Reinhard Mohn – der Startup-Manager

Wenn am Donnerstag der Bertelsmann-Konzern sein 175-jähriges Jubiläum feiert, wird ein Mann im Mittelpunkt stehen: Reinhard Mohn. Der Bertelsmann-Patriarch hat das Unternehmen nach dem zweiten Weltkrieg quasi aus dem Nichts zu einem der größten Medienkonzerne der Welt aufgebaut. Mohn starb im Oktober vergangenes Jahr im Alter von 88 Jahren. Er selbst kann das Jubiläum seines Lebenswerks nicht mehr erleben. Seine Grundsätze und seine Firmenphilosophie sind dabei keineswegs inaktuell.

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Reinhard Mohn wird stets als ein Mann beschrieben, dem Ethik und Menschlichkeit im Wirtschaftsleben wichtig waren. Entsprechend den Titeln seiner Bücher: "Menschlichkeit gewinnt", "Die gesellschaftliche Verantwortung des Unternehmers", "Von der Welt lernen: Erfolg durch Menschlichkeit und Freiheit". Disziplin, Leidenschaft für sein Unternehmen und seine Mitarbeiter und Verantwortungsbewusstsein haben Mohn zu seiner Zeit ausgezeichnet. Im Unternehmen Bertelsmann manifestierten sich die Überzeugungen des Patriarchen in zwei wichtigen Prinzipien: eine dezentrale Struktur und eine große Flexibilität, gemeinhin die Fähigkeit, veränderte Rahmenbedingungen zu erkennen und darauf zu reagieren.

Die dezentrale Führung bei Bertelsmann gehört zur Unternehmenslegende und zur Legende von Reinhard Mohn. Nach dem Zweiten Weltkrieg bekam Mohn von Banken nicht die notwendige finanzielle Unterstützung für den Wiederaufbau der Firma. Pragmatisch wandte er sich damals an seine Mitarbeiter. Jeder Bertelsmann-Angestellte sollte selbst wie ein Unternehmer denken, dafür wurden die Mitarbeiter dann auch am Erfolg beteiligt. Die Mitarbeiter-Beteiligung, aus dem Mangel der Nachkriegszeit geboren, erwies sich als Glücksfall für Bertelsmann und als Vorbild für modernes Management. Noch heute ist die Beteiligung der Mitarbeiter am Unternehmenserfolg, wie sie bei Bertelsmann gelebt wird, keine Selbstverständlichkeit in allen Branchen.

Mohn schaffte es, seine Top-Manager wie kaum ein zweiter zu motivieren und zu Höchstleistungen anzutreiben. Manchmal war er darin freilich fast zu erfolgreich. Als der erfolgreiche Vorstandschef Mark Wössner wegen der damals noch gültigen Altersbeschränkung von 60 Jahren 1998 das operative Geschäft verlassen musste, kam es zu Reibereien. Wössner fühlte sich noch nicht reif, die Kommandobrücke zu räumen. Sein Nachfolger Thomas Middelhoff wollte den Konzern dann zu schnell und zu weitgehend dem internationalen Kapitalmarkt aussetzen. Die Maxime der Dezentralität wurde unter Middelhoff aufgeweicht. Mohn steuerte gegen, es kam zum Bruch mit Middelhoff und Bertelsmann zog sich vom freien Kapitalmarkt zurück. Heute dürfte man in Gütersloh froh sein, den Weg Middelhoffs nicht beschritten zu haben – trotz der massiven Verschuldung, die der Aktienrückkauf bedeutet hat. Die Kontrolle über das Unternehmen und die Unternehmenskultur war es den Mohns wert.

Heute ist Bertelsmann der einzige wirklich integrierte Medienkonzern in Deutschland. Die einzelnen Sparten, TV, Verlage, Buchgeschäft, Dienstleistungen, Musikrechte, werden eigenverantwortlich geführt, ganz im Sinne Reinhard Mohns. Zur Aufbauphase war diese Denkweise revolutionär, heute ist sie internationaler Standard.

Die zweite herausragende Eigenschaft Mohns war das Vorausahnen von Veränderungen. Gegen Widerstände in der damaligen Vertriebslandschaft etablierte er in den 50er Jahren den Bertelsmann Lesering, die Keimzelle der Buchclubs, und brachte Bücher zu den Menschen. Ein Jahr nach dem Start hatte der Lesering 100.000 Mitglieder, nach vier Jahren waren es eine Million. Wachstumsraten, die damals so schwindelerregend waren, wie heute die Explosion der Teilnehmerzahlen bei Facebook. "Wer weiterkommen will, muss auch den Mut haben, Fehler zu machen", hat Mohn einmal gesagt. Im Web-Zeitalter sagt man dazu "Trial-and-Error" – aber das Prinzip ist dasselbe.

Mohn erkannte beim Lesering die zu Grunde liegende Kraft des Prinzips und er duldete, wie es sich für einen guten Startup-Gründer gehört, keine Hindernisse. Als er für seinen Buchclub keine Lizenz vom Deutschen Lexikonverlag bekam, gründete er selbst eine Lexikonredaktion und ein kartografisches Institut. Als Plattenfirmen die Zusammenarbeit verweigerten, gründete er mit Ariola eine eigene Plattenfirm, aus der später die Bertelsmann Music Group wurde. Die Club-Idee war zu bestechend, die Zeit war damals einfach reif – das Konzept musste einfach erfolgreich sein. Mohn glaubte daran und wurde reich belohnt.

Heute befindet sich die Medienwelt wieder ein einer Zeit des Wandels und des Umbruchs. Massen-Downloads, wegbrechende Werbe-Erlöse, veränderte Lesegewohnheiten, der Siegeszug von Mobilgeräten – all dies sind veränderte Realitäten der Medienwelt, die ein neues Denken erfordern, genau wie damals, als Reinhard Mohn Bertelsmann neu aufgebaut hat. Nur heute ist Bertelsmann ein großer Konzern mit einer großen Vergangenheit. Es liegt in den Händen von Mohns Nachfolgern, dass dem eine große Zukunft folgt. Sich dabei an die ursprüngliche Herangehensweise von Reinhard Mohn zu erinnern, ist bestimmt keine schlechte Idee.

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