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Mauer WM-Start deprimiert Briten-Boulevard

Wer solche Torhüter hat, braucht keine Gegner mehr - das hat meine Gastnation in ihrem Auftaktspiel bei der WM auf die harte Tour gelernt. Das verdrängt für kurze Zeit sogar das Lieblings-Feindbild der englischen Fußballfans: das deutsche Team, die "Krauts". Als ich 1998 in London ankam und während der WM als Kellnerin arbeitete, gab ich mich vorsichtshalber als Schweizerin aus. Heute kann man sich mit Fritz-Akzent und Bundesliga-Shirt auf die Straße wagen - zumindest in London.

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Wer solche Torwärter hat, braucht keine Gegner mehr – das hat meine Gastnation in ihrem Auftaktspiel bei der WM auf die harte Tour gelernt. Das verdrängt für kurze Zeit sogar das Lieblings-Feindbild der englischen Fußballfans: das deutsche Team, die "Krauts". Als ich 1998 in London ankam und während der WM als Kellnerin arbeitete, gab ich mich vorsichtshalber als Schweizerin aus. Heute kann man sich mit Fritz-Akzent und Bundesliga-Shirt auf die Straße wagen – zumindest in London.
Die Sun verbreitete Wochen vor der WM Poster mit den England-Flagge und den Worten "Maybe, just maybe". Das was mal der Slogan der National Lottery. Und so gut scheinen auch die Chancen zu stehen für die englische Elf. In Wettbüros steht die heimische Mannschaft derzeit an Nr. 6 hinter Spanien, Brasilien, Argentinien, Holland und Deutschland. Dabei nahm Nationaltrainer Fabio Capello die Vorbereitungen auf Südafrika so ernst, dass die Mannschaft noch nicht einmal den traditionellen World Cup-Song aufnehmen durfte. Leider hatte Capello bei all dem Ernst  vergessen, seine Jungs an den neuen Ball zu gewöhnen, und so vergeht kein Tag, an dem nicht einer über den unberechenbaren Ball mault. Scheinbar gab’s Verträge mit anderen Ballmachern in England im Gegensatz zur Bundesliga, aber hin oder her: Wenn der Ball schon die erste Hürde ist, wie kann’s da besser werden?

Und so ging das Pleitenfest schon vor der WM los. Kapitän Rio Ferdinand wurde im Training von seinem Kollegen Emile Heskey flachgelegt und musste mit kaputtem Knie nach Hause humpeln. Gareth Barry und Lesley King bewiesen ebenfalls fortgeschrittene Grobmotorik und mussten teilweise aussetzen. Englands größte Hoffnung Wayne Rooney, als Shrek, war dieses Jahr schon etliche Male beim Doc. Da Rooney das Temperament der besten Hooligans im Lande teilt, ist neben der nächsten Verletzung die rote Karte nur eine Frage der Zeit. Es sei denn, England fliegt bis dahin raus. Torwart Robert Green wird das schon richten, wenn man nach seiner Performance im ersten Spiel gegen die USA geht. Die Presse zerriss ihn gnadenlos; die Worte von Kermit dem Muppet-Frosch "It’s not easy being Green" gehörten noch zu den netteren Kommentaren.

Wie Green sich nach dem Spiel gefühlt haben muss wurde viel – und total sinnlos – von den TV-Kommentatoren diskutiert. Aber die Fachleute des Senders ITV, der sich mit der BBC die Übertragungsrechte teilt, konnten dem Pechvogel bald nachfühlen. Wie sich heraus stellte, gab es einen Übertragungsfehler für Zuschauer in HD, und die verpassten Englands einziges Tor. Versehentlich wurde stattdessen ein Werbespot für Hyundai gezeigt. ITVs Chef-Fussballkommentator Adrian Chiles versuchte die Komplexität der Live-Übertragung zu beschreiben (so viele Leute, so viele Kabel) und entschuldigte sich für die Panne.

