Scroll Edition: tolles Blatt, falscher Tag

Ein schwieriger Tag für Print-Experimente: Während die Bundesversammlung Christian Wulff wählt, saßen bei Springer 23 Blogger zusammen. Ihr Auftrag: Eine komplette Welt kompakt stemmen. Was stressig klingt, war nur halb so wild, denn die Blogger hatten ihre Texte schon vorgeschrieben. Es entstand eine tolle Ausgabe, die bis auf wenige Ausnahmen die Tagesaktualität ausblendete – ein ungünstiges Konzept für den politisch wohl wichtigsten Tag des Jahres.

Anzeige

Ein schwieriger Tag für Print-Experimente: Während die Bundesversammlung Christian Wulff wählt, saßen bei Springer 23 Blogger zusammen. Ihr Auftrag: Eine komplette Welt kompakt stemmen. Was stressig klingt, war nur halb so wild, denn die Blogger hatten ihre Texte schon vorgeschrieben. Es entstand eine tolle Ausgabe, die bis auf wenige Ausnahmen die Tagesaktualität ausblendete – ein ungünstiges Konzept für den politisch wohl wichtigsten Tag des Jahres.

Jedoch: Das Blatt, das heute morgen an die Kioske und Briefkästen ausgeliefert wurde, kann sich sehen lassen. Auch oder gerade weil es so anders ist. Unter dem Motto „Scroll Edition“ wurden die Ressorts aufgelöst und das hochkantige Tabloid-Format quergelegt.
Bis auf die Titelseite, einen Teil der Seite zwei und eine durchlaufende Nachrichtenspalte, spiegelt der Inhalt der Zeitung jedoch ziemlich genau den Ton und die Vorlieben der beteiligten Blogger wieder. Das ist ein in Effekt, der von den Machern durchaus gewollt wurde, die unvorbereiteten Leser sicherlich verwirren wird und auch die anwesenden Hobby- und Web-Schreiber selbst erst einmal erstaunt. 

Als Welt kompakt Mastermind Frank Schmiechen bei der ersten Redaktionskonferenz, die anwesenden Gast-Autoren wie Sachar Kriwoj, Sebastian von Bomhard, Rose Jakobs oder Julia Stlzner vor fast schon vollendete Tatsachen stellte und ihnen eine annähernd fertige Zeitung präsentierte, war die Verwirrung der Anwesenden fast greifbar. Alle hatte zwar bereits im Vorfeld in enger Absprache mit dem Stellvertretenden Welt-Chefredakteur einen Text eingereicht. Doch jetzt pinnte Schmiechen eine erste Version der kommenden Welt kompakt an die Pinnwand, in der alle Storys bereits vorproduziert und gekürzt waren. An dem Präsentations-Board Seiten mit Texten über „Rettet unsere Dörfer“, „die besten Bordeaux-Weine um 20 Euro“ oder „das Phantom der Trash-Promis“.
Die meisten Blogger hatten offenbar gedacht, dass sie bei dem Welt-Experiment die Tageszeitung von Null an neu denken und befüllen würden. Wer mit diesen Erwartungen nach Berlin gereist war, wurde erst einmal enttäuscht. Andere Autoren machten durchaus einen erleichterte Eindruck. Denn: Ohne Erfahrung innerhalb von sechs Stunden 32 Seiten einer überregionalen Tageszeitung zu füllen, wäre ein unkalkulierbarer Höllenritt geworden. Das wissen auch Welt-Chef Jan-Eric Peters und sein Kompakt-Mann Schmiechen. Deshalb kann man den Print-Profis kaum einen Vorwurf machen, dass sie solch ein umfangreiches Sicherheitsnetz spannten.

Im Laufe des  Tages – und der sich hinziehenden Bundespräsidentenwahl – stellt sich immer stärker heraus, dass die zwei freien Seiten und die zu befüllenden Meldungsspalten doch den meisten Anwesenden genug Anstrengung abverlangten. Zu Beginn war es in dem großen Raum der Springer-Akademie ruhig gewesen. Später unterband die steigende Konzentration die meisten Gespräche.
Für die Blogger war der – bezahlte – Einsatz in Diensten der Welt ein interessanter Tag, jedoch kein spektakuläres Experiment. Der anderen Seite, also Springer, verlangte das Projekt weit mehr Mut ab, denn viele Stammleser werden sich beim Blick in ihre Welt kompakt ärgern. Zeitungsleser mögen keine Veränderungen, vor allem nicht, wenn am Tag zuvor ein solch spannendes politisches Ereignis anstand. Die normale Welt kompakt würde die Geschehnisse innerhalb der Bundesversammlung auf mehreren Sonderseiten aufarbeiten und analysieren. Die Web-Autoren handeln das Ereignis auf einer Doppelseite ab.
Für die Teilnehmer veränderte das Projekt nichts an ihrer Arbeitsweise. Auch bei der Welt kompakt Scroll Edition verfassten sie ihren Text isoliert in ihrer eigenen heimatlichen Schreibzelle. Das echte journalistische Arbeiten mit Themenabsprache, Recherche und anschließendem Aufschreiben der Ergebnisse in einem lesbaren Artikel, blieb weitgehend aus. Den größten Mut bei der Welt-Aktion bewiesen die Blatt-Macher um Peters und Schmiechen, die es wagen, einen gewissen Teil ihrer Leser bewusst zu irritieren oder gar zu verärgern.
Am heutigen Donnerstag liegt mit der aktuellen Welt kompakt eine Ausgabe am Kiosk, der es größtenteils an der nötigen Relevanz fehlt, die eine Tageszeitung normalerweise braucht. Trotzdem ist dem Blogger/Redaktion-Team eine der spannensten Ausgaben des Jahren gelungen.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige