Feigenblatt: das Selfmade-Sex-Heft

Erotik als Familien-Business: Die Oma steuerte das Geld bei, der Vater lieferte Texte, und der Ehemann redigierte den ersten Entwurf, bevor das Erotik-Magazin Feigenblatt in den Druck ging. Das war vor fünf Jahren. Das Selfmade-Sex-Heft ist eine Erfolgsgeschichte. Zum Jubiläum wurde die Auflage auf 15.000 Exemplare erhöht. Dennoch sieht Herausgeberin Anja Braun einen neuen Prüderie-Trend: "Ich mache mir etwas Sorgen, dass neue Vertriebskanäle wie Facebook oder das iPad Einfluss auf die Pressefreiheit nehmen."

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Anja Braun setzt in ihrem monothematischen Werk, das im Eigenverlag erscheint, auf lyrische Geschichten zum Thema Sex und Zärtlichkeit: "Was das Feigenblatt von anderen unterscheidet ist, dass es seine Leser ernst nimmt und nicht mit Marketing-Tricks arbeitet á la ‚zehn Tipps, wie Sie eine Frau rumkriegen’", so Braun. Im aktuellen Jubiläumsheft drehen sich alle Geschichten um das Thema Frauen, beispielsweise, was Frauen Männern immer mal sagen wollten und umgekehrt oder auch die Vagina-Monologe – jedoch nicht in Schmuddel-Heft-Manier, sondern in wohl durchdachten Sachtexten, Kurzgeschichten, Lyrik und Fotografien. "Frauen wollen erotische Anregungen in Form von Geschichten haben, weil sie sich die Bilder dazu im Kopf machen wollen. Männer wollen hingegen Bilder und holen sich die Anregungen darüber", so die 38-Jährige über das Konzept, das beide Geschlechter ansprechen soll.

Zum Thema lyrische Erotik kam die Unternehmerin eher durch Zufall und privatem Interesse. "Ich habe einen anderen Zugang zu dem Thema als jemand, der eine klassische Medienausbildung gemacht hat", sagt die 38-Jährige. "Mein Mann und ich gehen stark von der Leserperspektive aus." Anja Braun ist gelernte Bauzeichnerin und Web-Entwicklerin. Herbert Braun ist hauptberuflich Redakteur bei der Computerzeitschrift c’t und unterschützt seine Ehefrau nach Feierabend. "Wir versuchen verschiedene Blickwinkel zum Thema Sex zu entwickeln", sagt die Herausgeberin. Dabei dürfte es auch schon mal "ungewöhnlich" zugehen, wenn das Magazin Fetisch oder Polyamory zum Thema mache und die Hintergründe über diese Liebesstile liefere.
Ungewöhnlich sind auch die Anfänge des Feigenblattes. Bei der Großmutter fragte Braun nach einer Finanzspritze. Sie erklärte ihr damals, dass ein Erotik-Magazin eine Marktlücke darstelle und stieß dabei auf verhaltene Begeisterung. "Sie sagte: ‚Für’s Geschäft ist das ok, aber ich will nicht weiter darüber nachdenken’", erinnert sich Braun. Auch beim Vater fragte sie nach, jedoch nach publizistischer Aushilfe. Da dieser zu jener Zeit als Schlagertexter arbeitete und nebenbei erotische Geschichten in seiner Freizeit schrieb, lieferte er damals Texte zu und macht es auch noch heute. "Ich finde es toll, dass er mich so unterstützt und hinter mir und dem Feigenblatt steht. Er kann gut schreiben und ansonsten muss man ja nicht weiter darüber nachdenken", so Braun über das väterliche Engagement.
Auch wenn Erotik und Sexualität eigentlich jeden Menschen angehen müssten, stieß Braun am Anfang sowohl im Freundeskreis als auch bei potenziellen Werbekunden auf Unverständnis für ihr Projekt. "Viele wollen einfach nichts mit Sexualität zu tun haben." Wenn sie den Telefonhörer zur Hand nehmen, um Anzeigen zu akquirieren, würden viele potenzielle Kunden sofort auflegen. "Wenn ich es aber schaffe, die Adresse rauszukriegen und das Heft dort hinschicke, dann sind die meisten begeistert", so Braun. Mittlerweile habe sich die Lage etwas verbessert, der Druck kann durch die Anzeigen refinanziert werden. Man braucht viel Ausdauer in dem Segment.
Der Feigenblatt-Macherin ist es wichtig, dass es sich bei ihrem Magazin um kein Schmuddelheft handelt, sondern um ästhetische Erotik. Jeder Artikel, jedes Foto werde daher geprüft, ob es gegen geltende Norm verstößt und demzufolge als jugendgefährdet eingestuft werde. Bei besonders heiklen Themen schaue auch ein Anwalt auf die Texte und Bilder, damit das Heft ohne Schwierigkeiten ausgelegt werden kann. "Das Problem ist ja nicht die Bundesprüfstelle, sondern der Kioskbesitzer, der mit dran ist, wenn es dann doch zu einer Klage kommt. Und der ist vielleicht etwas ängstlich, weil er damit nicht umgehen kann, dass es jemanden gibt, der über das Thema so offen schreibt", sagt Braun. Einmal musste eine komplette Ausgabe zurückgerufen werden, weil sich jemand an einem Bild, auf dem zwei Männer ihre halbsteifen Penisse den Sonnenstrahlen entgegenstreckten, gestört hatte.
Aus dem Grund der pornographischen Verbreitung mussten detaillierte Besprechungen von Erotik-Filmen und Büchern aus dem Heft gestrichen werden. Diese Inhalte gibt es jetzt nur noch im Feigenblätter-Newsletter zu lesen. Um diesen zu abonnieren, muss man eine Kopie des Personalausweises an die Redaktion schicken. Das Angebot werde gut angenommen, sagt Braun. Der Markt dafür ist also da.
Dennoch bereite es ihr Sorgen, dass die stark frequentierten Vertriebswege über Facebook und iPad Einfluss auf die Pressefreiheit nehmen und Magazine wie Feigenblatt einer Zensur unterlaufen könnten. "Das recht rigide Vorgehen im Umgang mit allem, was mit Sexualität zu tun hat, ist ein Rückschritt in Richtung einer neuen Prüderie – wenn das zunimmt, wird publizistisches Arbeiten in diesem Bereich sehr schwierig", bewertet Braun die aktuelle Situation.
Für die nächsten fünf Jahre wünscht sich Braun, "dass sich das Blatt hält" und sich zwei, drei volle Stellen finanzieren lassen. Derzeit wird die Redaktion von ihr und ihrem Mann sowie einem weiteren Mitarbeiter gestemmt. Artikel und Fotos kommen von freien Mitarbeitern und Lesern, die unentgeltlich für das vierteljährlich erscheinende Feigenblatt arbeiten – eben wie in einem gut organisierten Familienunternehmen.
Das Feigenblatt ist im gesamten deutschsprachigen Raum im Bahnhofsbuchhandel, gut sortierten Zeitschriftenläden und in frauenorientierten Erotikshops zum Preis von fünf Euro erhältlich. Die Jubiläumsausgabe zum Thema "Frauen" erscheint am Donnerstag, 17.6.2010.

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