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Agenturen boykottieren Victorias Hochzeit

Die drei größten Nachrichtenagenturen haben kollektiv ihre Berichterstattung über die Hochzeit der schwedischen Kronprinzessin Victoria abgebrochen. AFP, AP und Reuters behaupten, das schwedische Fernsehen habe an die Nutzung des Materials unangemessene Auflagen geknüpft. Ganz leer gingen die hiesigen Medien aber nicht aus: Die dpa beteiligte sich nicht an dem Boykott ihrer Konkurrenten. Und auch der DAPD, der sich im Ausland vor allem auf teuer lizenziertes AP-Material stützt, tickerte weiter.

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In der Tagesvorschau, die der deutsche Dienst der AFP seinen Kunden schickte, sah noch alles nach Normalität aus. Top-Termin des Auslands-Angebots: "Schwedische Kronprinzessin Victoria heiratet ihren ehemaligen Fitnesstrainer Westling – Berichterstattung nach Entwicklung." Doch Pustekuchen! Am Vormittag meldete AFP nämlich auch: "Achtung Redaktionen: Wegen ungewöhnlicher Einschränkungen bei den Fernsehbildrechten haben sich die Nachrichtenagenturen AFP, AP und Reuters vorerst gegen jegliche Berichterstattung von der Hochzeit der schwedischen Thronfolgerin Victoria aus Stockholm entschieden. Der Boykott betrifft Text-, Foto- und Videodienst und gilt bis auf Weiteres." Was "bis auf Weiteres" losging, wurde zum Dauerzustand: Keine Meldungen und Fotos vom Jawort – sowohl bei AFP-Deutschland, als auch bei Reuters.
Was war passiert? Die Agenturen protestierten nach eigenen Angaben gegen "das Vorgehen des staatlichen schwedischen Fernsehens SVT, das die Rechte an seinen Aufnahmen enorm beschränken und zu Preisen verkaufen wollte, die die Agenturen als völlig überzogen bezeichneten", berichtete etwa die AFP ihren deutschen Kunden – zu denen allein gut die Hälfte der deutschen Tageszeitungen zählen, aber auch viele Nachrichtendienste wie etwa Spiegel Online. AFP gab an, SVT habe zunächst zu viel Geld für die Nutzung des Film-Materials verlangt, sei später zudem zwar zu niedrigeren Forderungen übergegangen, habe diese aber an nicht passable Bedingungen geknüpft. Reuters gab etwa an, SVT habe allein das Recht, die Hochzeitszeremonie zu filmen. Der Sender habe Agenturen angeboten, sein Filmmaterial "nur mit zeitlicher Verzögerung" weiterzuverbreiten. Zudem hätten sie das Material "nur binnen 48 Stunden nochmals nutzen dürfen". Einschränkungen wie ein Archivierungs-Verbot, mit denen AFP, AP und Reuters nicht leben wollten.
Das Problem an der Sache: Sowohl AFP als auch AP und Reuters versorgen auch TV-Stationen und Internet-Dienste mit Videomaterial. Der Protest richtete sich offensichtlich gegen Einschränkungen allein in diesem Feld. "Es ging in dem Streit nur um Fernsehrechte an dem Ereignis", meldete etwa Reuters. Auf der Hand liegt: Dass die größten internationalen News-Lieferanten ihre Berichterstattung über Victorias Hochzeit abbrachen, sollte den Druck erhöhen. AFP-Informationsdirektor Philippe Massonnet ließ sich im eigenen Dienst hingegen mit der Aussage zitieren, in der Sache gehe es "grundsätzlich darum, die Berichts- und Meinungsfreiheit zu sichern". Er sprach sich gegen die Kommerzialisierung von großen Ereignissen aus.
Deutsche Medien mussten allerdings nicht gänzlich auf Material aus Stockholm verzichten. Die dpa schloss sich dem Boykott nicht an. Justus Demmer, der Sprecher der größten deutschen Nachrichtenagentur, sagte MEEDIA: "Wir berichten in Wort und Foto mit eigenen Leuten direkt von dort. In die aktuelle Diskussion bei den anderen Agenturen wurden wir nicht eingebunden und sind augenscheinlich da inhaltlich nicht betroffen." Tatsächlich dürfte die dpa kein Problem mit Lizenzgebühren für Videomaterial haben. Die Agentur ist auf diesem Feld bislang kaum unterwegs, anders als die drei Welt-Agenturen, die das Schweden-Event boykottierten. So lief auch um 15.52 Uhr als einzige Eilmeldung in Deutschland die von der dpa in die Systeme der Redaktionen ein: "Ja-Wort: Victoria und Daniel sind verheiratet".
