Grossostreit: Bauer sucht den Dialog

Im festgefahrenen Streit mit den Grossisten setzt die Bauer Media Group auf Dialog. Bei einem Pressetermin in Hamburg kündigten Verlagschefin Yvonne Bauer und Geschäftsführer Andreas Schoo an, dass man auf den Grosso-Verband zugehen und diesem Verhandlungen über eine Reform des bundesweiten Systems anbieten wolle. Damit sollen die zuletzt vorwiegend juristisch ausgefochtenen Differenzen überbrückt werden. Schoo erklärte zudem "Bauer steht nach wie vor zum Grosso-System und dessen Grundsätzen".

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Das Ziel für den Verlagsmanager ist dabei eindeutig: "Wir wollen gemeinsam mit den Grossisten eine optimale Marktausschöpfung erreichen." Schoo ließ auch keinen Zweifel daran, dass er das tradierte Modell des deutschen Pressevertriebs für unbedingt reformbedürftig hält: "Das System ist deutlich zu teuer, wir zahlen zu viel ein und bekommen zu wenig zurück."  
Er mahnte die Gegenseite, das Verhandlungsangebot anzunehmen: "Wir vertun seit Monaten viel Zeit damit, uns im klein-klein zu Verzetteln, und sehen gleichzeitig tagtäglich, wie die Print-Umsätze wegbrechen."
Schoo präsentierte zur Untermauerung seiner Forderungen die Ergebnisse einer aufwändigen Marktstudie. In einem "Geldatlas" des Grossowesens stellte er die zersplitterte Struktur der gewachsenen Gebietsverteilung dar. Diese sei ausschließlich historisch bedingt und entspreche nicht der logistischen Vernunft. Insgesamt 73 Grosso-Gebiete gebe es in Deutschland, die von 133 Geschäftsführern gemanaged würden. Dabei seien weder der Aufwand noch der Service in den verschiedenen Gebieten vergleichbar. Dennoch sei die Grossospanne für alle Marktteilnehmer identisch, unabhängig davon, wie hoch die Kosten der Handelsbelieferung im Einzelfall seien: "Da gibt es große Unterschiede zwischen einer Metropol-Region wie Hamburg und einem ländlichen Gebiet wie der schwäbischen Alb."
Schoo machte deutlich, was für ihn der Königsweg der Kostenreduzierung bei den Grossisten sein würde: "Die Kernlösung ist die Fusion und die Nutzung der damit verbunden Synergien." Dadurch, so glaubt der Verlags-Manager, könnten die Grossisten effektiv Kosten einsparen und diese Gelder den Marktteilnehmern zufließen lassen. Denn es gehe nicht nur darum, den Verlagen, die durch Umsatzrückgänge im Vertrieb sowie eine dauerhaft schwierige Anzeigenlage besonders unter Druck stehen, eine höhere Marge am Vertriebserlös zukommen zu lassen. Auch die Kioske und Supermärkte stünden dabei im Fokus: "Wenn der Einzelhandel den Spaß an unseren Produkten verliert, dann herrscht Alarmstufe Rot." Schoo nannte das Beispiel der amerikanischen Handelskette Walmart, die Regalplätze für Zeitungen und Zeitschriften reduziert hätten und dort nun Batterien und Softdrinks anbieten würden.
In einem Exkurs über die "sieben größten Vertriebsmythen" widersprach Schoo auch der Unterstellung, Bauer wende sich gegen die "Gemeinsame Erklärung" von Verlegern und Grossisten. "Wir wollen das System nicht kippen, denn wir leben davon. Aber es muss effektiver gestaltet werden." Schoo sprach in diesem Zusammenhang von einem "Milliardengeschäft ohne Verträge" und stellte klar: "Der Servicegedanke ist bei dem einen oder anderen Grossisten noch ausbaufähig."
Dass Bauer nun bereit ist, die Friedenspfeife zu rauchen, verwundert nur auf den ersten Blick. Denn seit längerem ist klar, dass durch die erbitterten gerichtlichen Auseinandersetzungen in der Sache für alle Beteiligten kaum etwas zu gewinnen ist. Bauer hat selbst die Erfahrung machen müssen, dass Gerichte sehr unterschiedlich urteilen und der Prozessweg letztlich Zeit kostet, die die Verlage eigentlich nicht haben. Denn anders als bei den Grossisten, deren Umsatzrenditen über die Jahre praktisch gleich geblieben sind, verlieren die Verlage stetig – wie auch der Einzelhandel. Nach den harten Maßnahmen der Vergangenheit, als Bauer an zwei norddeutsche Grossisten außerordentliche Kündigungen rausschickte, sowie dem einseitigen Vorpreschen mit dem Top 100-Siegel scheint im Hamburger Medienhaus die Einsicht eingekehrt zu sein, dass man gemeinsam mehr erreichen kann als gegeneinander.
Die jetzt gestartete Initiative birgt großes Konsenspotenzial für alle Verlage, und genau darauf könnte der Anruf, den Verlagschefin Yvonne Bauer am Dienstagmorgen bei Grossoverbands-Chef Frank Nolte vornahm, zielen – nämlich, dass hier ein Dialog gestartet wird, der letztlich im Interesse aller Verlage sowie der Mehrheit der Grossisten liegt. Im Kern dürfte die Verhandlungsposition so aussehen, dass die Grossisten von ihrer derzeitigen Handelsspanne (durchschnittlich 20 Prozent) einen erheblichen Nachlass gewähren und die dadurch entstehenden Verluste durch Optimierung der Gebietszuschnitte und Kosten für sich wieder wett machen. Ein Bad Cop/Good Cop-Spiel, das vor allem eins bewirken soll: Bauer will, so Schoo, in Sachen Grosso-Konflikt "endgültig in den Aktionsmodus übergehen".

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