Scharfe Soße im Twitternetz

Das Satire-Magazin Titanic hat mal wieder für Wirbel in der Medienwelt gesorgt. Die Witzbolde aus Frankfurt haben während der Bundespräsidentenwahl unter dem Namen der Schauspielerin und Grünen-Wahlfrau Martina Gedeck getwittert und ein falsches Ergebnis hinausposaunt. Viele Medien, allen voran FAZ.net und ARD, sind darauf reingefallen - und reagierten anschließend wenig souverän. Die Berichterstattung zur Bundespräsidentenwahl geriet so zeitweise zur Social-Media-Posse.

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Wenn man jemandem erklären will, was mit Selbst-Referentialität der Medien gemeint ist, kann man getrost die Wahl von Christian Wulff als Beispiel heranziehen. Da sagte ein Sprecher in der ARD im Fernsehen vor Bekanntgabe des Ergebnisses des ersten Wahlgangs, dass ein Blumenstrauß gesichtet worden sei. Ein Twitter-Nutzer griff das auf. Jemand anderes bei der ARD sah den Tweet und kurz darauf berichtete die ARD, dass via Twitter gemeldet wird, dass bereits ein Blumenstrauß gesehen wird. Blogger Thomas Knüwer fasst treffend zusammen: "Die ARD berichtete, dass Twitter-Nutzer berichteten, sie hätten in der ARD Blumen gesehen."

ARD-Hauptstadtstudiochef Ulrich Deppendorf schien am Wahltag besonders überfordert mit der Einordnung der neuen Technik. So bezeichnete er Twitter sprachlich unglücklich als "Twitternetz" und trug ungefiltert die Gerüchte aus dem "Twitternetz" weiter, dass kein zweiter Wahlgang notwendig sei. Deppendorf interviewte später die echte Martina Gedeck, freilich ohne sie auf die falschen Twittereien unter ihrem Namen anzusprechen.

Urheber der Gedeck-Gerüchte war das Satire-Magazin Titanic, das sich, anders als die meisten Mainstream-Medien, auf den Twitter-Einsatz zur Wahl gut vorbereitet hatte. Die Sache mit Twitter und der Bundespräsidentenwahl hat nämlich eine Vorgeschichte. Bei der zweiten Wahl von Horst Köhler zum Bundespräsidenten haben drei Mitglieder der Bundesversammlung das Ergebnis vorab getwittert. Das Leck sorgte damals für einen Mini-Skandal, der sich nicht wiederholen sollte. Die Titanic-Leute sahen hier wohl den Angriffspunkt für eine ihrer berüchtigten Satire-Aktionen – sie hatten Recht.

Bei Spiegel Online immerhin roch man den Braten und fragte beim Management von Martina Gedeck nach. Auskunft aus erster Hand: Die Schauspielerin hat, wenig überraschend, wenig Ahnung von diesem Twitter-Ding und besitzt auch keinen Account. Frau Gedeck war gleich sauer, dass ihr Name missbraucht wird und drohte mit dem Anwalt. Titanic-Chefredakteur Leo Fischer sagte zu Spiegel Online, man habe mit der Aktion dem "weichen Knödel Wulff ein bisschen scharfe Soße beigeben" wollen. Er bezieht sich wohl aufs aktuelle Titanic-Cover, auf dem ein Knödel mit Wulff-Brille zum neuen Präsidenten ausgerufen wird. Neben dem falschen Ergebnis lobten die Satiriker unter dem Namen Gedecks u.a. noch die Symmetrie von Veronica Ferres‘ Brüsten oder schrieben Dinge wie: "Oh no, jetzt wo ich Frau Joachimson wählen wollte, steht sie nicht mehr auf dem Wahlzettel!"

Nachdem der Twitter-Fake enttarnt wurde, berichteten teilweise dieselben Medien, die kurz zuvor darauf reingefallen waren, eilig über den Fake. Die FAZ entfernte ihren Text zum Erfolg Wulffs im ersten Wahlgang, der sich auf "unbestätigt Gerüchte" berief, eilig und kommentarlos von der Website. Natürlich waren aber längst Screenshots angefertigt und im Umlauf. stern.de merkte selbstkritisch an: "Häme ist bei diesen Fehlern nicht angebracht – kein Journalist kann sagen, ob er nicht schon morgen einem fantastischen Fake aufsitzt und er sich so zur Lachnummer macht.." Die aktuelle Lachnummer wird man, gewürzt mit scharfer Soße, in der kommenden Ausgabe der Titanic nochmal nachlesen können.

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