Schwer getroffen haben dürfte der Boykott der Hochzeit seitens AP den Deutschen Auslands-Depeschendienst (DAPD). Bis Dezember war er noch der deutsche Ableger der US-Agentur Associated Press, wurde dann aber an den Deutschen Depeschendienst (ddp) verkauft. Mit dem Deal kaufte die ddp-Holding um Martin Vorderwülbecke und Peter Löw für 15 Jahre das Recht, die internationalen AP-Meldungen auf dem hiesigen Markt exklusiv nutzen zu dürfen. Der DAPD stützt sich seitdem bei seinen Auslandsberichten vor allem auf die Arbeit des internationalen AP-Dienstes. So meldete DAPD am Samstag auch sichtbar überrascht: "Die Nachrichtenagentur DAPD berichtet deshalb, wenn auch in eingeschränkter Form, aus anderen Quellen über dieses Ereignis." DAPD-Sprecher Wolfgang Zehrt sagte MEEDIA: "Wir haben Verständnis für die Entscheidung der drei internationalen Agenturen, aber für unser Angebot improvisiert, um die Berichterstattung für unsere Kunden aufrecht zu erhalten. Hätte die Agenturgruppe DAPD ddp selbst Bewegtbild-Content als großes Standbein, dann hätten wir uns dem Protest wahrscheinlich sogar angeschlossen."
Der DAPD berichtete zugleich im eigenen Dienst, der Boykott der drei Weltagenturen habe "eine beispiellose internationale Debatte über Pressefreiheit ausgelöst". Nicht thematisiert hat er indes einen ganzen Tag lang, wie sehr sein Angebot vom Lizenzgeber AP (New York) abhängig ist. Der DAPD wird wohlgemerkt in diesem Herbst mit seinem Schwesterdienst ddp zu einem einzigen Dienst fusionieren, der nach den Worten der Eigentümer die dpa "verzichtbar" machen soll. Die war zumindest bei diesem Medien-Event deutlich besser aufgestellt, was sich auch in der Detailtiefe der Agenturtexte zeigte.
Am Sonntagabend meldete DAPD schließlich auch: "Die Nachrichtenagentur DAPD stützt sich in ihrer deutschsprachigen Auslandsberichterstattung auf das internationale Angebot der AP und war somit von dem Boykott betroffen." DAPD/ddp-Chefredakteur Cord Dreyer zitierte die Agentur mit den Worten: "Um die Nachfragen deutscher Medien zu bedienen, mussten wir kurzfristig improvisieren, konnten aber nur ein Rumpfangebot in Text und Bild erstellen. Der DAPD bietet derzeit keine Video-Berichterstattung an und war deshalb auch nicht in die Gespräche der internationalen Agenturen eingebunden."
Die internationalen Medien stehen währenddessen vor einer Grundsatz-Debatte: Sind königliche Hochzeiten ein Staatsereignis von nationaler und gesellschaftlicher Bedeutung – und müssen Medien aller Art deshalb uneingeschränkten Zugriff auf das Geschehen haben? Mindestens ebenso fraglich ist aber auch: Dürfen Nachrichtenagenturen ihre Text- und Fotoberichte über ein Medien-Spektakel einstellen, bloß weil ihr Geschäftszweig "Video" in Gefahr gerät? Die Kunden der Agenturen, die für einen belastbaren Service viel Geld lassen, dürften über diese Politik jedenfalls nicht sonderlich begeistert sein.
Achtung: Dieser Artikel wurde am Sonntag, 20. Juni, um 15 Uhr mit Angaben von DAPD aktualisiert. Außerdem hat AFP seine Angaben zu den Boykott-Gründen präzisiert. Auch diese wurden übernommen. Eine weitere Aktualisierung folgte gegen 17 Uhr mit einem Statement des DAPD-Chefs Cord Dreyer.

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