Stefan Aust: neuer Anlauf für die „Woche“

In einem Conference Call haben ProSiebenSat.1-Vorstandschef Thomas Ebeling und die designierten neuer Betreiber von N24 am Mittag Details und Hintergründe zum Besitzerwechsel des Nachrichtensenders mitgeteilt. Großer Gewinner ist die Münchner Sendergruppe, die ihre Nachrichten künftig mit 30 Millionen Euro jährlich um fast die Hälfte günstiger einkauft als bisher durch die Eigenproduktion. Überraschung am Rande: Stefan Aust will unter dem Sender-Dach auch sein Magazin "Woche" launchen.

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Aber der Reihe nach. Als ein Team, das "für hervorragende journalistische Qualität steht", bezeichnete ProSiebenSat.1-CEO Ebeling die künftigen Hauptgesellschafter Torsten Rossmann und Stefan Aust, die später versicherten, auch "mit privaten Geld beim Sender investiert" zu sein. Ebeling hob hervor, dass mit der neuen Struktur die "Nachhaltigkeit" des TV-Betriebs gesichert sei und "notwendige Kostenersparnisse realisiert" werden, ohne dass  das Niveau des Angebots leide: "Alles in allem ist dies eine sehr substanzielle und auf Langfristigkeit angelegte Lösung." Für Sat.1 entwickelt das neue Führungsteam in Berlin auch ein neues Magazin-Format, das im kommenden Jahr als wöchentliche Sendung gestartet werden soll.
Der bisherige und neue N24-Geschäftsführer Torsten Rossmann erklärte, dass der Vertrag erst am Mittwochmorgen nach "sehr intensiven, teilweise nächtlichen Gesprächen" unterzeichnet worden war. Die Verhandlungen seien schwierig gewesen, weil "es ja nicht nur um einen Kaufvertrag, sondern um die langfristige Vereinbarung von Dienstleistungen" gegangen sei. Rossmann kündigte an, dass die Positionierung des Senders "weitgehend unverändert bleiben" werde und man auch mit den bekannten Moderatoren für die Zukunft plane. Einen stärkeren Akzent wird N24 wohl auf die politische Berichterstattung legen.
Nach dem Wegfall der Vermarktung durch die Seven One Media wird derzeit offenbar nach einem Vermarktungspartner gesucht – eine eigene Unit für diesem Bereich ist kein Thema. Rossman: "Wir sehen auch in der Vermarktung noch ein Potenzial." Zunächst werde man allerdings mit der Restrukturierung beschäftigt sein, bei der insgesamt fast 100 Stellen gestrichen werden. Bundesweit sollen gleichzeitig 13 Stellen für sogenannte "VJs" geschaffen werden, Ein-Mann-Teams mit Digitalkameras, die bei "Nachrichtenlagen" schnell vor Ort sind und eigens Bildmaterial liefern sollen.
Für Stefan Aust ist der Kauf des Kanals eine "gewaltige Chance". N24 sei künftig der größte nonfiktionale unabhängige TV-Produzent in der Hauptstadt, was dem Sender auch große Möglichkeiten bei Neugeschäften eröffne. Die Zusammenarbeit von ARD und ProSieben beim Eurovision Song Contest habe verdeutlicht, dass die Grenzen zwischen öffentlich-rechtlichem Rundfunk und privatem Fernsehen fließend seien. Ein nicht unerheblicher Teil der 50 Reportagen, die der Sender jährlich produzieren wird, könnten also auch bei ARD und ZDF landen.
Für den kompletten Nachrichtenbetrieb erhält N24 von ProSiebenSat.1 pro Jahr 30 Millionen Euro. Zusätzlich schreibt der TV-Konzern in diesem Jahr eine Summe von 41 Millionen Euro ab, die u.a. für den Strukturwandel und den angekündigten Personalabbau aufgewendet werden. Die günstigere Produktion wird voraussichtlich durch eine deutlich kostenschlankere Nachrichtenproduktion "erkauft". So ist das Schicksal der vier sendereigenen Ü-Wagen ungewiss, zudem werden künftig deutlich wenige Mitarbeiter im aktuellen Bereich eingesetzt. In ersten Reaktionen zeigten sich N24-Angestellte nach der Betriebsversammlung eher ernüchtert. Man habe den Eindruck, dass die Maßnahmen zu einem "Billigfernsehen" führen würden. Der Betriebsrat hat für den Nachmittag eine Stellungnahme angekündigt. Offenbar gilt ab sofort das Angebot an alle Mitarbeiter, den Job gegen eine Abfindung aufzugeben.
Hellhörig wurde die Journalisten, als Aust ankündigte, dass er mit dem Kauf des Nachrichtensenders auch einen neuen Anlauf für sein Printprojekt "Woche" starten wird: "Wir werden das einbringen und uns bemühen, es allein oder mit anderen zusammen zu realisieren." Aust verwies darauf, dass die "Woche" als "Hybrid-Magazin" mit gedrucktem Heft, Web-Portal und TV-Format konzeptioniert und "nur mit einem TV-Sender im Rücken überhaupt lebensfähig" sei. Den hat er jetzt, räumt aber auch ein, dass man mit den Planung "wieder ganz am Anfang steht". Ob das Magazin als Printtitel komme und wenn ja, in welcher Erscheinungsfrequenz, müsse sich zeigen. Fest steht: Auch der Traum vom "Gegen-Spiegel" ist für den Ex-Chefredakteur noch lange nicht ausgeträumt. 

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