Das war die erste von zwei Blamagen für den Sender: Chiles‘ Co-Moderator Robbie Earle wurde diese Woche fristlos aus seinem Vertrag von £ 175.000 pro Jahr entlassen, nachdem der jamaikanische Ex-Fussballprofi offenbar Teile seines Ticketkontigents veruntreute. Die 150 Tickets waren für Freunde und Verwandte bestimmt, aber dann tauchten 36 junge Blondinen in identischen kleinen orange-farbenen Fummeln bei dem Holland–Dänemark Spiel auf Earle’s Plätzen auf. Scheinbar hatte er die Tickets and die niederländische Brauerei Bavaria weitergegeben, die einen Guerilla-Marketing-Stunt plante und mit den 36 Damen für Aufruhr sorgten. Aufmerksamkeit haben sie auf jeden Fall erreicht, auch wenn die Brauerei die Kampagne abstritt und lediglich sagte, Holländer liebten die Farbe orange – und die Outfits hätten keinerlei Logos oder Werbung gezeigt. Inzwischen ist die Situation eskaliert: Die Mädels wurden von der Polizei verhört und könnten bis zu sechs Monate in den Knast kommen, denn der Vorfall wird nun als kriminelle  Untat verfolgt. Der niederländische Außenminister bezeichnete die südafrikanische Reaktion als überproportional und sinnlos. Und Robbie Earle hat neben seinem Vertrag auch seinen Job als Botschafter für die WM 2018 in England verloren.

Bei soviel Pech und Pleiten in den eigenen Reihen gerät die alte Rivalität mit Deutschland ins Hintertreffen. Im Gegenteil: Angst macht sich breit. Die Moderatoren während des deutschen Auftakts gegen Australien versuchten tapfer, die deutschen Tore als Glück gegen einen schwachen Gegner zu beschreiben, aber am Ende musste man sich eingestehen: Deutschland hat extrem gut gespielt. Die englischen TV-Stimmen zittern bei dem Gedanken, auf Deutschland im Viertelfinale zu stoßen.

Daher tat die Kritik von Franz Beckenbauer an der englischen Taktik besonders weh. Hätte man seine Worte früher mit ein paar einsilbigen Schimpfworten und einem freundlichen Mittelfinger abgetan, wurden des Kaisers Kommentare ernsthaft diskutiert. Erst nach Tagen rappelten sich Capello und Rooney zum Gegenschlag auf. Capello kritisierte die Kommentare, die Engländer seinen zu den schlechten alten Tagen des "kick and rush" zurückgekehrt, als respektlos gegenüber dem Team. Von der Tribüne aus sähe es halt anders aus als auf dem Spielfeld, und die Deutschen hätten mit Australien einen einfacheren Gegner gehabt als die Engländer mit den USA. Und Rooney hat es endlich zum Poster-Boy der nostalgischen Rivalität geschafft, nachdem ein deutscher Journalist ihn "konfrontiert" hatte (vermutlich im Stahlhelm). Die Sun hat ihn heute artig auf die Titelseite gedruckt, in schönster Shrek-Pose, mit den Worten "Herr we go". Deutschland sei nach dem 4:0 gegen Australien arrogant geworden, und er würde liebend gern gegen uns spielen und gewinnen.

Aber auch wenn die Boulevard-Presse mit aller Wucht versucht, die alte Rivalität aufrecht zu erhalten, die Volksstimmung repräsentiert das nicht mehr so ganz – zumindest nicht in London. Die größte nationale Radio-Station BBC Radio 1 veranstaltet am Freitag eine WM-Party in der Hauptstadt (lieber jetzt schon, solange England noch drin ist), bei der unter anderen die deutsche Band Baseball spielt. In dem Pub, in dem wir uns das erste Deutschland-Spiel anschauten, saß ein komplett deutscher Tisch mit Bundesliga-Shirts ohne Sorgen um blaue Augen. Die deutsche Flagge ist in einigen Pubs aus den Fenstern drapiert – neben anderen natürlich, aber immerhin. Neulich hing die deutsche Fahne sogar aus dem derzeit renovierten St. Pancras-Hotel, das zentral liegt und dem Eurostar-Bahnhof angeschlossen ist. Ob das allerdings nur ein übermütiger Bauarbeiter war, ist denkbar.
Sowas hätte früher nicht gegeben. Bei den letzten Weltmeisterschaften rannten die Londoner Jungs bei deutsch-englischen Spielen mit ausgebreiteten Armen rum, machten Flieger- und Bombengeräusche und spielten Blitzkrieg auf der deutschen Tribüne. Das war einmal, und viele Engländer würden sagen: leider.

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