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„Vielzahl geheimer Web-Technologien“

Es war ein typischer Titanic-Streich: bei der Wahl zum neuen Bundespräsidenten hat sich die Redaktion des Frankfurter Satire-Magazin bei Twitter als die Schauspielerin und Wahlfrau Martina Gedeck ("Das Leben der Anderen") ausgegeben und Irrwitzigkeiten und Belangloses getwittert. Als die falsche Martina Gedeck den angeblichen Sieg Christian Wulffs im ersten Wahlgang verkündete, tappten Medien mal wieder in die Twitter-Falle. MEEDIA sprach mit Titanic-Chefredakteur Leo Fischer über den Fake.

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Schon vom Anwalt von Frau Gedeck gehört?
Frau Gedeck hat sich noch nicht bei uns gemeldet, aber ich bin zuversichtlich, daß sie unsere kleine Hilfestellung richtig einzuordnen und unsere Mühen zu würdigen weiß. Immerhin haben wir ihren Namen ganz groß auf die Webseiten von "Bild" und "Spiegel" gebracht. Für eine solche Öffentlichkeitsarbeit muß man normalerweise viel Geld bezahlen. Außerdem war ja auch sie, genau wie wir, gegen den weichen Knödel-Kandidaten Wulff. Wir haben nur in ihrem Sinne gehandelt.
Warum haben Sie ausgerechnet Martina Gedeck als Fake-Opfer ausgesucht?
Wir von Titanic sind seit jeher glühende Fans der schauspielerischen Kunst von Frau Gedeck; insbesondere bewunderten wir ihre Rolle als hilfloses Kommunistenopfer in dem Fantasyfilm "Das Leben der Anderen". Wir waren schier außer uns vor Freude, als wir von ihren neuen Aufgaben als Wahlfrau erfahren haben.
Wie haben Sie sich auf die Aktion mit dem Martina-Gedeck-Fake-Account vorbereitet?
Unser Twitteraccount ist nur scheinbar dilettantisch und schlecht gemacht. Wir haben eine Vielzahl geheimer Webtechnologien eingesetzt, die dafür sorgten, daß die anderen Onlinemedien unsere Mitteilungen ungeprüft in ihrer Live-Berichterstattung übernehmen mußten. Die Kollegen hatten keine Chance.
Wie lief die Aktion ab? Saßen sie mit Kollegen vorm Fernseher und haben gleichzeitig getwittert?
Die Redaktion verfolgte ununterbrochen das Geschehen auf Phoenix. Wir versuchten ständig, einen Blick auf Frau Gedeck zu erhaschen, notierten uns ihre Gesprächspartner. Als sie mit Phoenix ein Interview führte, hatten wir kurzzeitig Sorge, der Schwindel würde auffliegen. Aber sie äußerte sich genauso allgemein und unverbindlich wie auf ihrem Twitter-Account.
Waren Sie überrascht, dass manche Medien schnell darauf reingefallen sind?
Wir waren wirklich verblüfft; die Kollegen scheinen förmlich darauf gelauert zu haben, daß sich jemand gegen Lammerts Twitter-Verbot auflehnt. Als Bild.de dann die Top-Meldung "Gedeck sorgt für Twitter-Alarm" auf ihrer Hauptseite brachte, waren wir fassungslos. Von Bild.de sind wir eigentlich seriöse, niveauvolle Berichterstattung gewöhnt.
Wer hat den Fake zuerst bemerkt?
Da gibt es widersprüchliche Darstellungen. Allgemeine Zweifel kamen aber erst auf, als die Beiträge deutlich wahnsinniger wurden, wie z.B.: "Habe mir eine Blase gelaufen – hoffentlich kann ich am zweiten Wahlgang teilnehmen". Insbesondere Bild.de brachte dann in schneller Folge hektische Aktualisierungen der Gedeck-Berichterstattung. Inzwischen ist der Beitrag ganz aus dem Angebot verschwunden.
Wissen Sie was dieses Twitternetz ist, von dem Ulrich Deppendorf redete?
Ich vermute, es handelt sich um eine Spezialapplikation, auf die nur ARD-Journalisten Zugriff haben. Sicher ist, daß der Phoenix-Liveticker ebenfalls Zugriff auf das Twitternetz hat: dort waren die Ergebnisse des dritten Wahlgangs zu lesen, noch während Lammert seine Papiere ordnete. Leider waren sie falsch. Aber die Geste zählt!
Titanic twittert noch immer als Martina Gedeck – wie lange noch?
Wir betrachten den Twitter-Account als einen kostenlosen Service für eine begnadete Schauspielerin. Frau Gedeck hat uns bisher auch nicht mitgeteilt, daß sie keine weitere Berichterstattung wünscht.
Wird die Aktion in der nächsten Titanic aufgearbeitet?
Selbstverständlich. Insbesondere werden wir die Tricks und Kniffe vorstellen, mit denen es gelang, diesen unfaßbar primitiven Fake in den Rang einer seriösen journalistischen Quelle zu heben.

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