Wie Anne Will aufs Abstellgleis gerät

Vor kurzem noch galt Anne Will als die Vorzeige-Talkerin der ARD. Dann kam die Nachricht von der Verpflichtung von Günther Jauch und alles ist anders. 2011 läuft Anne Wills Vertrag aus. Wenn sie dann noch fürs Erste talken will, wird sie einen schlechteren Sendeplatz bekommen. Davon erfahren hat sie im Urlaub. ARD-Chef Peter Boudgoust gibt ihr im aktuellen Spiegel noch dazu seltsame Ratschläge. Er könne sich gut vorstellen, dass ausländische Wissenschaftler von Anne Will befragt werden.

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Tatsache ist: Wegen der Verpflichtung von Günther Jauch muss die ARD ihre gesamte Talkshow-Konzeption neu erfinden. Künftig werden die politischen Schwergewichte sonntagabends bei Jauch auflaufen. Was für Anne Will bleibt, ist weitgehend unklar. Alle anderen ARD-Talker haben ihr Plätzchen gefunden und dürften es behalten. Sandra Maischberger hat mit ihrer Talkshow bereits gesellschaftliche Themen besetzt, Frank Plasberg macht mit "hart aber fair" unterhaltsamen Polit- und Nutzwert-Talk, Reinhold Beckmann zelebriert das persönliche Gespräch. Welches Konzept da für Anne Will übrig bleibt, ist unklar.

Der Hinweis vom ARD-Vorsitzenden und SWR-Intendanten Peter Boudgoust im Spiegel, sie könne ja mit Wissenschaftlern über Themen wie Gesundheit, Atomausstieg oder Gen-Forschung reden, wirkt hilflos bis zynisch. Für die ehemals erfolgreiche Tagesthemen.Moderatorin Anne Will ist die Lage sehr unangenehm. Die ARD macht überdeutlich, dass sie bei der Verpflichtung zum Sonntagabend-Talk eine reine Notlösung war, weil Jauch der ARD damals einen Korb gegeben hat. Ihre Auftritte als Gesprächsleiterin am Sonntagabend überzeugten nicht. In die Diskussionen kam selten Schwung, sie wirkte mit der Gesprächsführung häufig überfordert. Die zahlreichen Bekenntnisse der ARD-Bosse zu ihr waren offenbar Lippenbekenntnisse, weil Jauch noch nicht zur Verfügung stand.

Nun verweist Boudgoust nonchalant darauf, dass es "keine Erbhöfe" im Programm gebe und auch Anne Will "vermutlich" nicht vorgehabt habe, 20 Jahr lang das Gleiche zu machen. Boudgoust wörtlich im Spiegel: "Für Talente wie Anne Will stecken mehr Chancen als Risiken in dieser Entscheidung." So klingt es, wenn jemand weggelobt wird. Anne Will wird es sich wahrscheinlich gefallen lassen müssen. Sie ist von ihrem Profil her stark auf öffentlich-rechtliches Fernsehen zugeschnitten. Dass sie auf den Boulevard der Privaten geht, kann man sich nicht vorstellen. Und im ZDF ist Maybrit Illner die unumstrittene Talk-Dame. Die reagierte ja schon mit einem Anflug von Zickigkeit, weil es sein könnte, dass die ARD Anne Will bald gegen ihren ZDF-Talk programmiert.

Anne Will wird also vermutlich zunächst die Zähne zusammenbeißen, die Wut runterschlucken und 2011 irgendwann spät wochentags zu seltsamen Themen talken. Man darf gespannt sein, wie lange das gut geht.

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