Wie Aust & Co. die Zukunft von N24 planen

Eine Nachricht wie ein Paukenschlag. Was viele Beobachter zuletzt kaum mehr für möglich gehalten hatten, ist seit Mittwochmorgen Fakt: Stefan Aust ist als neuer Miteigentümer von N24 in die erste Liga der Medien-Produzenten zurückgekehrt. Beim Poker um die Nachrichten-Lieferung für die Senderfamilie von ProSiebenSat.1 hat der 63-Jährige auch seinen früheren Fernseh-Produzenten Spiegel TV aus dem Rennen geschlagen. Wer Aust kennt, ahnt, dass bei N24 nun gründlich aufgeräumt wird. 72 Stellen fallen weg.

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Mit der Transaktion zum 1. August werden nach einer Mitteilung der Käufer "umfangreiche Restrukturierungsmaßnahmen" eingeleitet, um die Kosten bei der Nachrichtenproduktion "signifikant" zu senken. Zwar sind von ursprünglich 239 Planstellen für 2010 aufgrund von Fluktuationen und dem von ProSiebenSat.1 forcierten Verzicht auf Nachbesetzungen derzeit nur 227 Stellen besetzt, und auch diese Zahl wird sich bis zur Übergabe weiter auf 218 Vollzeitstellen reduzieren. Doch dies reicht bei weitem nicht aus, um den angeschlagenen Sender wieder Richtung Profitabilität zu trimmen: voraussichtlich 72 Stellen sollen laut Aust & Co. durch Vertragsaufhebungen oder Kündigungen abgebaut werden sollen.
Die Moderatoren der Formatnachrichten von SAT.1, ProSieben und kabel eins sollen künftig bei den Sendern angestellt sein. Nach der Restrukturierung wird der Sender N24 insgesamt voraussichtlich 141 Stellen haben. Die Maßnahmen würden durch einen umfassenden und weit über den gesetzlichen Rahmen hinaus gehenden Sozialplan, der bereits am 23. März 2010 unterzeichnet wurde, abgefedert, heißt es weiter.
Die operative Gesamtführung der neuen Unternehmensgruppe übernimmt Torsten Rossmann. Weitere Geschäftsführer der N24 Media GmbH sind Frank Meißner (Produktion & Technik), Karsten Wiest (Finanzen) und Stefan Aust (New Business). Torsten Rossmann und Stefan Aust halten jeweils 26 Prozent an der N24 Media GmbH, Frank Meißner, Karsten Wiest, Maria von Borcke und Thorsten Pollfuß je 12 Prozent.
Torsten Rossmann, den den Sender aus dem effeff kennt, ist zuversichtlich, eine Trendwende bewerkstelligen zu können: "Mit N24 Media entsteht ein im deutschen TV-Markt einzigartiges Produktionsunternehmen, dessen Portfolio von Hard News bis zu Boulevard-Formaten reicht. Dank lang laufender Produktionsverträge mit der ProSiebenSat.1-Gruppe verfügen wir über alle Voraussetzungen, um ein leistungsstarkes Produktionsunternehmen um den Sender N24 herum aufzubauen, das sich langfristig im Markt behaupten kann. Einen Sender wie N24 aus einem TV-Konzern herauszulösen, ist ein Novum in Deutschland und ein komplexer Prozess. Wir sehen die Potentiale und nehmen die Herausforderung sowie die Verantwortung für die Mitarbeiter gern an."
Stefan Aust sieht sich vor allem als Macher: "Ich freue mich, dabei zu sein und dieses Unternehmen zusammen mit meinen Partnern aufzubauen. Meine Aufgabe wird es vor allem sein, mich ab sofort um zusätzliche Aufträge für neue Reportagen und Dokumentationen zu kümmern, die der neuen Unternehmensgruppe zugute kommen und zusätzliche Beschäftigung sichern."
N24 Gesellschaft für Nachrichten und Zeitgeschehen mbH Der Nachrichtensender N24 wird weiterhin vom Potsdamer Platz in Berlin senden und wie berichtet die Zulieferungen an die Sender von ProSiebenSat.1 übernehmen. Der Nachrichtenzulieferungsvertrag mit dem Münchner Konzern läuft über sieben Jahre bis zum 31. Dezember 2016.
Der Nachrichtensender N24 behält sein Programmschema weitgehend bei. Von 7.00 bis 13.00 Uhr gibt es durchgehend Nachrichten und Wirtschaft, im Anschluss folgen stündlich Nachrichten. Hinzu kommen Dokumentationen, Reportagen, Magazine und Talks. N24 wird sich stärker auf Politikberichterstattung ausrichten und bis zum 4. Quartal 2011 ein eigenes deutsches Videojournalisten-Netzwerk mit 13 neuen Stellen aufbauen. Ein Teil der N24-Magazine, die bisher auf der Basis von Zulieferungen aus der ProSiebenSat.1-Gruppe entstanden, wird sukzessive durch Dokumentationen und Reportagen ersetzt. Pro Jahr wird N24 rund 50 neue Reportagen in Auftrag geben, die einen neuen Schwerpunkt im Programm bilden.
Neuer N24-Chefredakteur wird Arne Teetz, bislang Stellvertretender Chefredakteur. Durch den Wechsel von Chefredakteur Peter Limbourg nach München eröffnen sich für Rossmann und Aust viele Möglichkeiten, das Profil des Senders auch nach außen hin zu schärfen oder neu zu definieren. Durch seine nach wie vor glänzenden Kontakte zu anderen Sendern, gerade auch im öffentlich-rechtlichen Bereich, dürfte es Aust, der zusammen mit den Ex-Spiegel TV-Führungskräften Thorsten Pollfuß und Thomas Amman bereits die Produktionsfirma Agenda Media GmbH betreibt, nicht mangeln. ARD und ZDF sind hier sicherlich interessierte Kandidaten.
Wahrscheinlich ist zudem, dass Aust die schnellen News eher als Beiwerk betrachten wird und verstärkt vertiefende Stücke senden könnte. So sickerte bereits durch, dass das Nachrichtenbudget von N24 halbiert werden soll. Weiter soll die morgendliche Nachrichtenstrecke künftig pro Stunde aus vier 15-Minuten-Blöcken bestehen, die nur aktualisiert werden, wenn es notwendig ist. Größere Livestrecken soll es nicht mehr geben, die derzeitigen Doppelmoderationen sind passé. Auch die Flotte der derzeit vier N24-Übertragungswagen soll abgebaut werden, schließlich will man künftig weniger auf Liveschalten und mehr auf Agenturmaterial von Reuters & Co. setzen. Neben den Änderungen bei den Nachrichten gibt es auch bei den Talkshows Änderungen: Sie sollen reduziert werden. Die Umstellung des N24-Programmschemas soll nach aktuellen Planungen Anfang August realisiert werden.

Und noch eine Überraschung: Den Online-Part des WAZ-Entwicklungsprojekts "Woche" will Aust offenbar bei N24 realisieren. Für eben diese crossmediale Verschränkung, seinerzeit noch in erster Linie zwischen Printmagazin und Website, hatte Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner dem 63-Jährigen und seinem Team höchste Anerkennung gezollt. Bei der Realisierung des Internet-Konzeptes könnte es sogar zu einer Zusammenarbeit mit ProSiebenSat.1 kommen. Thomas Ebeling schließt eine Beteiligung daran offenbar nicht aus. Auf die künftige Web-Strategie von N24 darf man also gespannt sein.

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