garner und Promis in der "Haar-Hölle" auch den "Mülltüten-Look" von Lindsay Lohan, samt dem ironisch gemeinten "Nachstyle-Tipp", dass Mülltüten für 20 Cent in "ausgewählten Supermärkten" erhältlich sind. Die Zielrichtung wird hier klar: Auch in einem voll besetzten Zeitschriftensegment geht es immer noch eine Spur gemeiner.

Neben solchen Gehässigkeiten, gibt es reihenweise Stories, die man als Spiegel-Online- oder Bild.de-Leser glaubt, so schon einmal irgendwo gesehen zu haben. Britney ist mal wieder “völlig außer Kontrolle”, Daniela Katzenberger ist die neue Verona, Prince Michael jr. hat Papa Jackos Hautkrankheit etc.pp. Dass Lena Meyer-Landrut auf Gedeih und Verderb Stefan Raab ausgeliefert ist und dass es bei Angelina Jolie und Brad Pitt kriselt, sind ebenfalls Geschichten von überschaubarem Neuigkeitswert.

Eine Besonderheit von Chatter ist die Hochglanz-Beilage Star Style Weekly. Das ist Arbeitsteilung: Chatter soll mit Star-Spott Käuferinnen ködern, Star Style schafft das gewohnt kuschelige Anzeigenumfeld. Promis dürfen froh sein, wenn sie im Anzeigen-Umfeld vorkommen. Da werden ihre Speck-Röllchen dann wieder gewohnheitsmäßig einer gnädigen Photoshop-Behandlung unterzogen.

Aber man darf die Latte halt nicht so hoch hängen. 50 Cent sind ein ziemliches Killer-Argument in dem sehr preis-sensiblen Markt der Weeklies. Die eigentlich spannende Frage ist, wie tief man das qualitative und preisliche Niveau absenken kann, so dass die Leser noch mitspielen und die Bilanz noch stimmt. Mit Chatter versucht Burda, eine neue Antwort auf diese Frage zu formulieren. Abgesehen von der Hochglanz-Beilage fehlt dem Magazin jeglicher Hauch der Innovation. Chatter ist ein handwerklich (für seine Verhältnisse) routiniert gemachtes Produkt, das aber nicht mit News-Gehalt punkten kann. Die Markt-"Schlacht" wird an der Preisfront geschlagen, und nur wenn es genügend Käuferinnen gibt, hat Chatter auch bei den Werbekunden eine Chance.
Ob dies gelingen kann, wird bei Wettbewerbern unterschiedlich bewertet. Eine Zahl von einer halben Million verkaufter Exemplare gilt bei Experten als kühn. Ein führender Verlagsmanager: "Das wäre eine grandiose Leistung." Denn insgesamt stagniert der deutsche People-Markt, derzeit sind die Gesamtverkaufszahlen sogar rückläufig. In einem Segment, das über alle Titel ein Verkaufsvolumen von einer Million Exemplare hat, wären die von Burda versprochenen Verkäufe tatsächlich sensationell – es sei denn, die Offenburger schafften mit Chatter eine Markterweiterung.
Doch daran glaubt so recht niemand. Im Erfolgsfall würden die Wettbewerber Verkaufsrückgänge verzeichnen. Am härtesten träfe es dann wohl Klambts People-Blatt In, das bislang der Favorit unter den preissensiblen Leserinnen ist.

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