UK-Boulevard: England vor dem Fußballkrieg

Eine ganze Nation als Feind zu haben, ist immer etwas schwierig, und daher könnte sich die britische Presse ruhig bei Franz Beckenbauer bedanken, dass er sich als Feind Nr. 1 etabliert hat. Aber auch wenn des Kaisers neue Kritik am englischen Team eifrig abgestritten wurde und er sich inzwischen entschuldigte, ließ Nationaltrainer Fabio Capello vorsichtshalber schon mal Elfmeter üben. Zeitgleich schreibt sich der englische Boulevard ist bereits so richtig in Stimmung gegen die „Germans Wurst at Penalties“.

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Eine ganze Nation als Feind zu haben, ist immer etwas schwierig, und daher könnte sich die britische Presse ruhig bei Franz Beckenbauer bedanken, dass er sich als Feind Nr. 1 etabliert hat. Aber auch wenn des Kaisers neue Kritik am englischen Team eifrig abgestritten wurde und er sich inzwischen entschuldigte, ließ Nationaltrainer Fabio Capello vorsichtshalber schon mal Elfmeter üben. Zeitgleich schreibt sich der englische Boulevard ist bereits so richtig in Stimmung gegen die „Germans Wurst at Penalties“.
Müde sähe das englische Team aus, so Beckenbauer. Ob er das nun objektiv als Kommentator sagte oder vergrätzt von der Tribüne pöbelte, wie bei uns vermutet. Seitdem vergeht kein Tag in unserer Presse ohne Gegenkommentar zu des Kaisers Beobachtungen. „Every day we love him less and less“, so die Zeile aus dem Kaiser Chiefs-Song, den die Sun zum Thema adaptierte. Die englischen Profis müssten nun mal deutlich mehr spielen als die Bundesliga-Kollegen, daher seien sie bei den internationalen Meisterschaften im Sommer urlaubsreif.

Das Problem: Möglicherweise ist Capello sogar einer Meinung mit dem deutschen Alt-Internationalen. Hatte der italienische Coach bisher die Spieleraufstellung erst zwei Stunden vor Anpfiff bekannt gegeben – und dafür heftige Kritik aus den eigenen Reihen einfangen – hat er nun bereits drei Tage im Voraus die Nominierungen für ein mögliches Elfmeterschießen ausgesprochen. Seit über einem Monat trainiert er seine Mannschaft regelmäßig gezielt auf Elfmeter. Volle Punktzahl für Realismus, aber werden Spiele nicht normalerweise vorher entschieden? Diese nervenaufreibende Notlösung zum Spielentscheid wird den Engländern immer wieder zum Verhängnis – besonders gerne gegen Deutschland (Beispiele: WM 1990 oder EM 1996).

Daher konzentriert sich die englische Boulevardpresse lieber auf ein – aus ihrer Sicht – deutlich glücklicheres Datum: Das 5:1 in München im Jahr 2001. Rio Ferdinand, der verletzte England-Kapitän, schreibt heute in der Sun, dass er ein Bild von der Ergebnistafel bei sich zuhause hat.
Rios Nostalgie beiseite, hinter vorgehaltener Hand ist man in meiner Nachbarschaft in London verwundert, dass die „Three Lions“ nicht schon am Freitag zurück aus Südafrika kamen. Dann hätten wir uns halt auf Wimbledon konzentriert und so getan, als interessiert uns Fußball sowieso nicht.
Aber Sun sei Dank: Die Deutschen werden zur Wurst gemacht im Elfmeterschießen (seltsames Wortspiel? Ok, Originaltext: „Germans Wurst at Penalties“… ‚Wurst’ wie ‚Worst’, wie ‚am Schlechtesten’). Nicht, dass die Sun eine rationale oder faktische Grundlage für ihre Propaganda braucht, aber wie sich herausstellt sind die englischen World Cup-Stars besser als die Deutschen im Elfmeterschießen. Statistikexperten wurden zu Rate gezogen, um dies zu beweisen. Der Unterschied ist dramatisch und der Schlagzeile auf jeden Fall würdig: England hat eine Trefferrate von 80,6 Prozent, Deutschland 79,3 Prozent. Die Torhüter-Qouten liegen ähnlich weit auseinander: Der Engländer David James hat 37,9 Prozent gehalten, Manuel Neuer nur 36,4 Prozent. Bei derartigen Leistungsdiskrepanzen ist nicht klar, warum Deutschland sich überhaupt aufs Spielfeld traut und Sonntag nicht einfach schön auf Safari geht.
Wie so oft findet man die wahre Volksstimmung aber nicht in unserer Presse, sondern in den Läden: Sainsbury’s, die Supermarktkette, hatte zu den ersten beiden England-Spielen 20.000 Vuvuzelas verkauft. Jetzt ist der England-Becher um 50 Prozent auf £1 reduziert.

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